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Schwerpunkt AVANTGARDE: Ungeliebtes Wunderwerk – Mendelsohns Trikotagenfabrik „Rotes Banner“

Von   /  15. Oktober 2009  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die Trikotagenfabrik von Erich Mendelsohn (1926-1937) gilt heute als Aushängeschild für Leningrads Avantgarde-Architektur – aber nicht immer war dieses Wunderwerk der Architektur in der Stadt so beliebt. Schon kurz nachdem der deutsche Architekt 1925 vom Leningrader Textiltrust den Auftrag für den Bau erhalten hatte, wandten sich konservative russische Architekten in einer Kampagne gegen den Ausländer, der den prestigeträchtigen Auftrag erhalten hatte.

Zwar wurde Mendelsohns Projekt dadurch nicht angetastet, doch in der Umsetzung des Entwurfs, der nur zu einem kleinen Teil verwirklicht wurde, schlug sich der Widerstand deutlich nieder. Dieser Konflikt, den Mendelsohn trotz zahlreicher Arbeitsbesuche und Verhandlungen nicht beilegen konnte, führte dazu, dass er dem Fabrik-Projekt schliesslich 1928 seine Autorenschaft absprach.

Luftungsschächte wie bei der Hutfabrik in Luckenwalde

Die erste Bauetappe unter der Leitung des erfahrenen Ingenieurs E. A. Tretjakow begann im Juni 1926 und dauerte bis 1928, die zweite zog sich bis zur Vollendung in den Dreissigerjahren hin. Das grosse Areal an der Pionerskaja ul. sollte ursprünglich durch drei prägnante Elemente gegliedert werden: Ein streng funktionalistisches, winkelförmiges, vierstöckiges Fabrikationsgebäude aus Stahlbeton, welches das Areal in Richtung NO/SO abschliesst, wurde nur als Fragment realisiert. Von den drei Werkstattgebäude im Zentrum des Betriebsgeländes sind heute nur noch zwei in der urspünglichen Form erhalten. Anstatt der raffinierten Verglasung wurden sie durch simple Giebeldächer abgedeckt. Ihre hohen Abluftschächte, die jenen von Mendelsohns Hutfabrik Luckenwalde ähneln sollten, wurden nie nach den Plänen ausgeführt.

Das Kraftwerk: „Flaggschiff“ der Leningrader Avantgarde-Architektur

Den Orginalplänen getreu baute man lediglich das Kraftwerk in der nordwestlichen Ecke Pionerskaja/Korpusnaja aus, das zu einem Synonym für Leningrads architektonischer Avantgarde avancierte und von bedeutenden sowjetischen Architekten wie Noi Abramowitsch Trozki sehr geschätzt wurde. Zeitweise war das Gebäude sogar auf den Umschlägen von Reiseführern abgedruckt. Die Kraftstation besteht wiederum aus drei Hauptteilen, in denen Mendelsohns Konzept „Funktion-Dynamik“ klar zum Ausdruck kommt. In die spitzwinklige Norwest-Ecke ist der Wasserturm mit seinen halbrunden Elementen unterschiedlichen Durchmessers gesetzt. Ihnen schliesst sich das gerippte Turbinengebäude mit aufgesetzter Kaminreihe an, das vom kubischen Heizraum abgeschlossen wird.

Dem Zerfall preisgegeben

Seiner Prominenz entsprechend ist die Aussenfassade des Kraftwerks heute in einem deutlich besseren Zustand als der Rest der Fabrikgebäude. Trotz einer hohen Mauer um das Gelände genügt ein Blick auf die Rückfassade, um den jämmerlichen Gesamtzustand der Anlage zu erahnen. Ebenso erfallen und teilweise einsturzgefährdet sind auch die mit Sternen verzierten Häuserzeilen gegenüber des Kraftwerks. Das Betriebsareal wurde inzwischen mehrfach aufgeteilt, umfunktioniert und befindet sich in Privatbesitz, was eine Instandstellung zusätzlich erschwehrt. Seine attraktive Lage auf der Petrograder Seite setzt es zudem der Gefahr aus, eines Tages einfach verkauft und geräumt zu werden.

Adresse: Pionerskaja ul. 57 (siehe Karte unten)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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