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Russland vor einem Jahrzehnt – ein schwarzes Loch

Von   /  10. Oktober 2011  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Morgenfernsehen auf dem 5. Petersburger Kanal – süffig, geschwätzig, leicht beschwingt, passend zum Frühstückskaffee. Nur um 9.25 wird es noch einmal tiefschwarze Nacht. In der „Kriminalchronik“ taucht man in eine der finstersten Phasen von Russlands Geschichte ein – die Neunzigerjahre.

Anhand von Originalaufnahmen der Polizei Interviews und nachgestellten Szenen werden die raffiniertesten und grausamsten Fälle jener Jahre rekonstruiert als Russland in jeder Hinsicht am Boden war. Während ich Geballer und Prügeleien in russischen Thrillern und Krimis lächerlich finde, packt mich die trockene Sprache der Polizeiprotokolle. Eine eiskalte Hand im Genick lässt mich erschaürn.

Nach dem kurzen Freiheitstaumel von „Gorbi-Mania“ und dem Mauerfall1989 versank Boris Jelzins Russland in Rechtlosigkeit und Chaos. Wie im Chicago der Zwanzigerjahre lieferten sich bewaffnete Banden in Russlands Städten Schiessereien am hellichten Tag. Wer störte, wurde aus dem Weg geräumt.

Im Ausland wurden nur die spektakulärsten Fälle bekannt – etwa die Ermordung der „unbequemen“ Stadtabgeordneten Galina Starowoitowa von 1998 oder das tödliche Attentat mit Maschinenpistolen und Granatwerfern auf die Panzerlimousine des mächtigen Unternehmers Pawel Kapisch im Stadtzentrum 1999.

Damals erhielt Petersburg seinen Ruf als Banditenhochburg Russlands, und niemand glaubte, dass Verbrecherkönige wie Wladimir Barsukow oder Michail Gluschenko jemals der Prozess gemacht würde. Heute stehen sie vor Gericht und sagen fleissig gegeneinander aus.

Doch in der Fernsehsendung geht es nicht nur um die „prominenten“ Fälle in den Hauptstädten. Die „kleinen Fische“ in der Provinz treten auf die Bühne – etwa die Bande von „Nikita“, die in Wolgograd reihenweise Altmetallhändler umbrachte, um an deren Geld zu kommen. Die Blutspur der „Ratten von Jekaterinburg“ wird nachgezeichnet, die überall in der Stadt Wohnungen ausraubten und dabei ganze Familien auslöschten. In Jaroslawl riss sich ein Verbrechertrio mit gefälschten Dokumenten Wohnungen unter den Nagel. Ihr Besitzer – darunter ein Priester – wurden erschossen und verscharrt…

Immer wieder muss ich angesichts der Brutalität den Kopf schütteln: Russland – eine einzige Mördergrube.Gleichzeitig meine ich das Misstrauen, die Scheu und Bedrücktheit der Menschen zu verstehen, die diese Zeit durchgemacht haben. Ich begreife auch, warum die meisten Russinnen und Russen diese Zeit verdrängen und niemand mehr dorthin zurück will. Niemals und um keinen Preis.

Bilder: Wikimedia Commons

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Michail Gluschenko als Auftraggeber des Starowoitowa-Mordes genannt

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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