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Ruta del Sol – fotografischer Pilgerweg durch die Anden

Von   /  2. Oktober 2019  /  Keine Kommentare

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Eugen von Arb

Im Rahmen des Programms „Dialog19 – Kulturesidenzen“ stellte der deutsche Fotograf Frank Gaudlitz sein Fotoprojekt „Sonnenstrasse – La Ruta del Sol“ vor, das den Weg des deutschen Forschers Alexander von Humboldt nachzeichnet. Während seiner Präsentation am Petersburger Goethe-Institut erlaubte Gaudlitz seinem Publikum einen interessanten Blick hinter die Kulissen seiner Arbeit und seines (Leidens-) Wegs durch die unwegsamen Anden.

Sämtliche Fotoprojekte von Gaudlitz entstehen während Jahren, wenn nicht Jahrzehnten und sind akkurat vorbereitet. So musste sich der Fotograf vor seinem Weg durch die Anden in das Reisetagebuch von Alexander Humboldt (1769-1859) vertiefen, um seinen Blick und seinen Denken maximal jenem des Forschers anzugleichen, der sich 1801 auf die gefährliche Reise nach Lateinamerika machte.

Sogar das statische Bildformat (Mittelformat, 6×7) scheint speziell dafür gewählt, um optisch in den Schatten des grossen Forschers zurückzutreten. Auch Ausschnitt und Bildsprache sind maximal dokumentarisch gehalten – die „Dramaturgie“ wird allein von den Linien, Formen, Emotionen, Lichtern, Schatten und Farben der Landschaft und ihrer Menschen bestimmt. Am Beispiel einer Bergspitze demonstrierte Gaudlitz seinen „Kampf“ mit der Natur. Während Tagen wartete er vergeblich darauf, dass sich die Wolke um den Gipfel des Sechstausenders auflöste – der Berg wolle sich eben nicht fotografieren lassen, erklärten ihm Einheimische. Gaudlitz kapitulierte.

Humboldt zeigte sich entsetzt ab der Sklaverei

Trotz des Raubbaus der Kolonialzeit als die Spanier mittels Sklaverei in den Bergwerken die Bodenschätze der Anden ausbeuteten, hat sich vielerorts eine fast unberührte Landschaft erhalten. Humboldt zeigt sich in seinen Aufzeichnungen entsetzt ab der Sklaverei: „Ohne Zweifel ist die Sklaverei das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt haben“, so schreibt er in seinem Tagebuch. Da er jedoch auf seiner Reise abhängig ist von den spanischen Sklavenhaltern, wagt er keinen offenen Widerspruch.

Auch die Armut der Bergregionen ist fast dieselbe wie vor 200 Jahrhunderten. Doch trotz ihres bescheidenen Lebens haben auch diese Menschen ihre Würde, die Gaudlitz in seinen Farbporträts hervorhebt. Sie zeigen ihren ganzen Reichtum – sei es ein Stierkampf-Kostüm, ein Kampfhahn oder einfach ihre Familie. Auch diese Aufnahmen erinnern an Porträts der frühen Fotografiegeschichte, die ebenfalls ab Stativ mit langer Belichtungszeit fotografiert wurden.

Neues Russland-Projekt auf Humboldts Spuren

Neben Aufnahmen aus dem Buch zeigte Gaudlitz einige Bilder, auf denen die Reisebedingungen ersichtlich wurden. Zeitweise musste sich der Fotograf mit einem Freiluftplatz mit Panoramablick auf dem Dach eines überfüllten Reisebusses begnügen, der sich auf schmalen Strässchen entlang des Abgrunds bewegte. Er vermeide es, in Hotels zu übernachten und ziehe bescheidene Unterkünfte und private Quartiere vor meinte Gaudlitz. In Russland habe er auch schon Mal auf einem Schrank geschlafen.

Russland war schon einmal Schauplatz eines Foto-Projekts von Gaudlitz, der in den Neunzigerjahren die Soldaten der ehemaligen Westgruppe der Roten Armee aus der Ex-DDR begleitete. Nun will er den Weg verfolgen, den Humboldt ab 1829 auf seiner Russland-Expedition zurücklegte. Dieser Weg führte von Kazan an der Wolga durch den Ural und Sibirien bis an die chinesische Grenze im Altai.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Veranstaltungen des Projekts „Dialog19 – Kulturesidenzen“:

Bis 17. Oktober

DIALOG19. Kulturresidenzen in St. Petersburg. DIALOG19 wird durchgeführt vom Goethe-Institut St. Petersburg und dem Petersburger Museum für nonkonformistische Kunst. Das Programm wird gefördert vom Auswärtigen Amt der BRD im Rahmen der „Östlichen Partnerschaft“.

8. Oktober 19.00

Making of… mit Annika Hirsekorn. Workshop und Diskussion „Feministische Raumstrategien am Beispiel der Antimonumente in Lateinamerika“. Am 8. März 2019, dem internationalen Weltfrauentag, errichtete eine Gruppe von Aktivistinnen das erste Antimonument in Mexiko Stadt, dass die gezielte Gewalt gegen Frauen sowie anhaltende Femizide in Mexiko und Lateinamerika thematisiert. Im Rahmen dieses Workshops werden erinnerungskulturelle Handlungsstrategien wie Antimonumente anhand von Bildbeispielen besprochen.

10. Oktober 19.00

Making of… mit Sonja Lau. Projektpräsentation „Repaintings“. Im Vordergrund des Abends steht das gleichnamige Ausstellungsprojekt aus dem Jahre 2008, das auf einer Revision der Sammlung des Sozialistischen Realismus an der Nationalgalerie Tirana gründete. Im Gespräch wird durch die diskursiven Etappen, Widerstände und Momente inhaltlicher und konzeptueller Neuorientierung, die das Format der Ausstellung bis zuletzt prägten, inklusive ihres (inszenierten) „Verschwindens“ geführt.

15. Oktober 19.00

Making of… mit Benedikt Nuding. Vortrag und Diskussion „Orgelbau im Wandel der Zeit“. Das Innere der Pfeifenorgel birgt viele Geheimnisse und eine komplexe Technik, die seit Jahrhunderten von Orgelbauern weiterentwickelt wird. In diesem Vortrag wollen wir die Funktionsweise der Pfeifenorgel näher betrachten und ihre Entwicklungsgeschichte im Hinblick auf den Zusammenhang mit den Ansprüchen von Komponisten verschiedener Epochen und Länder untersuchen.

17. Oktober 19.00

Making of… mit Fabian Reimann. Workshop und Diskussion „Das Warburg-Universum“. Im Laufe seiner künstlerischen Arbeit hat Fabian Reimann analog zur Gutenberg Galaxie für die visuelle Welt den Begriff des Warburg Universums entwickelt. Im Rahmen der Veranstaltung wird Fabian Reimann Methoden vorstellen, wie für ihn das Buch als Ressource und Medium fungiert und wie er mit dem Verhältnis zwischen Ausstellung und Publikation umgeht. Diese Methoden werden anhand von Arbeiten zur jüngeren Zeitgeschichte, wie Spionage (Der Fall Rudolf Abel), Utopieforschung (Weltraumbesiedlung) u. a. veranschaulicht.

Eintritt frei, Anmeldung erforderlich.

Goethe-Institut St. Petersburg, Nab. Reki Moiki 58. Kontakt: +7 812 3631125, [email protected]

www.nonmuseum.ru

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  • Veröffentlicht: 3 Wochen vor auf 2. Oktober 2019
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Oktober 2, 2019 @ 4:43 pm
  • Rubrik: Aktuell, Kultur

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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