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Russland-Blog: Weites Wolgograd

Von   /  15. Januar 2018  /  Keine Kommentare

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Von Emily Orlet

Es sollte die zweite Stadt werden, die ich auf meiner Reise durch Russland besuchte. Wolgograd, von 1925 bis 1961 Stalingrad genannt, liegt im Südwesten Russlands an der Wolga. Als ich am Bahnhof ankam und mich auf den Weg zu unserem Apartment machte, das meine Reisepartnerin aus Sankt Petersburg für uns gebucht hatte, fiel mir auf, dass die Stadt ein ganz anderes Tempo hatte und einen anderen Flair. Die Häuser nicht so hoch, mehr Alleen, ausgeglichener Verkehr, eine gewisse Ruhe schien über der Stadt zu liegen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist uns beiden aber die Wärme und Freundlichkeit der Bewohner. Es war nicht nur der Kontrast der Grossstadt Sankt Petersburg und Wolgograd, es war eine Grosszügigkeit und Gastfreundschaft, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe.

Da war der junge Mann, der mit mir im Zug sass und als er meine Ratlosigkeit über dem Stadtplan bemerkte, mir anbot, mich bis zum Apartment zu begleiten. (Ich hätte es ohne ihn wahrscheinlich nicht geschafft.) Oder der Taxifahrer, der mit mir sein Mittagessen teilte.

Oder die Familie, die meine Reisepartnerin bei sich aufnahm, als die Vermieterin des Apartments ein paar Stunden zu spät war, sie dann zum Apartment zurückbrachte und ihr dazu Tüten voll mit Essen mitgab. Wir verbrachten eine sehr schöne Zeit dort und stellten uns vor, dass es dort gerade im Sommer sehr schön sein müsste.

Das Gedenken Stalingrads

Das historische Erbe Stalingrads und des Zweiten Weltkrieges prägen das Stadtbild bis heute. Will man diese Stadt verstehen, muss man sich seiner schweren Vergangenheit bewusst sein. Die grossen Alleen, darunter die prominenteste „Allee der Helden“ sind umgeben von Gedenktafeln, Statuen und grossen Denkmälern.

Sie alle erinnern an den Krieg und jeden Tag, an dem wir diese Alleen kreuzten und an ihren Gedenktafeln mit den tausenden Namen vorbeikamen, sahen wir frische Blumen darunter liegen. Es waren meist die traditionellen russischen Friedhofsblumen, rote Blüte und in gerader Anzahl. Die Stadt pflegt dieses Andenken sehr.

„Mutter Heimat“ mit dem kämpferischen Gesicht

Wer weiter der Wolga entlang spazieren geht, kann zwischen den Gebäuden Wolgograds bekannteste Sehenswürdigkeit in der Ferne entdecken: Es ist „Mutter Heimat“, eine Statue auf dem Hügel Mamayev Kurgan, die mit ihren 85 Metern Höhe die höchste Statue ganz Europas ist. Sie symbolisiert den Sieg über das faschistische Deutschland und gehört zu einem Memorial-Komplex, zu dem auch die „Ewige Flamme“ zählt – eine niedrige, offene Kuppel etwas weiter unten am Hügel, in der eine steinerne Hand eine Fackel mit dem „ewigem“ Feuer hält.

Spannend ist es, hier den Wechsel der davor stehenden Soldaten zu beobachten, wenn sie in streng festgelegter Choreographie die Kollegen von ihrer Schicht ablösen. Meine Reisepartnerin und ich waren uns bei Besuch dieser Statue allerdings einig, dass sie kein schönes Gesicht hat. Es ist sehr kämpferisch und steht für die militärische Pflicht in den Krieg zu ziehen. Trost findet man bei ihr nicht.

Riesiges Schlachten-Panorama

Das Museum Panorama „Schlacht von Stalingrad“ gehört ebenfalls zu den „Must-Sees“ in Wolgograd. Ausgestellt werden Kriegsartillerie, Panzer und Flugzeuge, Dokumente, Medaillen und Fotos sowie beeindruckende, riesige Animationen und Wandbilder.

Wer die Stufen in der Mitte des Museums erklimmt, kann in der Kuppel ein 3-D Wandbild bestaunen, das sich dort rund um den Besucher herum erstreckt. Mit Liebe zum Detail wird hier ein Schlachtfeld widergegeben: Lazarett, Beschuss, Versorgung durch Flugzeuge. Schon allein die interessante Art der Präsentation und Architektur des Museums sind einen Besuch wert.

www.visitvolgograd.info/eMuseum.htm

Der Gedenkfriedhof „Rossoschka“ liegt 37 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums und ist nur per Taxi erreichbar. Er beherbergt über 60’000 gefallene Soldaten von russischer, deutscher und rumänischer Seite. Beim Besuch dieses Ortes beginnt man, den Krieg auch emotional zu verstehen. Man steht im nirgendwo, es ist trostlos, vor einem stehen schweigend die Granitblöcke mit den eingemeisselten Namen der gefallenen Soldaten.

Geburtstag und Todestag, manchmal liegt dazwischen nur ein Leben von 18, 19 Jahren. All die Toten, so viele, ruhen hier und es ist von grosser Schwere, zwischen den Namen zu wandeln, verschwindend viele sind es und man spürt seine eigenen Schritte und denkt, jeder von ihnen hatte dieses eine ganze Leben, und es wurde ihm so einfach genommen…

www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/rossoschka.html

Bilder: Emily Orlet

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  • Veröffentlicht: 6 Monaten vor auf 15. Januar 2018
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Februar 9, 2018 @ 11:42 am
  • Rubrik: Aktuell, Reisen

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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