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Russland vor 100 Jahren: Mietskaserne und Wohnpalast – die Geschichte des „Dochodni Dom“

Von   /  1. August 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die ersten Mehrfamilienhäuser wurden in Petersburg schon im 18. Jahrhunderts erbaut, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch wuchs ihre Zahl stark an. Während viele der primitiven Wohnhäuser mittlerweile verschwunden sind, existieren die prachtvollen Mietshäuser der Wohlhabenden noch heute (siehe Fotogalerie).


Die bekanntesten Beispiele der Petersburger Jugendstil-Architektur sind Geschäftshäuser und Banken, wie zum Beispiel das „Dom Knigi“ oder die Kaufhäuser Mertens oder Jelisejew. Oft vergisst man, dass eine ganze Reihe der schönsten Bauten dieser Epoche einem sehr einfachen Zweck dienten – dem Wohnen nämlich. Gleichzeitig mit Industrialisierung und wirtschaftlichem Aufschwung wuchs im St. Petersburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur das Bedürfnis nach Handels-, sondern auch nach Wohnfläche. Gleichzeitig stiegen die Preise für Baugrund sprunghaft an. Das Vermieten wurde zum lohnenden Geschäft, und der Typ des Mietshauses, des „Dochodni Dom“, erlebte einen Boom

Die Mietskasernen des Proletariats

Im Bereich der damaligen Außenbezirke  beseitigte man die primitiven Holzhäuser, und im Eiltempo errichtete man große Mietshäuser. An der Ecke Sadowaja/ Gorochowaja-Strasse beispielsweise ließ der Fabrikant Schukow innerhalb von nur 50 Tagen ein vierstöckiges Mietshaus im Rohbau bauen. Die Verhältnisse in diesen Mietskasernen, in denen bis zu 500 Personen hausten, waren bezüglich Hygiene, Licht und Lüftung oft prekär. Es entstand jenes düstere Milieu, das Dostojewski in seinem Roman „Arme Leute“ beschreibt.

Auch ein Teil der städtischen Villen fiel dieser Entwicklung zum Opfer. Entweder wurden auf diesen Grundstücken völlig neue Gebäude errichtet, oder man baute hinter den bestehenden Häusern zusätzliche, mehrstöckige Flügel an. Zu den bekanntesten Wohnhäusern der Jahrhundertwende gehören das Burbyr-Wohnhaus an der Stremjanaja uliza (1906-07), das Tolstoi-Wohnhaus am Fontanka-Kanal 1910-12, das Lidwal-Haus am Kamenostrowski-Prospekt (1901-04) oder das Wohnhaus am Krjukow-Kanal. Fantasie und Gewinndenken der Bauherren setzte lediglich ein Beschluss des Staatsrats aus dem Jahr 1844 eine Grenze, der die maximale Dachhöhe auf genau 23 Meter und 10 Zentimeter festgelegt und der bis 1910 Gültigkeit hatte.

Die „Wohnecke“ – eine frühe Version der Kommunalka

Dadurch ergab sich die Höhe des durchschnittlichen Mietshauses von fünf bis sieben Stockwerken (russische Zählweise inklusive Erdgeschoss): Im Erdgeschoss waren entweder Wohnungen oder Ladenlokale untergebracht, und darüber die dazu gehörenden Kontore. In den folgenden Etagen befanden sich Wohnungen, deren Größe, Komfort und Miete mit zunehmender Höhe abnahmen.

Dementsprechend lebten unter dem Dach die ärmsten Mieter, zum Beispiel Studenten, einfache Handwerker oder Beamte niedriger Charge. Da den oft großen Familien das Einkommen nur knapp oder gar nicht für die Miete ausreichte, nahmen sie Untermieter auf. Das war zwar verboten, wurde aber jedoch vielfach praktiziert – es kam sogar vor, dass nur die Ecke eines Raums weitervermietet wurden. Dadurch entstanden an vielen Orten Wohngemeinschaften, die den Kommunalwohnungen der Sowjetunion sehr ähnlich waren.

Arm und Reich unter einem Dach

In den Räumen unter der Dachetagen lebten höhere Beamte, Offiziere und Kaufleute – die zweite und dritte Etage, auf denen die Wohnungen oft das gesamte Stockwerk einnahmen, galten als die vornehmsten. Damit sich die Angehörigen der verschiedenen Kasten möglichst nicht über den Weg liefen, verfügten viele der Häuser über zwei Eingänge. Über die oft reich verzierten Türen und geheizten Treppenhäuser auf der Vorderseite gelangten die Reichen ins Haus.

Falls ein Lift vorhanden war, führte er ebenfalls von dieser Seite hoch bis in die wohlhabenderen Etagen. Die armen Mieter und das Dienstpersonal hatten nur über Türen und Treppen vom Innenhof her Zutritt. Dadurch wurden die Mietshäuser zu einem genauen Abbild des damaligen Russlands – eine Zweiklassengesellschaft, die nicht nur Wände und Türen, sondern ein tiefer sozialer Graben trennte.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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