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Russland vor 100 Jahren im Petersburger Herold: Waldbrände in Russland

Von   /  26. September 2013  /  Keine Kommentare

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Von Oskar Grosberg (St. Petersburg, 1913)

Es dürfte im Allgemeinen bekannt sein, dass Russland zu den waldreichsten Ländern der Welt gehört. Ungeheure Wälder, die viele hunderte Quadratwerst geschlossenen Bestandes umfassen, bedecken Sibirien, den Kaukasus und den Norden des europäischen Russland.

Die meisten dieser Wälder, deren Wert ungeheuer ist, tragen den Charakter unberührten Urwaldes und befinden sich im Besitze des Staates; die Privatwaldungen sind überall dort, wo verwertet werden können, mit wenigen Ausnahmen rasiert worden. Von der Bewirtschaftung der russischen Wälder im europäischen Sinne kann keine Rede sein; in Sibirien umfassen die den einzelnen Revierverwaltern zugeteilten Reviere oft hunderttausend und mehr Hektare.

Bis ein Förster, der mit Kanzleiarbeiten aller Art überhäuft ist, sein Revier ein einziges Mal umfährt, vergehen oft zehn und mehr Jahre. Die Staatsforsten Russlands sind, wie man zu sagen pflegt, in Gottes Hand, man kennt nicht einmal genau ihren Umfang, viel weniger den Charakter der einzelnen Waldstrecken-Reviere. Die zu Buch stehen, sind vielleicht schon länhst vom Feuer vernichtet, oder sie waren überhaupt nie vorhanden, oder sie sind eben „verschwunden“, wie so manches in Russland zu „verschwinden“ pflegt.

Ein recht beträchtlicher Teil der russischen Wälder wird alljährlich vom Feuer vernichtet, oder doch zum Mindesten entwertet. Man darf nun keineswegs an einen russischen Waldbrand den Massstab etwa deutscher Verhältnisse legen. Grosszügig, wie alles in Russland, sind auch die Waldbrände, die hier zu elementaren Ereignissen werden. Was ein russischer Waldbrand ist, kann nur der ermessen, der selbst russische Urwälder auf engen und verschlungenen Wildpfaden durchstreift und sich davorn ernärt hat, was seine Büchse herbeischaffte. Kann nur der erfahren, der sich durch dicht wucherndes Unterholz mühsam mit dem Buschmesser den Weg bahnte, und hunderte gestürzter, modernder Baumriesen überkletterte, oder über einen Wall gestürzter Bäume geschritten ist, unter dem tief unten die Wasser eines reissenden Flusses toben.

Wehe dem einsamen Wanderer, Fallensteller oder Jäger, wenn ihn im Urwald ein Waldbrand ereilt! Er ist unrettbar verloren. Freilich lässt sich der erfahrene Wildnisgänger nicht so leicht überraschen, er weiss im Allgemeinen ganz genau, wenn ihm Gefahr droht. Wenn er sich nicht durch den dicken brenzlichen Rauch und den Feuerschein in der Nacht warnen lässt, so zeigt ihm das Benehmen des Wildes, wenn Gefahr im Anzuge – vor einem grossen Feuer flieht das  Wild in grossen aufgeregten Massen. Der Wildnisgänger beobachtet ferner die Windrichtung und die Art des Baumbestandes des Reviers, in dem er sich befindet und das bedroht ist.

Wenn zwischen ihm und der Feuerlinie, die oft zwanzig oder mehr Werst lang ist, ausgedehnte Hochmoore liegen, mag er ruhig sein, das Feuer wird keine Nahrung finden oder sich allenfalls in den Torf fressen und dort so lange glimmen, bis es von den Herbstregen oder vom Winterschnee gelöscht wird. Ganz anders gestaltet sich das Bild, wenn derartige Hindernisse nicht vorliegen. Dann rast das Feuer mit furchtbarer, durch nichts zu bekämpfender Gewalt oft hunderte Werst vorwärts. Die Lohe schiesst an harzigen Arven, Kiefern, Lärchen und Fichten empor und verwandelt sie in einem Augenblicke in gigantische Fackeln. Der ungeheure Luftdruck erzeugt einen brausenden Sturmwind, der das prasselnde Feuer vorwärts peitscht. Oft geht das Feuer nur über die Gipfel der Bäume hinweg, wobei es sich dann mit enormer Schnelligkeit vorwärts bewegt; diese „Wipfelbrände“ sind ganz besonders gefürchtet, denn sie vernichten besonders grosse Waldstrecken.

Man kann sich schwerlich ein grandioseres Schauspiel vorstellen, als solch ein Brand etwa in den Bergwäldern des Urals. Aus den pechschwarzen Rauchmassen, die oft wochenlang die Sonne verfinstern, schiessen die Flammen hochauf. Morsche, lichterloh brennende Waldriesen stürzen krachend zu Boden, ein sprühendes Funkenmeer bezeichnet ihren Fall. Die Luft ist mit einem eigentümlichen Sausen und Heulen erfüllt, das sich nachts zu einem höllischen Konzert verdichtet. Der heisse Atem des Waldbrandes ist auf viele Werst zu spüren. Er dörrt die Kornfelder in den Walddörfern aus und versengt die Wiesen. In der Nacht leuchtet der glührote Glast auf viele Meilen.

In den dünnbevölkerten Waldgouvernements Russlands ist an die Bekämpfung der Waldbrände natürlich nicht zu denken. Da das Feuer Flüsse und weite Wiesenstrecken überspringt, so ist das einzige Mittel ein Gegenfeuer, das dem verheerenden Brande die Nahrung entzieht. Doch auch zu diesem Mittel greift man nur selten. Im Allgemeinen müssen Regengüsse dem Waldbrande ein Ende machen. Oft glimmt der Torf unter der Schneedecke den ganzen Winter hindurch und im nächsten Frühjahr setzt das Feuer seinen Siegeszug fort.

Viele Millionen werden jährlich auf diese Weise eingebüsst; wie viele, das weiss kein Mensch, man kann den Schaden allenfalls annähernd schätzen. Der wertvolle Wald ist vernichtet. Stämme, die von drei Männern kaum umspannt werden können, recken ihre dünnen Äste empor. Wald, brauchbaren Wald wird es an solchen Stellen freilich erst in zwei oder dreihundert Jahren geben. Die Fallensteller und Jäger des verwüsteten, vom Wilde völlig entvölkerten Reviers lassen ihre Blockhäuser im Stich und ziehen ein paar hundert Werst weiter, wo es noch Wälder gibt, die von Wild und Pelztieren aller Art wimmeln. Denn die Naturschätze Russlands sind unermesslich.

Bild: Die Feuerwehr des Alexander-Newski-Bezirks in St. Petersburg fotografiert vom Petersburger Fotografen Karl Bulla zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Autor: Oskar Johann Martin Grosberg 1862 im livländischen Adjamünde (heute Estland) als Sohn von Gutspächtern geboren und absolvierte in Mitau das Gymnasium. Danach arbeitete er in verschiedenen Berufen – als Buchhändler, als Gutsverwalter. In St. Petersburg war er als Eisenbahnbeamter und später als Journalist für den St. Petersburger Herold und die St. Petersburggische Zeitung tätig. Er schrieb unter anderem Theater- und Ballettkritiken und war zugleich für das Wolff´sche Telegraphenbüro und als Korrespondent für Zeitungen des deutschen Scherl-Verlags, deutsch-baltischer Zeitung u. a. tätig. Nach der Oktoberrevolution lebte er in Riga, wo er weiterhin als Korrespondent des Berliner Börsenkuriers und der Frankfurter Zeitung arbeitete und sich in der deutsch-baltischen Partei engagierte. Wie der grösste Teil der deutschbaltischen Bevölkerung siedelte er 1940 nach Deutschland um und starb 1941 in Berlin.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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