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Russlands Flugzeugträger – Sein oder Nichtsein?

Von   /  22. August 2008  /  Keine Kommentare

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rian.- Jetzt ist es amtlich: Russland wird eigene Flugzeugträger bauen. Das Kommando der russischen Kriegsmarine und offenbar auch die Staatsführung sind sich darüber einig, dass die russische Flotte doch Schiffe braucht, auf denen Kampfjets in den Himmel starten. Das ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit. So war es nicht immer. Um die ganze Tragweite solcher Entscheidungen besser einschätzen zu können, betrachten wir die Vergangenheit, um zu sehen, wie und wann die ersten russischen Flugzeugträger auftauchten.

Pläne für Flugzeugträger schon nach Bürgerkrieg

Die ersten Flugdeckschiffe waren bereits während des Ersten Weltkrieges Bestandteil der russischen Kriegsmarine gewesen. Die Schwarzmeerflotte konnte schon damals Wasserflugzeuge einsetzen, um feindliche Häfen zu bombardieren. Wie richtige Flugzeugträger gebaut werden können – darüber haben sich die sowjetischen Admiräle bereits in den 20er Jahren nach dem Ende des blutigen Bürgerkriegs Gedanken gemacht. Es wurden Pläne geschmiedet, wie auf bereits existierenden Kriegsschiffen Militärflugzeuge starten und landen können. Doch die wirtschaftliche Lage erlaubte es nicht, diese Pläne zu verwirklichen. Man sah sich gezwungen, sie auf bessere Zeiten zu verschieben.

Der nächste Schritt zum Bau eines richtigen Flugzeugträgers wurde in der UdSSR Ende der 30er Jahre unternommen. Zwei Projekte wurden in Angriff genommen: Projekt 71 eines leichten Flugzeugträgers mit 45 Flugzeugen und das Projekt 72 eines schweren Flugzeugträgers mit 62 Flugzeugen.

Keine Begeisterung für Träger nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg hat einen dicken Strich durch die Rechnung sowjetischer Schiffsbauer gemacht. Nach dem Krieg setzte sich die Führung der Sowjetflotte noch ein mal für den Bau eines Flugzeugträgers ein, doch die Staatsführung teilte die Begeisterung für solche Schiffe nicht, obwohl das staatliche Schiffsbauprogramm aus den 50er Jahren zwei leichte Flugzeugträger „zwecks Erfahrungssammlung“ vorsah, wie es damals hieß.

Nach Stalins Tod 1953 wurden die Riesenschiffe in der UdSSR praktisch nicht mehr gebaut – man schenkte dem Potential von konventionellen Rüstungen kein Vertrauen mehr und setzte auf die Entwicklung von Nuklearwaffen. Die Flugzeugträger-Frage wurde erst in zehn Jahren wieder aktuell.

Zwei Hubschrauber-Träger in den Sechzigern

In den späten 60er Jahren bekam die Sowjetflotte die U-Boot-Abwehr-Kreuzer mit Bordhubschraubern „Moskwa“ und „Leningrad“, doch einen richtigen Flugzeugträger konnten diese Schiffe nicht ersetzen.  Zu dem Zeitpunkt versuchte man auf der Newski-Werft in Leningrad (heute Sankt Petersburg) einen Flugzeugträger zu entwickeln mit einer Wasserverdrängung von bis zu 50 000 Tonnen. Dieses Schiff konnte als Flugplatz für 40 Flugzeuge dienen, darunter auch für die MIG-23-Kampfjets, Frühwarnflugzeuge sowie Hubschrauber.

Die eigene Bewaffnung wurde allerdings bis auf Flugabwehr- und U-Boot-Abwehrsysteme begrenzt. Das Schiff war für den Luftschutz von Schiffsverbänden gedacht. Doch klappte das Vorhaben erneut nicht: Statt eines vollwertigen Flugzeugträgers erhielt die Flotte wieder nur einen Ersatz. In der Schwarzmeerstadt Nikolajew wurden Schiffe des Projekts 1143 gebaut. Es waren die so genannten schweren Flugdeckkreuzer, ausgestattet mit Hubschraubern für Bekämpfung von U-Booten sowie mit den Kampfjets Jak-38 – das waren die ersten Senkrechtstarter der Sowjetunion. Außerdem waren solche Schiffe mit Basalt-Seezielraketen bestückt.

Flugdeckkreuzer „Kiew“ und „Minsk“

Langsam aber sicher nahm die Frage nach dem Bau eines Flugzeugträgers ihren Weg. Bald erhielt der Flugzeugträger einige wichtige und hochrangige Fürsprecher. Darunter war der Minister für Schiffbauindustrie, Boris Butoma, gewesen, der daran interessiert war, große Aufträge von der Kriegsflotte an Land zu ziehen. Dazu zählte auch Verteidigungsminister Andrei Gretschko, der ohne jede Diplomatie die Staatsführung aufgefordert hatte, der Flotte „einen zweiten USS Nimitz“ zu Verfügung zu stellen. Der Kreml aber schlug einen Kompromiss vor: zuerst würden die zwei schweren Flugdeckkreuzer „Kiew“ und „Minsk“ (Projekt 1143) gebaut, erst dann soll der Flugzeugträger der 1160er Klasse mit einer Wasserverdrängung von 80 000 Tonnen in Angriff genommen werden.

Letztendlich aber gewannen doch die Gegner die Oberhand – statt eines Flugzeugträgers wurde ein drittes Schiff der Klasse 1143 unter dem Namen „Noworossisk“ auf Kiel gelegt. Die Entwicklung eines Flugzeugträgers ging aber voran. 1978 präsentierte die Newski-Werft das Projekt eines einerseits kleineren, aber andererseits atomgetriebenen Flugzeugträgers der 1153-er Klasse. Nach dem Tod von Gretschko und Butoma aber wurde auch dieses Projekt auf Eis gelegt. Ebenfalls 1978 lief die „Noworossisk“ vom Stapel, unmittelbar danach wurde ein viertes Schiff dieser Klasse in Nikolajew auf Kiel gelegt. Es erhielt den Namen „Baku“ und sollte mit noch nicht existierenden Jak-141-Kampfjets bestückt sein.

Zu groß und zu schwach bewaffnet

Die Schwächen solcher Schiffe waren aber offensichtlich. Sie waren zwar doppelt so groß wie die mit den Flugzeugen vom Typ Sea Harrier bestückten britischen leichten Flugzeugträger der Invincible-Klasse, unterschieden sich aber von ihnen nicht wesentlich, was insbesondere ihr Gefechtspotential betraf. Die Raketenwaffen konnten hier die Situation nicht retten. Die Schiffe wurden dadurch zwar teurer, doch blieben sie zu groß und zu schwach bewaffnet, um die Aufgaben eines Raketenkreuzers, geschweige denn eines leichten Flugzeugträgers zu bewältigen. Ihr Umbau wurde unausweichlich, nachdem diese Schiffe mit ganz normalen Flugzeugen ausgestattet wurden.

Nachdem der schwere Flugdeckkreuzer „Baku“ in Nikolajew vom Stapel lief, begann man 1982 mit dem Bau eines Schiffes, das in der Lage sein sollte, eine vollwertige Fliegerstaffel, bestehend aus den Kampfjets MIG-29 und SU-27, aufzunehmen. Das als „Riga“ getaufte Schiff war dennoch eher ein Kompromiss: Anstatt eines Katapults, der das Flugzeug beim Start beschleunigt, bekam es lediglich ein Trampolin. Außer einer Fliegerstaffel besaß das Schiff zwölf Seezielraketen Granit, die in den vertikal ausgerichteten Startrampen befestigt waren.

„Admiral Kusnezow“ – der einzige vollwertige Flugzeugträger der UdSSR

Noch bevor das Schiff vom Stapel laufen konnte, wurde es in „Leonid Breschnew“ umgetauft. 1987 wurde es in „Tbilissi“ und 1990 in „Admiral Kusnezow“ umbenannt. „Kusnezow“ aber blieb der einzige vollwertige Flugzeugträger der Sowjetunion. Das ähnliche Schiff „Warjag“ wurde zwar ebenfalls vom Stapel gelassen, blieb aber unvollendet. Noch düsterer war das Schicksal des „Uljanowsk“, eines atomgetriebenen Flugzeugträgers, der viel größer sein sollte als alle seine Vorgänger und sogar mehrere Katapulte hatte – er wurde bereits in der Werft verschrottet. „Kiew“, „Minsk“ und „Noworossisk“ wurden allesamt 1993 ausgemustert und nach China verkauft, wo sie jetzt als schwimmende Freizeitparks dienen. „Admiral Gorschkow“ (früher „Baku“) wurde ebenfalls verkauft – nach Indien. Im Moment wird er in der russischen Hafenstadt Sewerodwinsk zu einem normalen Flugzeugträger umgebaut.

In den 90er Jahren sprach überhaupt niemand die Flugzeugträger-Frage an, es sei denn, jemand erwähnte diese Schiffe bei einem „Küchengespräch“. Seit Mitte 2000 steht aber diese Problematik erneut im Zentrum des öffentlichen Interesses. Die Staatsführung verkündete, es sei notwendig, einige Flugzeugträger (von zwei bis sogar acht) im Bestand beispielsweise der Nord- und der Pazifikflotte zu haben. In der letzten Zeit wurden entsprechende Pläne publik gemacht, wonach in den kommenden 20 Jahren fünf bis sechs Flugzeugträger gebaut werden sollen. Der eigentliche Baubeginn ist für die Zeit nach 2012 geplant. Alles schön und gut, die unbequemen Fragen bleiben aber dennoch.

Welche Aufgaben, welche Infrastruktur?

Welche Aufgaben stünden vor diesen Flugzeugträgern? Wann wird die entsprechende Küsteninfrastruktur gebaut sein und wer wird sie bauen? Wie und wo werden diese Schiffe modernisiert werden? Welche Flugzeuge werden auf diesen Schiffen stationiert? Wo würde das speziell ausgebildete Personal herkommen? Wie lang wird die Bauzeit sein, wenn man bedenkt, in welcher Lage sich die russische Wirtschaft heutzutage befindet? Ich glaube, dass das Flottenkommando alle Antworten parat hat – wenn nicht, dann werden wir lediglich erneut ein paar Schiffe bekommen, die dazu verdammt sein werden, bestenfalls in zehn bis 15 Jahren ausgemustert zu werden. Schlimmstenfalls aber bekommt unsere Flotte überhaupt nichts.

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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