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Russland erwacht aus dem zehntägigen Neujahrs-(Alp-) Traum

Von   /  10. Januar 2019  /  Keine Kommentare

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eva.- Traditionsgemäss kehrte über die Neujahrstage in ganz Russland lärmige Stille ein. Doch ausser „Ded Moros“ und Sektkorkenknallen beschäftigten noch andere Dinge die Öffentlichkeit – eine Gasexplosion in Magnitogorsk, ein Präsident mit sinkendem Raiting und ein bitterböser Film über eine Neujahrsnacht im hungernden Leningrad.

eva.- Am letzten Tag des alten Jahrs wurde Magnitogorsk von zwei Explosionen erschüttert. Die eine ereignete sich in einem Wohnhaus und kostete 39 Menschen das Leben. Als man die Hoffnung auf Überlebende schon aufgegeben hatte, wurde wie durch ein Wunder ein elf Monate altes Baby aus den Trümmern geborgen.

Als offizieller Grund wurde eine Gasexplosion angegeben, was in vieler Hinsicht glaubhaft ist, weil sich in Russland jährlich eine Reihe solcher Unfälle wegen defekter Gasleitungen ereignet. Wegen des Misstrauens in die Behörden kam jedoch sofort das Gerücht wegen eines Terroranschlags in Umlauf.

Terror-Version offiziell nicht ausgeschlossen

Dieses wird durch die zweite Explosion in einem Sammeltaxi genährt, bei der drei Menschen ums Leben kamen. Offiziell ging der Kleinbus wegen einer Gasflasche in die Luft. Auf einem Videofilm, der das Unglück festhielt, sind jedoch deutliche Knallgeräusche zu hören, die Schüssen sehr ähnlich sind.

Darum wird spekuliert, dass sich in dem Bus angeblich Terroristen befunden hätten, die mit der Explosion des Wohnhauses in Zusammenhang standen. Dass die Behörden die Version eines Terroranschlags nicht ausschliessen, weist auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit dieses Tathergangs hin.

Brückeneinsturz im Gorki-Park

Ein weiteres Unglück ereignete sich in der Neujahrsnacht im Moskauer Gorki-Park, wo eine Holzbrücke unter der Last des Publikums einstürzte und sich 13 Personen leichte bis mittlere Verletzungen zuzogen.

Zu Reden gab dieses Jahr auch die Rede von Staatspräsident Putin, die normalerweise von der Mehrheit als der Bevölkerung als positiver Höhepunkt vor dem Jahreswechsel angesehen worden war. Einige Stunden, nachdem der kremlnahe Erste Kanal die Rede bei Youtube veröffentlicht hatte, hatte das Video mehrere Hunderttausend „Dislikes“ gesammelt, im Gegensatz zu etwas mehr als einem Dutzend Tausend Likes. Daraufhin wurde das Video gelöscht und erst später neu aufgesetzt.

Obwohl über die tatsächliche Zahl der „Likes“ und „Dislikes“ und mögliche Manipulationen gestritten wird, ist doch ein deutlicher Popularitätsverlust des russischen Leaders und seiner Regierung im Volk zu spüren. Dies ist in erster Linie auf die schwierige wirtschaftliche Situation Russlands sowie auf eine Reihe unpopulärer Massnahmen zurückzuführen. Unter anderem hatte Putin entgegen seinem Wahlsprechen der deutlichen Erhöhung des Rentenalters zugestimmt, ausserdem wurde die Mehrwehrtsteuer stark erhöht.

Begegnung der sowjetischen „Ober-“ und „Unterklasse“

Auch das übliche sowjetische Filmrepertoire, bestehend aus dem Neujahrsfilm „Ironie des Schicksals“ und anderen Klassikern, wurde durch zwei sehr unterschiedliche Filme bereichert. Zum einen kam die Neujahrskomödie „Weihnachtsbäume – die letzten“ mit dem russischen Fernsehstar Iwan Urgant in die Kinos. Ob diese siebte Ausgabe einer turbulenten Neujahrsnacht wirklich die letzte sein wird, wird erst in einem Jahr klar.

Der bittere Gegensatz zu diesem Gute-Laune-Film lieferte der Regisseur Andrei Swjaginzew mit seinem Streifen „Das Fest“, der dem russischen Publikum eine bitterböse Version der Neujahrsnacht auftischte. In seinem Film spricht der kritische Autor ein Tabu-Thema der russischen Geschichte an – die Fettlebe der sowjetischen Nomenklatur im hungernden Leningrad während des Zweiten Weltkriegs.

Der mit eigenen Mitteln gedrehte Film erzählt die Begegnung der „Ober-“ und „Unterklasse“ in der eingeschlossenen Stadt in der Neujahrsnacht an. Die Kinder einer elitären Familie bringen ihre Freunde aus dem Volk mit nach Hause, was zu einem beidseitigen Trauma führt: Sind die einen geschockt darüber, wie sich die Privilegierten inmitten des allgegenwärtigen Hungers die Bäuche vollschlagen, versuchen die anderen so gut wie möglich ihren Reichtum vor den Hungernden zu kaschieren.

Eine Neujahrsnacht mit Schneepracht

Rein äusserlich gesehen, war der Jahreswechsel 2018/19 schön wie im Bilderbuch. Viel Schnee und nicht zu kalt – schöne Tage zum Bummeln in der Zarenstadt. Wie die Stadtregierung an einer Pressekonferenz bekannt gab, räumten zu Spitzenzeiten bis zu 1150 Maschinen die Petersburger Strassen und Trottoirs. Über 5000 Dächer wurden während der Neujahrstage von bis zu 1000 Arbeitskräften vom Schnee gesäubert.

Die Qualität der Räumung ist weitgehend zufriedenstellend. Nur bei den „Handarbeitern“, den „Dworniki“ ist die Situation schwieriger – von den 300 Stellen zum Schneeräumen konnten offenbar nicht alle besetzt werden, was sich durch teilweise verschneite und rutschige Fusswege bemerkbar macht.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.newsru.com

www.fontanka.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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