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Russlands Wirtschaft: „Die Chinesen haben die Produkte aus der Schweiz oder Deutschland nicht ersetzt“

Von   /  5. Juli 2016  /  Keine Kommentare

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Vor kurzem haben USA und EU ihre Sanktionen gegenüber Russland verlängert, und Russland hat im Gegenzug sein Lebensmittel-Embargo beibehalten. Russlands Wirtschaft ist im Kriechgang, was auch die ausländischen Firmen spüren. Doch der von vielen erwartete Zusammenbruch ist nicht eingetreten, und es gibt wieder neue Hoffnung und Gesprächsbereitschaft zwischen Ost und West.

Von Eugen von Arb

SPB-Herold: Wie sieht die allgemeine Lage in der russischen Wirtschaft aus?

Daniel Rehmann: Es wird wieder eine Rezession geben, wenn auch nicht so eine starke wie im vergangenen Jahr, aber die russische Wirtschaft wird um zirka ein halbes Prozent schrumpfen. Aber das Schlimmste ist im Prinzip überstanden. Das heisst, es wird zu keinem Totalabsturz kommen. Der Erdölpreis hat sich erholt, und auch die Euro- und Dollarkurse sind gegenüber der Rubel wieder etwas gesunken. Man geht davon aus, dass es 2017 trotz allem wieder zu einem leichten Wachstum kommt, wobei die Aussichten relativ mau sind. Man geht davon aus, dass es zu einer längerfristigen Stagnation kommt mit einem maximalen Wachtum von ein bis zwei Prozent pro Jahr. Das ist wenig für ein Land mit einem solchen Potential. Russland müsste seine Industrie weiter modernisieren, um mit hohen Wachstumsraten die Lücke zu den führenden Industrieländern zu schliessen. Aber ich muss hier anmerken, dass die Wirtschaftslage weltweit und deshalb auch in China nicht sehr gut ist. Obwohl in Russland alle Türen offenstehen, ist China sehr zurückhaltend mit Investitionen in Russland. Nur 0,7 Prozent der gesamten chinesischen Auslandinvestitionen gehen nach Russland.

SPB-Herold: Wo steht Russland bezüglich Modernisierung und Importersatz?

Daniel Rehmann: Als die Sanktionspolitik begann, kündete die russische Regierung eine stärkere Zuwendung zu Asien, insbesondere China an. Wenn man sich aber die aktuellen Zahlen anschaut, so hat dies eindeutig nicht stattgefunden. Der Handel mit China ist etwa im selben Mass zurückgegangen wie mit dem Westen. Die Chinesen haben also nicht etwa die Produkte aus der Schweiz oder Deutschland ersetzt. Etwas Ähnliches geschah im Iran, der jahrelangen Wirtschaftssanktionen ausgesetzt war. Auch dort hat China nicht die westlichen Staaten als Technologielieferant ersetzt, sondern jetzt kehren Länder wie Deutschland wieder zurück und beherrschen erneut den Markt. Dasselbe wird vermutlich auch in Russland geschehen. Solange Russland seine bekannten Probleme, wie fehlende Rechtssicherheit, Bürokratie und Korruption nicht angeht, wird sich auch nichts Grundlegendes ändern. Und so wie es ausschaut, hat die Regierung vor der Präsidentschaftswahl von 2018 nichts derartiges geplant.

SPB-Herold: In diesen Tagen hat gerade die Versöhnung Russlands mit der Türkei im Eiltempo stattgefunden. Kann man dies als Signal betrachten, dass die Türken als Handelspartner dringend gebraucht werden?

Daniel Rehmann: Ich denke schon, denn man kann sich ja nicht mit allen zerstreiten, sondern muss auch auf die Wirtschaft Rücksicht nehmen. Die Türkei wurde natürlich viel mehr durch die russischen Sanktionen betroffen, zum Beispiel in der Tourismusbranche oder beim Bau der Pipelines, die nun alle in der Luft hängen. Daher war die Türkei in einer schwächeren Position und war sehr interessiert, wieder einen modus vivendi herzustellen. Was Russland und den Westen anbelangt, so ist die Stimmung viel besser als noch vor zwei Jahren. Man spricht bereits von einem Zeitplan, nach dem die Sanktionen reduziert werden könnten. Es gibt Druck von der Wirtschaft, die Sanktionen zurückzufahren. Trotz allem werden die Sanktionen vorderhand auf beiden Seiten weitergeführt, und es braucht vielleicht einmal einen „Eisbrecher“, damit das Ganze wieder in normale Gewässer kommt. Aber man kann sagen, dass die schwierigste Zeit in dieser Konfrontation vorbei ist, und man muss sich eigentlich schon wieder auf eine Normalisierung einstellen.

SPB-Herold: Wie geht es den ausländischen Unternehmen?

Daniel Rehmann: Der Handel geht immer noch zurück. Es gibt Unternehmen, die deinvestiert haben, andere haben investiert, wegen der Importsubstitution, um an Ort zu produzieren und an staatlichen Ausschreibungen teilzunehmen. Schweizer Unternehmen sind sehr zurückhaltend, was die Importsubstitution, beziehungsweise Lokalisierung anbelangt. Es gibt zwei Beispiele: Stadler Rail in Minsk sowie die Industriegruppe Bucher, die sich mit dem Landwirtschaftsmaschienenhersteller Kuhn überlegen, mit der Herstellung in Russland zu beginnen. Für viele Unternehmen ist es überlebenswichtig, an Staatsaufträge heranzukommen, weil dort am meisten Geld vorhanden ist.

SPB-Herold: Gab es am Petersburger Wirtschaftsforum im Juni nennenswerte neue Impulse?

Daniel Rehmann: Es sind wieder mehr Wirtschaftsvertreter und Politiker aus der EU gekommen, und auch die Schweiz war mit einer hochrangigen Delegation vertreten. Viele denken, dass sich die Situation wieder normalisiert und man wieder zu einem pragmatischeren Verhältnis kommt.

SPB-Herold: Im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gibt es Diskussion darüber, wie effizient die Unterstützung durch den russischen Staat ist – was meinen Sie dazu?

Daniel Rehmann: Für KMUs ist die Situation nach wie vor schwierig. Es gibt Unterstützungsprogramme, die jedoch sehr administrativ und bürokratisch sind. Wenn man ein Unternehmen aufbauen will, braucht es so wenig Hürden wie möglich. Russland hat Fortschritte gemacht in dieser Hinsicht und ist dementsprechend um einige Positionen im Ranking von ‚Doing Business‘ aufgestiegen. Aber die meisten Startups verzichten noch immer auf staatliche Hilfe. Der Staat hat nach wie vor das Ziel, bis 2020 den Anteil der KMUs in Russland von 20 auf 40 Prozent zu steigern, was ungefähr dem westeuropäischen Niveau entspricht. Aber momentan ist dies immer noch ziemlich illusorisch. Das liegt auch daran, dass man derzeit in erster Linie versucht, die grossen Betriebe am Leben zu erhalten, während die kleinen selber schauen müssen, wie sie über die Runden kommen. Einige von ihnen werden diese Krise nicht überleben.

SPB-Herold: Wie schätzen Sie die Rolle des Ex-Wirtschaftsministers Alexei Kudrin ein, den Putin vor kurzem wieder als Berater angeworben hat?

Daniel Rehmann: Kudrin ist eine Option. Wenn es wirklich schlecht gehen sollte, kann die Elite diese Option ergreifen. Er wird wie bereits zuvor strukturelle Reformen vorschlagen, aber solange der Erdölpreis wieder steigt, ist der Staat nicht gezwungen, diese umzusetzen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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