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„Russland, wach auf!“

Von   /  7. Mai 2016  /  Keine Kommentare

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Von René Jo. Laglstorfer, St. Petersburg

Jon (22) und Alex (26) sind jung, gut aussehend und die beiden Männer lieben sich. Das wäre jetzt bei uns noch keine Besonderheit, doch die zwei Russen leben in St. Petersburg und haben es als Motiv des Welt-Pressefotos 2015 zu internationaler Bekanntheit gebracht. Der dänische Fotojournalist Mads Nissen (36) wollte nicht mehr länger nur den Hass dokumentieren, der vielen Homosexuellen in Russland entgegenschlägt. Er suchte nach einem Symbol der Liebe und Hoffnung und lernte Jon und Alex kennen.

Die beiden engagieren sich schon seit einiger Zeit für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (LGBT). Wir haben Jon und Alex in St. Petersburg getroffen und erfahren, warum sie Russland trotz zahlreicher homophober Attacken, Knochenbrüchen und offener Polizei-Willkür nicht verlassen wollen, weshalb sie niemals politisches Asyl im Ausland beantragen würden und was sie sich für Russlands Zukunft wünschen.

René Jo. Laglstorfer: Jon und Alex, wie haben russische Medien über das Welt-Pressefoto des Jahres mit Ihnen beiden als Motiv berichtet?

Alex: Es hat einige Berichte in der Printpresse gegeben, aber das Foto wurde in Russland nicht berühmt. Internetmedien haben da mehr berichtet. Viel mehr wurde über die nachgereihten Fotos, zum Beispiel über jenes vom Donbass, berichtet. Wir haben auch den einen oder anderen Artikel gesehen, der sich negativ über das Pressefoto des Jahres geäussert hat. Für solche Journalisten sei es offensichtlich gewesen, dass das Foto nur gewonnen hat, weil Amerika und Europa Homosexualität in Russland bewerben und die Russen verändern wollen.

René Jo. Laglstorfer: Rund 80 Prozent der russischen Bevölkerung sollen Homosexualität ablehnen. Warum ist das so?

Alex: Unsere Regierung propagiert traditionelle bzw. orthodoxe Partnerschaften. Unsere Verfassung sagt zwar, dass Russland ein säkulares Land ist. Jedoch hat es noch nie mehr religiöse Propaganda gegeben als heute. Noch nie wurde der Lebensstil so vieler Menschen als falsch bezeichnet. Die Regierung sagt, du kannst nicht schwul sein, weil das nicht zur Tradition gehört und die Kirche dagegen ist.

René Jo. Laglstorfer: Haben Sie Hassverbrechen oder Gewaltakte gegen Homosexuelle erlebt?

Jon: Mir wurde die Nase gebrochen – zwei Mal – im Herzen von St. Petersburg.

Alex: Mir wurde vor drei Jahren das Kiefer gebrochen, nur weil ich nahe an einem Schwulen-Club vorbeiging, den ich noch nicht einmal betreten hatte. Derjenige, der das getan hat, hat mich vorbei gehen gesehen und vermutet, dass ich schwul sei und nach einigen Fragen zugeschlagen. Ein anderes Mal wollten mich Leute in den Fluss schmeissen, haben unsere Rainbow Coffee Party mit Baseballschlägern gestürmt und Menschen attackiert. Einem unserer Freunde wurde mit einer Gaspistole in das Gesicht geschossen, seither ist er auf einem Auge blind. Also, ja – wir haben homophobe Hassverbrechen gegen andere und uns selbst erlebt.

René Jo. Laglstorfer: Gab es von Seiten der russischen Justiz Konsequenzen?

Jon: Nein. Angreifer wurden nie gefunden oder verurteilt. Aber selbst wenn sie gefunden würden, dann hiesse es vor Gericht: Das war kein Hassverbrechen, sondern das waren lediglich Hooligans. Oder: Als ich eine Anzeige bei der Polizei einbrachte und eine Bestätigung meines Nasenbruchs vom Krankenhaus mitbrachte, haben die Polizisten später gesagt, sie hätten im Spital angerufen, wo aber über mich keine Aufzeichnungen vorliegen würden. Eine Lüge der Polizei, schliesslich habe ich noch im Krankenhaus eine Kopie meiner Diagnose angefertigt. Das Hauptproblem ist, dass die Polizei sagt, Angriffe gegen Homosexuelle seien nicht nur keine Hassverbrechen, sondern auch kein Problem.

René Jo. Laglstorfer: Engagieren Sie sich, damit sich das ändert?

Jon: Ja, es ist unser Ziel, dass LGBT-Personen gesetzlich als soziale Gruppe anerkannt werden. Die Verfassung Russlands sagt eigentlich, dass alle Menschen gleich sind, egal welches Geschlecht sie haben, welcher Religion sie angehören, welche sexuelle Orientierung sie haben etc.
Würde uns ein Gesetz gelingen, dass LGBT ausdrücklich als soziale Gruppe erwähnt, dann würden Angriffe gegen uns als Hassverbrechen gewertet und endlich bestraft werden – sogar hart. So redet sich die Polizei einfach heraus. Das Erste, was mich die Polizisten nach meinem Nasenbeinbruch gefragt hatten, war, ob mir etwas gestohlen wurde. Ich sagte Nein. Darauf die Polizei: „Na dann ist ja alles okay.“

René Jo. Laglstorfer: Haben Sie schon mal daran gedacht, Russland zu verlassen, um zu heiraten und Kinder zu adoptieren?

Jon: Ich liebe St. Petersburg. Wahrscheinlich liebe ich auch Russland. Ich bleibe solange hier, bis etwas extrem Schlimmes passiert, was mich dazu zwingen würde auszuwandern, zum Beispiel, wenn ich nur so mein Leben retten könnte. Was ich jedoch nie machen würde, wäre politisches Asyl in einem anderen Staat zu beantragen, denn das würde bedeuten, dass ich nie mehr nach Russland zurückkommen könnte.

Alex: 2013 wurde ich eingeladen in San Francisco zu arbeiten und ich hatte begonnen, die Papiere dafür vorzubereiten. Dann habe ich Jon kennengelernt und realisiert, dass ich hierbleiben muss, auch um unsere gemeinsame Sache – die LGBT-Bewegung – zu unterstützen.

René Jo. Laglstorfer: Weshalb?

Alex: Ich finde es ist besser dieses Land zu verändern anstatt es zu verlassen. Auch wenn es für uns hier schwierig ist: Ich liebe dieses Land, diese Stadt, meine Familie und meine Freunde. Ich möchte hier sein und bleiben. Und ich möchte, dass dieses Land mich und meine Freunde akzeptiert, und zwar so wie wir sind.

René Jo. Laglstorfer: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Landes und jene der russischen Homosexuellen?

Alex: Ich denke das Wichtigste ist Offenheit. Gegenüber sich selbst, seiner Familie, seinen Freunden und allen anderen. Denn nur wenn du dich öffnest, kannst du du selber sein, und nur dann kannst du die Gesellschaft Schritt für Schritt verändern. Für Russland wünsche ich mir, dass es endlich aufwacht. Es ist wie ein böser Alptraum, der schon viel zu lange dauert. Russland, wach auf!

Bilder: Till Rimmele

www.Rejola-press.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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