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Russland vor hundert Jahren im Petersburger Herold: Die russische Badestube

Von   /  24. Mai 2013  /  1 Kommentar

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Von Oskar Grosberg (St. Petersburg, 1913)

Der Russe des Mittelstandes, der Handwerker und Bauer, Fabrikarbeiter und Beamte ist ohne Badestube, ohne sein geliebtes Schwitzbad gar nicht zu denken. Einmal in der Woche muss er sein Schwitzbad nehmen, das seinen Körper läutert und geschmeidig macht. Die “Banja”, die Badestube, spielt im Leben des Russen eine ganz hervorragende Rolle; er besucht sie nach der Woche Last und Mühen vor hohen Festtagen und wenn er eine Krankheit herannahen fühlt.

Jedes Dorf hat eine oder zwei Badestuben, jedes Gehöft die seine, die Städte grosse, luxuriös ausgestattete Anstalten, die sich aus mehreren zusammensetzen. Man hat da die Einzelkabinets zum Preise von 1-3 Rubel, die beliebten und gemeinsamen Bäder zu 40 Kopeken und Volksbäder zu 20, 10 und 5 Kopeken pro Person. Machen wir einen Besuch in der renommiertesten Badestube Petersburgs, bei Waronin.

Das einfach und geschmackvoll ausgestattete Gebäude nimmt uns auf- An der in der Vorhalle befindlichen Kasse erlegen wir 40 Kopeken pro Person und nun steigen wir die breite Marmortreppe empor- Wir gelangen in einen Vorraum, wo schneeweiss gekleidete Diener die Mänter und die unvermeidlichen Gummischuhe in Verwahr nehmen. Wir treten nun in einen weiten Raum, an dessen Wänden Kabinen hinlaufen. Weissgegleidete Diener weisen uns eine Zelle an und sie sind uns beim Entkleiden behilflich. Und nun in den Baderaum. Der Diener, der voraneilend die Tür aufreisst, wünscht uns mit tiefer Verbeugung “leichten Dampf”, die Tür schnappt zu – wir sind im Reiche der Seife und des Dampfes. Das elektrische Licht schimmert nur matt durch den Dampf, der den Riesenraum erfüllt.

Da tritt schon mit höflicher Verbeugung ein Enakssohn auf uns zu, im Lendenschurz, an einer Schnur sein Halskreuzchen. Das ist der Banschtschik, der Badediener. Er dirigiert uns durch den Waschraum und ergreift unterwegs drei Besen aus Birkenzweigen, an denen die halbentwickelten Blätter fest faften. Das sind die “Wenniki”. Dann stösst er eine Tür auf und wir sind in der Schwitzstube. Der Riesenofen strömt eine infernalische Hitze aus, die Haut bedeckt sich sofort mit Schweissperlen. Das ist aber noch garnichts; es soll noch besser kommen. An einer Längswand des Raumes befindet sich ein staffelförmiger Aufbau, die der Bader sorgfältig überspült. Dann taucht er die Wenniki in siedendes Wasser, um sie geschmeidig zu machen und während wir die Staffel erklettern, schüttet er in den mit Kopsteinen gefüllten Ofen kaltes Wasser, das zischend verdampft. Eine trockene Glutwelle erfüllt samumheiss den Raum; man kann kaum atmen; der Bader holt einen Eimer kalten Wassers herbei, womit man sich den Kopf benetzt.

Dann aber beginnt eine sehr eigenartige Prozedur. Der Bader legt zwei der wohlgebrühten Birkenbesen auf die Pritsche und man streckt sich aus, indem man seinen Kopf auf dieses würzig duftende Kissen legt. Der dritte Besen befindet sich in der Hand des jungen Riesen, und nun beginnt er mit eigentümlich kurzen und zarten Schlägen unseren erhitzten Körper zu peitschen. Er bearbeitet ihn von den Fersen bis zum Nacken und vom Nacken bis zu den Fersen; dann wendet man sich um, und nun erfolgt die systematische Berbeitung der Aversseite von unten nach oben und von oben nach unten. Man führt ordentlich, wie unter den sanften Schlägen sich die Poren öffnen. Ein lauer Überguss beendet diese angenehme Prügelszene. Dann begeben wir uns wieder in den Waschraum.

Der Bader schlägt mit geübter Hand in einem Kupferbecken Schaum; nun legen wir uns auf eine Pritsche und er bearbeitet uns mit dem in Seifenschaum getauchten Bast. Er reibt, knetet, drückt und scheuert: er lässt die Gelenke knacken und fährt geschickt über die Sehnen; er übergiesst uns mit Wolken opalisierenden Schaumes und Strömen lauen Wassers; er kraut den Kopf und fährt in die Ohren; er vollbringt tausend geheimnisvolle Manipulationen. Und endlich ist es bollbracht; wir kommen in das riesige Marmorbassin, um dort ein wenig zu schwimmen und uns dann abzubrausen. Der Bader bringt uns in den Ankleideraum, wo er uns geschickt in ein flockiges Lacken hüllt, worauf er den landesüblichen “na tschai” in Gestalt eines Zwanzigers erhält und lautlos verschwindet.

Streclem wir uns nun auf das Polster des Divans unserer Kabine. Denn nun kommt der höchste Genuss, – die wohlige Mattheit. Wir rauchen träumend eine Zigarette und schlürfen ein Glas Limonade. Ein unbeschreibliches Gefühl der Leichtigkeit strömt durch den Körper. Man blinzelt den krausen Rauchwölkchen nach, man lauscht dem Gesumm der gedämpften Stimmen, jeder  laute Ton ist an dieser Stätte des Behagens streng verpönt. Die Augen schliessen sich;  alles versinkt in unendliche Fernen…

Ein Stündchen oder so herum haben wir wohl sanft und selig geschlummert. Der Körper fühlt sich wie neugeboren; das Blut rollt frei und leicht durch die Adern. Langsam kleidet man sich an; die weissen Diener sind geräuschlos und geschickt zur Hand. Der übliche Wunsch: “Leichter Dampf!”, ein Zwanziger und man hüllt sich in seine Oberkleider. Wieder der “leichte Dampf” und ein Zehner. Auch der Kassierer murmelt seinen Segensspruch und der Türsteher zieht die betresste Mütze und sagt sein Sprüchlein.

Wer je die Wohltat eines echten russischen Dampfbades genossen, wird verstehen, dass es Menschen gibt, die viele Stunden im Bade verbringen; sie machen die ganze Prozedur zwei- und dreimal durch: sie lassen in der Schwitzstube Hitzegrade auf sich einwirken, denen ein Normalmensch nicht standhalten könnte. Sie lassen sich mit der vollen Kraft des Armes und dem Besen bearbeiten und mit eiskaltem Wasser übergiessen, – denn “was dem Deutschen den Tod bringt, ist dem Russen gesund”, sagt das Sprichwort. Solche Virtuosen geniessen die besondere Hochachtung der Bader; man ist stolz auf sie, denn sie verstehen die Wohltat des echten russischen Schwitzbades zu würdigen, sie sind echte und gerechte Russen.

Bild: Wikimedia Commons

Autor: Oskar Johann Martin Grosberg 1862 im livländischen Adjamünde (heute Estland) als Sohn von Gutspächtern geboren und absolvierte in Mitau das Gymnasium. Danach arbeitete er in verschiedenen Berufen – als Buchhändler, als Gutsverwalter. In St. Petersburg war er als Eisenbahnbeamter und später als Journalist für den St. Petersburger Herold und die St. Petersburggische Zeitung tätig. Er schrieb unter anderem Theater- und Ballettkritiken und war zugleich für das Wolff´sche Telegraphenbüro und als Korrespondent für Zeitungen des deutschen Scherl-Verlags, deutsch-baltischer Zeitung u. a. tätig. Nach der Oktoberrevolution lebte er in Riga, wo er weiterhin als Korrespondent des Berliner Börsenkuriers und der Frankfurter Zeitung arbeitete und sich in der deutsch-baltischen Partei engagierte. Wie der grösste Teil der deutschbaltischen Bevölkerung siedelte er 1940 nach Deutschland um und starb 1941 in Berlin.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank! Die Artikel von Oskar Grosberg sind wirklich wahre Perlen. Leider haben wir bisher keine weiteren Texte gefunden.

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