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Russlands Wirtschaft streckt die Fühler aus – nach Lateinamerika

Von   /  10. Juli 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der Ruf des Petersburger Wirtschaftsforums ist nicht der beste – viele Beobachter finden, es sei lediglich ein Stelldichein für die oberen Zehntausend. Die interessanten „Nebenwirkung“ des Forums werden jedoch oft übersehen – zum Beispiel der Besuch einer 200-köpfigen Wirtschaftsdelegation aus Latinamerika und der Karibik am Rande des Forums.

Das vierte Jahr der gegenseitigen Sanktionspolitk zwischen Ost und West wurde kürzlich eingeläutet – EU und Russland haben die Sanktionen verlängert. Die Wirksamkeit der Strafmassnahmen sind ebenso umstritten wie der Erfolg der russischen Import-Substitutionspolitik, die zumindest nach den Worten russischer Politiker mit allen Kräften vorangetrieben wird. Daneben versucht Russland auch alternative Quellen für Importgüter und neue Kunden für eigene Exportprodukte zu gewinnen. Lateinamerika, dessen wirtschaftliche Bedeutung in den vergangenen Jahren stark angewachsen ist, bietet sich an – und Russland will sich neben andern Ländern wie China und Korea ein Stück von diesem Riesenmarkt abschneiden.

Zu diesem Zweck veranstalteten das Businesszentrum „Russland-Lateinamerika“ und Rosskongress in Zusammenarbeit mit der Organisation für industrielle Entwicklung der Vereinten Nationen (UNIDO), der Stadt St. Petersburg und dem russischen Aussenministerium ein Symposium. An der Veranstaltung mit dem Titel „Austausch technologischer Lösungen und Innovationen zwischen Latinamerika und dem Karibischen Becken mit Nordwestrussland“ nahmen schliesslich rund 200 Personen teil – Geschäftsleute und Behörden- und RegierungsvertreterInnen aus: Argentinien, Brasilien, Venezuela, Haiti, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Kuba, Panama, Paraguay, Surinam, Uruguay, Chile, Ecuador, El-Salvador, Jamaica und Russland.

Zusammenarbeit im Bildungssektro verstärken

Die TeilnehmerInnen hatten die Gelegenheit, mehr als zehn Firmen und Bildungsanstalten aus den verschiedensten Bereichen zu besuchen. Auch im Bildungsbereich soll die Zusammenarbeit verstärkt werden, ein Beispiel für den erfolgreichen Austausch bot der Vertreter von UNIDO, Carlos Chanduvi Suárez, der einst in Russland studierte und in fliessendem Russisch und Spanisch durch die Veranstaltungen führte.

Ein Beispiel für die traditionell starken Gebiete der russischen Industrie war die Technischen Marine-Universität St. Petersburg (SPBGMTU). An einer Präsentation wurden nicht nur die Ausbildungsmöglichkeiten, sondern auch die Produktion des staatlichen Konzerns „Vereinigte Schiffsbau-Kooperation“ (OSK), zu dem die meisten russischen Werften gehören und dem auch die Hochschule angegliedert ist. Die über 60 Firmen mit rund 80.000 Mitarbeitern bieten nicht nur Schiffe vom Touristen-U-Boot bis zum Atomeisbrecher an, sondern auch Know-How auf zahlreichen Spezialgebieten, wie Schweisstechnik oder Motorenbau.

Russische Pharmazie überrascht

Eine Überraschung für die meisten Delegationsteilnehmer bot der Besuch im Petersburger Pharmazie-Unternehmen „Polysan“. Das junge Unternehmen wurde 1992 gegründet und wuchs bis heute zu einem der zehn grössten russischen Pharma-Unternehmen heran. Polysan produziert eine ganze Reihe wichtiger Präparate wie das imunitätsstärkende Cycloferon. Die Produktion entspricht modernsten Standards, und Polysan hat bereits Abkommen mit Pharma-Konzernen wie Bayer und Pfizer, für die es im Rahmen der Importsubstitution produziert.

Obwohl das Unternehmen bereits die Märkte in Asien und Lateinamerika und bereits teilweise auch an Ort produziert, hat dieser Bereich in den russisch-lateinamerikanischen Wirtschaftsbeziehungen ein grosses Wachstumspotential. Die erstaunten Fragen von Delegationsteilnehmern bewiesen, dass man von der russischen Pharmaindustrie bisher nichts gehört hatte, weil Medikamente in gewohnter Weise aus Europa oder den USA bezogen wurden.

Konzentration auf Guatemala und Chile

In der Folge der dreitägigen Veranstaltung wurden drei Kooperationsabkommen wurden unterzeichnet – zwischen dem Garantiefonds für KMUs in Peru und der Technischen Marine-Universität St. Petersburg, zwischen der Industriekammer von Guatemala und dem Nationalkommittee zur Förderung der Zusammenarbeit mit Lateinamerika, sowie zwischen der Unternehmervereinigung für Robotertechnik Chiles und der Petersburger Universität für Flug- und Weltraum-Technik.

In Chile setzt man auf Robotertechnik, die in Petersburger Betrieben und Hochschulen, wie dem Polytechnikum, ein hohes Niveau erreicht haben. Sicher hätten die traditionell mit Russland befreundeten Nationen wie Kuba oder Venezuela weiterhin eine Bedeutung, aber bei der diesjährigen Mission seien sämtliche Länder des lateinamerikanischen Kontinents auf gleicher Ebene behandelt worden.

Dossier: Laut Angaben des russischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung hat sich der Warenaustausch zwischen Lateinamerika und Russland seit 2005 auf Güter im Wert von 18 Milliarden Dollar verdoppelt. 70 Prozent des Warenumsatzes verteilt sich auf die Länder Brasilien, Mexiko, Ecuador, Argentinien und Venezuela. Wichtige russische Exportgüter sind Kunstdünger, Generatoren und Transporttechnik.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.expoforum.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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