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Russland vor 100 Jahren im Herold: Starateli. Aus dem Leben Sibirischer Goldgräber

Von   /  21. Oktober 2013  /  Keine Kommentare

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Von Oskar Grosberg

Eines der reichsten Goldländer der Erde ist das namentilich in seinen nördlichen Teilen noch wenig erforschte Sibirien. Das Gleissende Metall findet sich auf dem ganzen ungeheuren Gebiete vom Ural bis zur Beringstrasse; es glänzt und lockt im Gestein der Gebirge und dem Sand der ungeheuren Ströme dieses wunderbaren Landes, dessen Boden im Süden Weintrauben, trägt, während er im Norden sich im Zustande ewiger Vereisung befindet.


Der Abbau des gelben Metalls wurde betrieben, seit Sibirien sich im Besitze der russischen Krone befindet und von jeher hat die Goldgewinnung ein staatliches Monopol gebildet, d.h. alles durch Bergbau gewonnene oder erwaschene Gold muss gegen festgesetzte Zahlung an den Staat abgeliefert werden, der selbst ausgedehnten Bergbau betreibt, zu welchem Behufe er sich der Zwangssträflinge bedient, deren Leiden vielfach geschildert worden sind. Was die technische Seite der Goldgewinnung anbelangt, so wendet man erst in jüngster Zeit rationelle Methoden an, während früher Raubbau betrieben wurde und auch noch jetzt betrieben wird. Eine wesentliche Verbesserung in den Abbaumethoden ist erzielt worden, seitdem grosse kapitalstarke Gesellschaften sich mit der Goldgewinnung in Sibirien beschäftigen und hierzu die vervollkommneten Maschinen benutzen.

Einen grossen Teil der Ausbeute und die Entdeckung neuer Goldfelder verdankt man den „Starateli“, den „Prospektors“, die zu Tausenden und Zehntausenden durch das Land ziehen und in Wildnisse vordringen, die vor ihnen wahrscheinlich nur von den aussterbenden eingeborenen Pelzjägern betreten sind. Die Starateli rekrutieren sich aus allen Gesellschaftsklasse; es sind zumeist verwegene, zähe Männer, deren eiserner Körper imd stählerne Nerven allen Anstrengungen des Gewerbes und allen Schrecken der Wildnis Widerstand leisten können.

Jeder Sibirier, der Hang zu einem freien, ungebundenen Leben hat und ganz auf sich selbst gestellt sein will, geht unter die Starateli. Man findet unter ihnen Vertreter der gebildeten Klassen, die sich von der Urwaldromantik in Bann schlagen lassen, Handwerker, Pelzjäger, die ihrem Gewerbe zeitweilig untreu werden und Zwangsansiedler, die ihre Strafe abgebüsst haben, aber nie nach Europa zurückkehren dürfen. Diese Leute haben ohne Ausnahme schwere, zum Teil fürchterliche Verbrechen begangen und sie sind auch noch ferner bereit, einen Menschen wegen einer Pfeife Tabak niederzumachen. Freilich macht man auch mit ihnen wenig Umstände,  – man schiesst sie, wenn sie sich verdächtig machen, über den Haufen und kein Hahn kräht danach.

Der Sibirier ist daran gewöhnt, sich selbst zu helfen, und er muss das wohl auch, denn von einem Polizeischutz kann keine Rede sein, in einem Lande, in dem ein Polizeibezirk mehrere Tausen Geviertwerst umfasst, die zwei oder drei Beamte zu betreuen haben. Während der Russe im europäischen Russland an den Rockschössen der Regierung hängt und von dieser in jeder Weise bevormundet wird, ist der Sibirier ein aufrehter Mann, der seinen Nacken unter keinen Umständen in das Joch des Tschinowniks, d.h. der Staatsbeamten beugt, sondern sie gar bald kirre macht.

Zur Ausrüstung eines Starateli gehört nicht allzuviel: ein Spaten, eine Spitzhacke, eine Metallschüssel zum Waschen des Goldes, der Teekessel, Büchse, Revolver, Messer und eine Decke. So ausgerüstet ziehen die Starateli gewöhnlich in kleinen Trupps oft aber auch einzeln in die Wildnis hinaus. Sie kampieren in Hütten aus Reisig, oder im Schutze der riesigen Arven und Lärchen. Oft ziehen sie wochenlang umher, ohnen einen geeigneten Fundort zu entdecken; sie haben ungeheure Strapazen zu überstehen, die Angriffe von wilden Tieren und streifenden, vertierten Vagabunden abzuwehren. Sehr oft unterliegen sie aber doch diesen, oder dem Hunger und sie verschwinden für immer.

Wenn aber ein geeigneter goldführender Wasserlauf gefunden worden ist, dann geht man eifrig an die Arbeit; mitunter sieht man sich genötigt, weiter zu wandern, oft aber macht man reiche Ausbeute. So mancher Starateli wird in wenigen Wochen zum reichen Mann. Wenn er genug erwaschen hat, dann kehrt er mit seinem Schatz in bewohnte Gegenden zurück, wobei er das Gold nicht immer an den Staat abliefert, sondern es nach China verkauft. Nach der schweren Arbeit in der Wildnis lebt nun der Starateli gewöhnlich in Saus und Braus bei Wein, Weib und Gesang und Kartenspiel, bis das letzte Körnchen Gold verjubelt ist und er wieder in die Widnis zurückkehren muss.

Es kann wohl vorkommen, dass eine andere „Partie“ auf einen schon besetzten Fundort stösst und dass die entstehenden Auseinandersetzungen mit der Büchse ausgetragen werden. Im Allgemeinen geht der Sibirier vom Grundsatze aus, immer als erster zu schiessen; lieber dreimal zu früh als einmal zu spät. Oft leben mehrere Partien friedlich nebeneinander. Man hat Beispiele davon, dass im Urwalde grosse Gemeinwesen entstehen, von denen die Regierung erst nach vielen Jahren, oft nur Kunde erhält. So war die berühmte Stadt „Sheltunga“ entstanden, von deren Existenz die Regierung erst nach einigen zwanzig Jahren Kenntnis erhielt. Die Goldgräber, die dort zumeist Zwangssträflinge waren, hatten ihre eigene Verwaltung eingesetzt und es gab sogar ein Gericht, das nur eine Strafe kannte: hängen!

Es gibt unter den Starateli Leute, die steinreich geworden sind und nun in den Städten Sibiriens ein ruhiges und behagliches Leben führen; die Mehrzahl aber wandert ruhelos durch das weite Lan, denn sie können sich nicht mehr in geordnete Verhältnisse fügen.

Bild: Russische Goldwäscher im Ural zu Begin des 20. Jahrhunderts.  Bild: Sergei Prokudin-Gorski/ Library of Congress

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Autor: Oskar Johann Martin Grosberg 1862 im livländischen Adjamünde (heute Estland) als Sohn von Gutspächtern geboren und absolvierte in Mitau das Gymnasium. Danach arbeitete er in verschiedenen Berufen – als Buchhändler, als Gutsverwalter. In St. Petersburg war er als Eisenbahnbeamter und später als Journalist für den St. Petersburger Herold und die St. Petersburggische Zeitung tätig. Er schrieb unter anderem Theater- und Ballettkritiken und war zugleich für das Wolff´sche Telegraphenbüro und als Korrespondent für Zeitungen des deutschen Scherl-Verlags, deutsch-baltischer Zeitung u. a. tätig. Nach der Oktoberrevolution lebte er in Riga, wo er weiterhin als Korrespondent des Berliner Börsenkuriers und der Frankfurter Zeitung arbeitete und sich in der deutsch-baltischen Partei engagierte. Wie der grösste Teil der deutschbaltischen Bevölkerung siedelte er 1940 nach Deutschland um und starb 1941 in Berlin.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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