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Russland sucht „Arctic Sea“ – Versicherungsbetrug, Kidnapping oder Unglück?

Von   /  13. August 2009  /  Keine Kommentare

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russland.ru.  Das Schicksal des vor der Küste Portugals verschollenen Holzfrachters Arctic Sea und seiner russischen Besatzung hält die Regierung in Moskau weiter in Atem. Der russische Präsident Dmitri Medwedew beauftragte am Mittwoch seinen Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow, alles in Bewegung zu setzen, um den Frachter „wiederzufinden und – wenn nötig – zu befreien“.

Wie russische Nachrichtenagenturen weiter meldeten, sind bei der Suche nach dem seit Ende Juli verschwundenen Frachter außer Marine-Patrouillen auch Radargeräte und satellitengestützte Überwachungssysteme im Einsatz. Sogar zwei atomar angetriebene russische U-Boote sollen sich inzwischen an der Aufklärung beteiligen.

Nach Angaben eines Sprechers der britischen Küstenwache könnte sich das Schiff in der Gewalt von Piraten befinden. Sollte sich dies als wahr erweisen, wäre es das erste Mal, dass moderne Piraten in europäischen Gewässern zuschlugen. Die unter maltesischer Flagge fahrende Arctic Sea hat finnisches Holz mit einem geschätzten Wert von 1,16 Millionen Euro geladen. Das Schiff mit der 15-köpfigen russischen Besatzung befand sich auf dem Weg nach Algerien, als es Ende Juli vor der Küste Portugals verschwand. Zielhafen war die algerische Küstenstadt Béjaia, wo der Frachter am 4. August eintreffen sollte.

Nach Angaben des Sprechers der britischen Küstenwache, Mark Clark, datiert der letzte Funkkontakt vom 28. Juli, als sich der Frachter in Dover meldete, um den Ärmelkanal zu passieren. „Wir wussten nicht, ob wir mit der Besatzung sprachen oder womöglich mit den Entführern“, sagte Clark. „Niemand von uns kann sich an etwas Vergleichbares in der Vergangenheit erinnern.“

Ungeklärt ist weiterhin, was sich zuvor mit dem Frachter in der Ostsee abspielte. Interpol informierte die britischen Behörden darüber, dass der Frachter am 24. Juli in schwedischen Gewässern von maskierten Männern geentert wurde. Nach Informationen des russischen Marine-Newsletters Sowfracht hielten sich die Angreifer rund zwölf Stunden an Bord auf und suchten etwas, verschwanden dann aber wieder, ohne etwas mitzunehmen.

Darüber hinaus ist völlig ungeklärt, was hinter dieser inzwischen absurden Geschichte steckt. Als die Arctic Sea zum letzten Mal geortet wurde, wusste die Öffentlichkeit noch nichts von dem Vorfall in schwedischen Gewässern. Erst am 30. Juli berichteten schwedische und finnische Medien über die vermutliche Suchaktion angeblicher Drogenfahnder an Bord des Holzfrachters. Da war das Schiff schon längst durch das Nadelöhr der Straße von Dover entschlüpft und damit jedem kontrollierendem Zugriff entzogen.

Aussagen von Zeugen, die das Schiff in Frankreich und Nord-Spanien gesehen haben sollen, sind nicht zu überprüfen. Und portugiesische Behörden dementieren jede verlässliche Behauptung, das Schiff sei in ihren Hoheitsgewässern aufgetaucht, auch wenn man mit Flugzeugen und Schiffen nach ihm fahndet.

Untergegangen kann das Schiff nicht sein, da tausende von Baumstämmen, die bekanntlich nicht im Wasser versinken, davon Zeugnis abgelegt hätten. Laut Berichten von spanischen Küstenschützern hat die Arctic Sea die Straße von Gibraltar nicht passiert. Eine der wenigen glaubhaften Aussagen, da die Meeresenge zwischen Afrika und Europa zu den weltweit best observierten Gewässern gehören.

Durch die von allen Beteiligten verzögerte Informationspolitik ist anzunehmen, dass sich der unscheinbare Frachter längst irgendwo in Afrika aufhält, um per Farbeimer eine neue Identität zu erhalten. Nur klobige Rundhölzer waren bestimmt nicht an Bord. Was auch immer zusätzlich verschifft wurde – Drogen, Waffen, Falschgeld oder Nuklearabfälle –, es wird längst entladen sein.

Man kann nur hoffen, dass die Besatzung durch ein Gelöbnis zum Schweigen am Leben geblieben ist. Falls sich der ganze Spuk als simpler Versicherungsbetrug entpuppen sollte, ist zu befürchten, dass die russischen Seemänner in den Untiefen des Atlantiks vor Afrika ihr Leben verloren. Das wäre ein bitterer Preis für einen alten kleinen Trockenfrachter – die versicherte schwimmende Holzladung ließe sich leicht wieder einsammeln.

In den Untiefen des Internets kursieren die unterschiedlichsten Theorien über die Hintergründe der scheinbaren Piraterie. Die absurdeste Vermutung lautet, Russland habe die Vorfälle seit dem 24. Juli inszeniert, um ein kleines Nato-Manöver vor der portugiesischen Küste aus der Nähe beobachten zu können. Den bemitleidenswerten Angehörigen der russischen Seeleute gäbe diese krude Version des Vorfalls allerdings Anlass zur Hoffnung. Die Arctic Sea könnte dann genauso unvermittelt wieder auftauchen wie sie verschwand.

Chronologie der Ereignisse

3. Januar 1992: Die Arctic Sea mit einer Wasserverdrängung von 4706 Tonnen läuft unter ihrem ursprünglichen Namen Ochotskoje in der damaligen UDSSR vom Stapel.

1996 wurde der Trockenfrachter in Finnland registriert. Er befördert Schnittholz aus finnischen und schwedischen Häfen.

Von Ende 2008 bis zum Mai 2009 pendelt die Arctic Sea zwischen Kotka an Finnlands Südküste und dem algerischen Hafen Oran. Dann wurde der Verladehafen von Kotka nach Pietarsaari an der finnischen Westküste verlegt.

Am 24. Juni 2009 ist das Schiff in Kaliningrad, um an Pregol-Werft repariert zu werden.

Am 20. Juli lädt die Arctic Sea in 4.706 Tonnen (6.700 m³) Holz im Besitz des Papierherstellers Stora Enso Oyj im Wert von ca. 1,3 Mio. Euro.

Am 23. Juli, kurz vor Mitternacht, fährt das Schiff mit einer Geschwindigkeit von 10 Knoten in Richtung Süden. Später verringert sich die Geschwindigkeit auf drei Knoten, das Schiff fährt gen Norden und dreht sich im Kreis, wie sich aus alle paar Sekunden ausgehenden Sendesignalen rekonstruieren lässt. Danach nimmt es seine ursprüngliche Fahrtrichtung wieder auf.

Am 24. Juli gegen drei Uhr im Morgengrauen sollen mitten auf der Ostsee nordöstlich der schwedischen Insel Öland acht schwarzgekleideten maskierte Personen das Schiff überfallen haben. Nach zwölf Stunden sollen sie es wieder verlassen haben. Die Reederei des Schiffs habe einen entsprechenden Bericht bei der russischen Botschaft in Helsinki abgeliefert. Die Botschaft habe Moskau informiert und die Behörden in Moskau hätten dann die Polizei in Schweden knapp eine Woche später eingeschaltet.

Am 28. Juli hat die britische Küstenwache in Dover routinemäßigen Kontakt mit der Arctic Sea, ohne von den Vorfällen in schwedischen Gewässern zu wissen.

Am 29. Juli wird die Arctic Sea nördlich von Brest durch ihr elektronisches Meldesystem AIS verortet.

Am 30. Juli tauchen in Schweden und Finnland erste Berichte über den Vorfall vom 24. Juli auf.

Am 31. Juli berichtet die internationale Presse von der angeblichen Piraterie.

Am 1. August soll es nach Angaben des Betreiberunternehmens Solchart das letzte Funkgespräch mit dem Schiff gegeben haben.

Am 3. August vermutet die schwedische Polizei, die Angreifer hätten sich das falsche Schiff vorgeknöpft.

Am 8. August gibt der portugiesische Flottenchef bekannt, dass er informiert sei, aber keine Kommentare dazu abgeben könne. Am folgenden Tag sagt er, dass die Arctic Sea nicht in portugiesischen Hoheitsgewässern aufgetaucht sei.

Am 12. August beordert Russland Schiffe und U-Boote vor die portugiesische Küste, um nach der Arctic Sea zu suchen.

RUSSLAND.RU

Russischer Frachter “Arctic Sea” vor Portugal verschwunden

www.fontanka.ru

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Kein Lebenszeichen von der “Arctic Sea”

Piraten überfallen russisch-finnischen Frachter in der Ostsee

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  • Veröffentlicht: 9 Jahren vor auf 13. August 2009
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  • Zuletzt geändert: August 13, 2009 @ 8:01 am
  • Rubrik: Aktuell, Ticker

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