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Russlanddeutsche kehren zurück: Deutsche Wissenschaftler führen eine Studie durch und suchen Teilnehmer

Von   /  28. Juli 2010  /  Keine Kommentare

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Von Anet Sahakyan

Ein Grossteil der deutschstämmigen Bevölkerung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion übersiedelte seit den Neunzigerjahren in die Bundesrepublik. Erst seit kurzer Zeit gibt es auch eine Migration in die umgekehrte Richtung – diese neue Erscheinung wird von Wissenschaftlern der Uni Trier unter die Lupe genommen.


Rund vier Millionen Spätaussiedler leben in Deutschland. Die meisten von ihnen kommen aus Russland, Polen, Kasachstan und Rumänien. Mit der politischen Systemänderung und in der Folge des Kriegsfolgebereinigungsgesetzes in den 90ern stiegen die Zahlen von aus der ehemaligen Sowjetunion eingereister Aussiedler rasant an.

Grosse Ausreisewelle ab 1993

Insbesondere der gesetzliche Sonderstatus von Russlanddeutschen im Rahmen des KfbG im Jahr 1993 trug dazu bei, dass seit 1993 fast 90% aller Aussiedler aus den ehemaligen Sowjetstaaten in die BRD einreisten. Seit einigen Jahren sinkt die Einwanderungszahl von Spätaussiedlern nach Deutschland. Im 2008 waren es 4. 300 Menschen, im 2009 nur noch 3.400 Menschen, davon ca. 2.000 stammen aus Russland.

In Deutschland nennen sie sich „Russlanddeutsche“, aber viele Bundesdeutsche haben keine Ahnung, dass sich hinter dem Begriff „Russlanddeutsche“ ethnische Deutsche verbergen. Immer wieder werden die „Russlanddeutschen“ in der BRD als „Russen“ wahrgenommen und geraten somit kulturell, mental und sozial in eine echte Einwanderungssituation.

Russlanddeutsche suchen nach ihrer Identität

Dabei versucht jeder Migrant zwischen seinem eigenen „Ich “ und anderen „Fremden“ die Grenzen neu zu ziehen, um ein neues „Ich“ zu konstruieren. Die Angst vor einem Identitätsverlust ist dabei bei manchen groß, wenn auch nicht willkürlich. Die Veränderungen in der sozialen Umgebung und im eigenen „Ich“ werden sehr oft schmerzhaft empfunden.

Was man als „Kulturschock“ bezeichnet, drückt sich oft so aus, dass viele eingewanderte Russlanddeutsche sich in seinem Alltag nicht mehr zurecht finden. Sie können ihren Erfahrungen keinen Sinn mehr zuordnen, fühlen sich keiner Gruppe zugehörig und von lauter Fremden umgeben. Die Anpassung und die Übernahme der Werte der Aufnahmegesellschaft geschehen manchmal nur über Generationen hinweg.

Bisher kehrten rund 12.000 Personen zurück

Vielleicht ist das auch der Grund, dass in den letzten Jahren viele Russlanddeutsche nach einem langen Aufenthalt in Deutschland doch den Entschluss zur Rückkehr in die alte Heimat fassen. Zirka 12.000 Personen sollen in den letzten Jahren zurückgekehrt sein.

Inwieweit diese Zahl der Realität entspricht, ist aus verschiedenen Gründen strittig: zum einen, existieren keine Statistiken, die die Rückkehr von Spätaussiedlern dokumentieren. Denn laut Grundgesetz sind die Spätaussiedler deutsche Staatsangehörige und werden in den Statistiken als Deutsche erfasst. Zum anderen, ist das Phänomen der Remigrierten Spätaussiedler relativ neu, so dass es dazu bisher keine umfassenden wissenschaftlichen Studien gibt.

Zahl von Spätaussiedlern stark gesunken

Die bisherige Vernachlässigung dieses Themas ist erstaunlich, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass die Rückkehrmigration in den politischen und wissenschaftlichen Diskussionen als wichtig angesehen wird. Sie ist auch bemerkenswert, weil die Migrationszahlen von Spätaussiedlern seit Mitte der 1990er kontinuierlich gesunken sind und die Zahlen von rückkehrwilligen Spätaussiedlern in den letzten Jahren so hoch geschnellt sind, dass sie quantitativ die größte unter den „ethnischen“ Rückkehrergruppen stellen.

Vierköpfiges Team sucht russlanddeutsche Teilnehmer

Ein vierjähriges sozio-ethnologisches Projekt an der Universität Trier in der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Sonderforschungsbereichs soll jetzt dem Phänomen der rückkehrenden Russlanddeutschen gründlich nachgehen. Das Team aus vier russisch- und deutschsprachigen Wissenschaftlern sucht mit wissenschaftlichen Methoden Antworten auf folgende Fragen: Mit welchen Motivationen, Begründungen und Strategien kehren die Russlanddeutschen zurück? Wie erfahren die Rückkehrer ihren eigen Rückkehrprozess und auf welche Ressourcen greifen sie zurück? Wie integrieren sie sich in der alten „neuen“ Heimat wieder?

Mit Hilfe von soziologischen Interviews und Gesprächen mit zurückgekehrten Russlanddeutschen sollen die Daten erhoben und wissenschaftlich bearbeitet werden. Aus diesem Grund werden Teilnehmer für diese Studie gesucht, insbesondere in St. Petersburg und Regionen. Wer Lust hat, darf gerne mitmachen – die Projekthomepage ist jedem zugänglich.

Gründe für das Phänomen sollen untersucht werden

Das Ziel dieses Projektes ist es, zu einem für die gegenwärtige politische Remigrationsdebatte relevanten Verständnis der kulturellen Praxis dieser ganz speziellen Migrationsgruppe zu kommen, sowie allgemein neue methodologische und modelltheoretische Beiträge zur Remigrationsforschung und den damit verbundenen Inklusions-/ Exklusionsfragen zu leisten.

Zum Forschungsteam gehört auch die Autorin dieses Artikels. Anet Sahakyan, M.A. ist Soziologin und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Trier im SFB 600-Fremdheit und Armut, TP A8 – „Rückkehr von Spätaussiedlern“ tätig.

Bild: In Russland geblieben – Miglieder einer Russlanddeutsches Folkloregruppe am Jubiläum des Deutsch-Russischen Begegnungszentrums St. Petersburg. (Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold)

Zur Webseite des Projekts >>>

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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