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Russland vor 100 Jahren im Petersburger Herold: Sonderbare Gewerbe in Russland

Von   /  26. Juli 2013  /  1 Kommentar

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Von Oskar Grosberg (St. Petersburg, 1913)

Man findet in Russland Gewerbe, die in Westeuropa, wo man besser hauszuhalten versteht, völlig unbekannt sind. Die „breitwürfige“ Natur des Russen und seine orientalische Bequemlichkeit ist an Bedienung an allen Ecken und Enden gewöhnt und er kann sich den Luxus leisten, denn die Arbeitshände sind selbst in den grossen Städten noch nicht allzu teuer.

Man zahlt gutangezogenen männlichen Dienstboten 15 Rubel, weiblichen 8 Rubel monatlich. unter solchen Umständen ist es  begreiflich, dass ein grosses Petersburger Haus von 60 Wohnungen einer Armee von 12 bis 14 Hausknechten bedarf, die die Strassen und Höfe reinhalten, das Holz in die Wohnungen tragen, den Müll fortschaffen und nachts am Hausflur die „jour“ haben, d.h. sanft und selig in ihren ungeheuren Schafspelzen und Filzstiefeln schlafen. Ander Spitze der Devoreiks (Dvorniks) eines Hauses steht der Oberhausknecht, der die Mieten einkassiert und für die Ordnung im Hause aufzukommen hat. Er ist also Vertreter des Hausbesitzer, den der Mieter nie zu sehen bekommt und zugleich Polizeiorgan, denn er hat für alle Einwohner des Hauses die verzwickten Passformalitäten zu erledigen. Bei gewissen Anlässen, wie etwa Unruhen, verstärken die Hausknechte die Polizeimacht – sie gehen dann mit der unglaublichen Bestialität vor, die der gemeine Russe stets zeigt, wenn man ihm eine gewisse Macht einräumt.

An keiner Tür darf der gallonierte „Schweizer“ fehlen. Je vornehmer das Haus, um so mehr Medaillen und Kreuze zieren die Brust dieses Funktionärs, der in einem der Garderegimenter gedient hat. Die Funktionen des Schweizers sind nicht kompliziert – er hat die Tür zu öffnen und die Oberkleider in Empfang zu nehmen, den Herrschaften in oder aus dem Wagen resp. Schlitten zu helfen, die Briefschaften, die der Postillon bei ihm abgibt, zu verteilen und die Hand offen zu halten um den ununterbrochen rieselnden Strom von Trinkgeldern in Empfang zu nehmen. Dem Schweizer muss man einen Zwanziger auch dann geben, wenn hierfür gar kein vernünftiger Grund vorliegt; namentlich würde der Schweizer jeder für einen Verrückten halten, der ihm zu Ostern oder zu Neujahr nicht einen Rubel in die biedere Linke legen wollte. So etwas wäre in Russland ganz undenkbar. Schweizer und Trinkgeld sind untrennbare Begriffe.

Mehr Daseinsberechtigung als dieser Tagedieb, der in seiner Höhle unter der Treppe hockt, hat der „Politor“, der „Dielenbohner“, der stets paarweise auftritt und die Dielen einmal in der Woche blank macht. Unsere Dienstmädchen würden sich schönstens bedanken, wenn man ihnen das Bohnern zumuten wollte. Zu bemerken ist, dass in den meisten Wohnungen Petersburgs die Dielen nie gewaschen, sondern immer wieder gewachst werden. Der Russe ist ein grosser Katzenfreund, die Häuser wimmeln daher von Katzen, die nachgerade zu einer wahren Plage geworden sind, da sie die Hintertreppen verpesten. Die Katzen geben aber einem Manne ein schönes Stück Brot, dem „Koschatnik“, dem Katzenmanne, der für einen Rubel monatlich an jedem Morgen ein Päckchen gehackte Rindsleber in der Küche abliefert. Man glaubt nämlich, dass eine Katze ohne Rindsleber nicht leben könne.

Eine Erscheinung, die für die russischen kulturellen Verhältnisse nicht gerade sehr schmeichelhaft ist, ist der „Tarakantschik“, der Mann, der die Schaben, Wanzen und Flöhe vertilgt. Jedes anständige Haus nimmt seine Dienste zweimal jährlich in Anspruch, um sich der etwa angesammelten Plagegeister zu entledigen. Als ich kürzlich eine auch im Auslande viel gefeierte reizende Künstlerin besuchte, wurde ich im Speisezimmer empfangen, weil im Boudoir gerade der Tarakantschik am Werke war. Ich fürchte mich bei der Dame in ein sehr schlechtes Licht gestellt zu haben, denn sie rümpfte, wenn auch sehr diskret das Näschen, als ich ihr gestand, noch nie die Dienste eines Kammerjägers in Anspruch genommen zu haben.

Der Sauberkeit dient auch die Tätigkeit des Fensterputzers, denn auch diese Arbeit weisen die Maschas und Daschas von sich. Freilich putzt man die Fenster nur zweimal im Jahr – im Frühling, wenn man sie aufmacht und im Herbst, wenn man sie hermetisch verkalfatert. Sechs Monate im Jahre bleiben sie geschlossen; da ist es füglich gleich, ob sie sauber sind oder nicht, auf das bischen Tageslicht kommt es nicht an, da es im Winter erst um 10 Uhr hell und schon um zwei Uhr wieder dunkel wird. In reichen altväterischen Kaufmannshäusern gibt es einige fünf oder sechs sogenannte „Prischwalki“, Frauen mittleren Alters, die nichts anderes zu tun haben, als die Hausfrau zu unterhalten, mit ihr zu beten, ihr Klatsch zuzutragen, oder fromme Legenden oder Märchen zu erzählen. Dafür erhalten diese Damen Wohnung, Unterhalt und einige Rubel, freilich müssen sie auch alle Launen ihrer zumeist sehr eigenwilligen Herrin ertragen.

Immerhin sind die goldenen Zeiten der Leibeigenschaft beinahe schon vergessen, jene Zeiten, wo man ohne einen Schwarm von Dienerschaft nicht leben konnte. Da gab es einen Diener, der nichts anderes zu tun hatte, als die Stiefel des Herrn an- und abzuziehen, ein anderer stand dem wichtigen Departement der Pfeifen vor, ein dritter beaufsichtigte die Uhren usw. Die kurioseste Arbeit lag aber dem Fersenkratzer, oder in den meisten Fällen wohl der jugendlichen Fersenkratzerin ob, die dem Herrn vor dem Einschlafen mit einer Pfauenfeder sanft über die Fusssohlen zu streichen hatte.

Solchen Luxus kann man sich bei den bösen Zeiten nicht mehr leisten, aber manches ist doch noch hängen geblieben, wie eben jener Schweizer, von dem junge Gardeleutnants sich aus dem Wagen helfen lassen, als wenn sie Mummelgreise wären, oder die Prischiwalki, die so ganz von der Gnade ihrer Herrin abhängig sind, wenn sie nicht in den sauren Apfel beissen und das tun wollen, was in Russland weder dem Herrn noch dem Knecht recht zusagt, nämlich – arbeiten.

Bild: Milchfrau und „Schweizer“ (Schweizar) fotografiert vom Petersburger Fotografen Karl Bulla zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Autor: Oskar Johann Martin Grosberg 1862 im livländischen Adjamünde (heute Estland) als Sohn von Gutspächtern geboren und absolvierte in Mitau das Gymnasium. Danach arbeitete er in verschiedenen Berufen – als Buchhändler, als Gutsverwalter. In St. Petersburg war er als Eisenbahnbeamter und später als Journalist für den St. Petersburger Herold und die St. Petersburggische Zeitung tätig. Er schrieb unter anderem Theater- und Ballettkritiken und war zugleich für das Wolff´sche Telegraphenbüro und als Korrespondent für Zeitungen des deutschen Scherl-Verlags, deutsch-baltischer Zeitung u. a. tätig. Nach der Oktoberrevolution lebte er in Riga, wo er weiterhin als Korrespondent des Berliner Börsenkuriers und der Frankfurter Zeitung arbeitete und sich in der deutsch-baltischen Partei engagierte. Wie der grösste Teil der deutschbaltischen Bevölkerung siedelte er 1940 nach Deutschland um und starb 1941 in Berlin.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Meine breitwürfige Natur vermisst am meisten die Milchfrau, den Koschatnik und die Fersenkratzer(in). Den Tarakantschik möchte ich am besten gar nicht kennenlernen.

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