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Russland vor hundert Jahren im Petersburger Herold: Russische Bettler

Von   /  14. Juni 2013  /  Keine Kommentare

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Von Oskar Grosberg (St. Petersburg, 1913)

Ein vielen Russen innewohnender gewisser Hang zum Nomadisieren und die Abneigung gegen zähe Arbeit, die in jedes Russen Brust wohnt haben zu ganz absonderlichen Erscheinungen, von denen die hervorstechendste die Bettelei ist, die von der Bevölkerung ganzer Dörfer in verschiedenen Gouvernements gewerbsmäßig betrieben wird.

Wohl zu unterscheiden von diesen Bettlern, die zu bestimmten Zeiten hinausziehen und vorzugsweise die großen Städte in Kontributionen  setzen, sind die „Stranniki“, die ihr ganzes Leben hindurch von einer geweihten Stätte zur anderen ziehen und nur von milden Gaben leben. Diese Leute, die ihre „Seele retten“, lassen sich zum Straßenbettel herbei, sie besuchen die Häuser frommer Leute, die sie verpflegen und mit einem Zehrpfennig versehen. Der Strannik kennt alle Klöster vom Weissen Meer bis Sewastopol und von Kiew bis Wladiwostok, alle Kirchen, alle wundertätigen Heiligenbilder und Reliquien; vor allem hat er hunderte und tausende Fußfälle vollzogen und in heissem Gebete um die Befreiung von allen Nichtigkeiten der Erde gefleht; der Strannik hat sich freiwillig des irdischen Gutes begeben, er glaubt daher das Recht auf die Unterstützung seiner Mitmenschen zu haben.

Eine ebenso häufige Erscheinung wie der in ein halbmönchiges Gewand gekleidete Strannik ist der sogenannte „Kirchenbettler“, der mit einem Heiligenbilde in der Hand durch das Reich zieht und zum Bau einer niedergebrannten oder neu zu errichtenden Kirche sammelt. Entblößten Hauptes zieht er seines Weges und er ruft in eigentümlichem Tonfall: „Spendet, ihr Rechtgläubigen, zum Bau einer Kirche auf den Namen Nikolaus des Wundertäters, oder des Archistrategen Michail, oder der Großmärtyrerin Jekaterina.“ Der Kirchenbettler wird aus der Zahl der der ehrbaren Bauern von der Gemeinde gewählt und er nimmt das gewiß nicht leichte Amt, das ihn auf Jahre aus seiner Heimat entfernt, auf sich, weil er überzeugt ist, auf diese Weise ewige Seeligkeit zu erringen.

Die professionsmäßigen Bettler verlassen gewöhnlich nach beendeter Feldarbeit in hellen Scharen das Feld, um wie Heuschreckenschwärme das Land und die Städte zu überfallen. Vor den grossen Festen ist ihre Erntezeit; sie finden sich dann zu Tausenden namentlich in den Residenzen ein. Sie spekulieren auf die angeborene Gutmütigkeit des Russen, dem es auf einen Zehner oder Zwanziger nicht ankommt. Vor den hohen Festen öffnet insbesondere der Kaufmann vom alten Schrot und Korn seinen sonst wohlgehüteten Beutel. Zu solchen Zeiten „verdient“ ein geschickter Bettler spielend 7 bis 10 Rubel täglich, und wenn er ein Krüppel ist, dann bringt er es auch auf 15 und mehr Rubel am Tage.

Zumeist sind es aber kerngesunde, wohlgenährte und gutgekleidete Leute, die in ihrem Gewerbe nichts Anstößiges sehen, wie es auch niemandem einfallen würde, sie deshalb zu mißachten oder ihnen eine Gabe zu verweigern. Ein Mensch bittet „um Christi willen“, da gibt man, ohne erst zu überleben, oder den Bittenden sich näher anzuschauen. Daß ein großer Teil des auf diese Weise mühelos Erworbenen in Wodka umgesetzt wird, versteht sich eigentlich ganz von selbst, die Leute haben’s eben dazu. Ebenso selbstverständlich ist es, daß diese Bettler alles mitgehen lassen, was locker liegt.

Neben diesen „Gastspielern“ besitzt jede russische Stadt ihre ständigen Bettler, die sich zum großen Teil aus den sogenannten „gewesenen“ Menschen rekrutieren. Unter den gewesenen Menschen trifft man nicht nur heruntergekommene Bauern und Handwerker, sondern oft auch Kaufleute, Offiziere und Aristokraten an, die dem Trunk, oder anderen wilden Leidenschaften zum Opfer gefallen sind; oder die sich in diesem Milieu, das jenseits von Gut und Böse steht, wohl fühlen und die Wohltaten des Kulturlebens mit dem Dasein eines freien Vagabunden vertauschen, wie ihn Maxim Gorki verherrlicht hat.

Was der „gewesene Mensch“ zusammenbettelt, vertut er sofort. Er unterscheidet sich dadurch von dem „Bettler der Vorhalle“, der seinen bestimmten Platz in der Vorhalle einer Kirche hat und diesen Platz wenn er sich vom Geschäft zurückzieht, gegen eine bestimmte Zahlung, die oft in die Hundert geht, an einen Nachforlger oder Nachfolgerin abtritt, Solche Vorhallenbettler sind nicht selten Hausbesitzer oder Kapitalisten, die im Laufe der Jahre Zehntausende zusammengespart haben. Das ist die einträglichste Branche der Bettelei, die freilich nicht ohne bestimmte Spesen betrieben werden kann, denn die Kirchendiener wollen auch ihren Teil haben, aber es bleibt doch überreichlich nach. Diese Bettler führen jedenfalls ein angenehmeres Dasein, als die meisten Arbeiter.

Sehr häufig sieht man auch Nonnen, die von Haus zu Haus gehen, um milde Gaben für ihre Kloster einzusammeln. Man gibt gewöhnlich eine Kopeke; wenn man eben nur grössere Geldstücke besitzt, dann muss die Nonne wechseln oder man nimmt sich selbst das Wechselgeld von dem mit einem Kreuz geschmückten Pappdeckel, auf dem man seine Gabe niederlegt.

In der letzten Zeit sieht man übrigens nur wenige bettelnde Nonnen, da viele dieser zumeist jugendlichen Himmelsbräute mit den Nachstellungen der argen Welt viel zu kämpfen hatten. Der hl. Synod hat daher vorgeschrieben, daß nur ältere Nonnen ausgesandt werden dürfen, doch hat die Erfahrung gelehrt, dass diese viel weniger zusammenbringen, als die jungen wohlaussehenden Nonnen. ein russisches Sprichwort besagt ja, daß die wirksamste Bittschrift ein artiges Gesicht sei!

Bild: Bettler in Kiew um 1870 (Wikimedia Commons)

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Autor: Oskar Johann Martin Grosberg 1862 im livländischen Adjamünde (heute Estland) als Sohn von Gutspächtern geboren und absolvierte in Mitau das Gymnasium. Danach arbeitete er in verschiedenen Berufen – als Buchhändler, als Gutsverwalter. In St. Petersburg war er als Eisenbahnbeamter und später als Journalist für den St. Petersburger Herold und die St. Petersburggische Zeitung tätig. Er schrieb unter anderem Theater- und Ballettkritiken und war zugleich für das Wolff´sche Telegraphenbüro und als Korrespondent für Zeitungen des deutschen Scherl-Verlags, deutsch-baltischer Zeitung u. a. tätig. Nach der Oktoberrevolution lebte er in Riga, wo er weiterhin als Korrespondent des Berliner Börsenkuriers und der Frankfurter Zeitung arbeitete und sich in der deutsch-baltischen Partei engagierte. Wie der grösste Teil der deutschbaltischen Bevölkerung siedelte er 1940 nach Deutschland um und starb 1941 in Berlin.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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