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Russland-Blog: Praktikum an der Eremitage

Von   /  1. Dezember 2017  /  Keine Kommentare

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Von Emily Orlet

Zur Eremitage kam ich durch die Vermittlung meiner Organisation vor Ort „Deutsch-Russischer Austausch“, obschon es auch möglich ist, sich direkt zu bewerben (siehe Infos am Schluss). Das Treffen auf den zweiten Tag nach meiner Ankunft gelegt. Etwas aufgeregt kam ich im Büro des „Volunteer Service“ der Eremitage an. Doch die Atmosphäre war eher locker bis hin zu chaotisch, als man mein Anmeldeformular zuerst einmal mehrere Minuten suchte. Ich sah mich derweil um. Das Büro befand sich schon leicht im Keller, ein paar Arbeitsplätze waren zwischen Bücherstapeln, Papieren und Pflanzen aufgestellt und auf dem Tisch in der Mitte standen Tee und Kekse.

Mein Anmeldeformular war auch bald gefunden und ich trug mich für ein „Internship“ ein. Gemäss den Bedingungen auf dem Aushang an der Tür verlangt dies einen Mindesteinsatz von 60 Stunden im Monat (und wie im Laufe meiner Zeit dort mit Bleistift zusätzlich vermerkt wurde „Den Einsatz bei mindestens drei Events“). Dieses Praktikum wird einem dann auch mit einem Zertifikat bestätigt. (Ein sogenanntes „Volunteering“ verlangt mindestens 20 Stunden Arbeitseinsatz im Monat und ist ohne Zertifikat.)

Die Freiheit der chaotischen Organisation

Ich spreche deshalb so explizit vom Aushang an der Türe, da auf der Website ein „Internship“ offiziell nur möglich ist bei einem Arbeitseinsatz von 35 Stunden in der Woche. Ich habe mir in dieser Widersprüchlichkeit die für mich optimale Lösung ausgesucht, lieber nicht nachgefragt und gehofft, dass alles klappt! Denn in dieser chaotischen Organisation liegt auch die Freiheit: Eine Freiheit, die ich jedem empfehle zu nutzen.

Die Arbeit begann auch gleich anschliessend im Büro. Es war eine Übersetzung eines Festivalaushangs vom Russischen ins Englische. Eine Aufgabe, der ich (gemessen an meinen Russischkenntnissen) eigentlich nicht gewachsen war, die ich aber trotzdem annahm und dabei auf Unterstützung von Google und Co. zählte. (An diesem Punkt möchte ich mich bei den Entwicklern von „Google Translate“ und „DeepL Translate“ von Herzen bedanken. Ohne sie hätte ich diese und weitere Übersetzungen nicht geschafft.)

Eingeschüchtert vom Renomee der Eremitage

Am Anfang war ich noch ein bisschen eingeschüchtert vom grossen Namen und Renommee der „Eremitage“. Die Schätze der Eremitage, ja der Winterpalast selbst, machen diesen überwältigenden Eindruck aus, den jeder beim Besuch der Eremitage erfährt und mit dem Namen verknüpft. Erst nach und nach begann ich die „Schätzen der Eremitage“ separat vom „Betrieb Eremitage“ zu sehen. Mit letzterem meine ich die vielen Angestellten, Büros und Departemente, die das ganze Museum zusammenhalten.

Von nun an, würde ich mit dem „Volunteer’s Office“ zu dieser anderen Welt gehören und wechselte damit sozusagen die Seiten vom Besucher zum Interna. Damit veränderte sich meine Perspektive auf die Eremitage und mit jeder neuen Erfahrung lichtete sich der grosse Name „Eremitage“. Ich erkannte, dass der „Betrieb Eremitage“ nicht weniger hektisch und improvisiert ist wie jeder andere Betrieb auch.

Viel Verantwortung für Volontäre

Gerade bei letzterem Stichwort würde ich das „Volunteer’s Office“ einordnen, ein Büro, das die anderen Departmente bei den verschiedensten Aufgaben unterstützt und so Brücken baut und einen gewissen Puffer, wenn es zeitlich etwas eng wird. Ich kann mich daran erinnern, dass uns der Pressedienst einmal um 8 Uhr abends in ihr Büro rief, weil sie Hilfe für die Pressemäppchen für den morgigen Tag brauchten. Und manchmal musste sich das „Volunteer’s Office“ auch selbst helfen, wenn es zum Beispiel die Korrespondenzen der letzten drei Wochen wegen Zeitnot nicht mehr beantwortet hatte. Dann sprangen wir Volontäre ein.

Im Laufe der Zeit wandelte sich auch meine Wahrnehmung von uns und unserer Rolle. Als ich meine erste Übersetzung schrieb, war ich sehr erstaunt, dass mir eine so grosse Aufgabe anvertraut worden war. Mit der Zeit merkte ich, dass Russland einerseits sehr viel entspannter, pragmatischer und risikofreudiger ist als die Schweiz und andererseits, dass es sich die Eremitage als staatlicher Betrieb wahrscheinlich gar nicht leisten könnte professionelle Übersetzter zusätzlich anzustellen.

Einsätze an Festivals

Je nachdem ist das „Volonteer’s Office“ auch dafür zuständig die Eremitage an Festivals und anderen Anlässen zu vertreten. Dann werden oft kleine Recherchearbeiten zu bestimmten Themen vergeben. Neben dieser selbstständigen Übersetzungs- oder Recherchearbeiten (die bei Bedarf auch von zu Hause erledigt werden können), kam es aber auch vor, dass man für einige Tage in der Woche in ein anderes Departement versetzt werden konnte.

In meinem Fall war es das archäologische Departement im Norden der Stadt. Über drei Wochen säuberte, beschriftete und archivierte ich dort Steine, Scherben, Knochen und Holzstückchen aus der Steinzeit. Ich muss gestehen: Mir hat es dort am besten gefallen!

Zum Mittagessen – vorbei an ägyptischen Sarkophagen

Abgesehen vom Archäologischen Departement ist der „Volunteer’s Service“ aber doch sehr dienstleistungs – und serviceorientiert und die Arbeiten werden zumeist im Büro verrichtet. Dadurch sind die Berührungspunkte mit den effektiven Ausstellungsstücken und Ausstellungsräumen eher gering.

Aber es gab eine regelmässige Ausnahme: Jeden Mittag, wenn ich an zur Kantine (tief in den Gemäuern und Winkeln des Winterpalastes versteckt) ging, sah ich all die Kunstwerke: Mein Weg führte mich an altägyptischen Sarkophagen, römischen Statuen und dem Mobiliar der Zarenfamilie vorbei. Doch meist lief ich in eiligem Tempo (der Hunger), sodass ich mich doch nicht weiter vertiefen konnte. Nun weiss ich auch: Eilig im Museum laufen ist an sich keine gute Idee – hätte ich doch fast einmal Ciceros Büste vom Sockel gestossen…

Sprachenkenntnisse sind ein grosses Plus

Manchmal gab es auch noch andere, spontane Aufgaben. Sie waren selten, aber an ihnen hatte ich wahrscheinlich am meisten Freude. Zum Beispiel gab es den „Airport Service“. Man wurde zum Flughafen mit einem Fahrer geschickt, begrüsste dort einen Gast der Eremitage und begleitete seinen Weg mit dem Fahrer zum Hotel. Ausgesucht wurden die Volontäre meist danach, ob sie die Sprache des Gastes sprechen konnten. Dank meinen Französischkenntnissen hatte ich die Möglichkeit oft zum Flughafen fahren zu können und jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn mit dem Fahrer durch die südliche Vorstadt Sankt Petersburgs fuhr, war ich meiner zweisprachigen Matura aufs Neue dankbar.

Oft sprachen die Gäste aber auch Englisch oder Russisch, entscheidend war wohl schlussendlich, dass ich ein Praktikum mit hoher Anwesenheit im Büro machte. Dadurch war ich bei diesen spontanen Aufgaben meist verfügbar. Einmal sollte ich sogar den Transfer einiger wichtiger Dokumente zum Bürgermeister von Sankt Petersburg begleiten – doch leider hatte dann schon ein anderer Mitarbeiter des Museums den Job erledigt…

Volontärseinsatz als grosse Chance

Ich denke, dass es eine riesige Chance ist beim Volontärservice zu arbeiten, da man Aufgaben erledigen kann, gerade solche wie eben erwähnt, für die ich in der Schweiz wahrscheinlich eine mehrjährige Ausbildung brauchen würde. Je länger man dort ist, desto besser lernt man den Alltag eines Museums kennen. Die Frau im Souvenirshop, die meint, dass sie gewisse Leute nur in der Kantine sitzen sieht, die Arbeitskollegen unserer Chefs, die oft für einen Tee und Kekse im Volontärbüro vorbeikommen.

Es war auch erst recht spät, dass mir auffiel, wie selbstbezogen mein Chef das Büro gestaltet hatte. Da war ein Kalender mit Bildern von ihm und obwohl schon längst abgelaufen, hing er noch immer an der Wand, ebenso wie ein riesiges Geburtstagsplakat für ihn und viele Zertifikate. Über seinem Computer hatte er das Schild „Le Patron“ aufgehängt, ein Zitat von Konfuzius mit seinem Namen unterschrieben und das W-Lan Passwort setzte sich aus „I Love“ und seinem Vornamen zusammen. Eine andere Volontärin meinte, dass sie fast vom Stuhl gefallen war, als er für ein Festival zu Ehren Peters des Grossen in einem entsprechenden Kostüm des 18. Jahrhunderts mit Strümpfen, Gamaschen und Perücke durch die Tür stolziert kam.

Kein übriges Dankeschön für harte Arbeit

Meine Chefs (eine Frau und ein Mann) waren grundsätzlich nette Leute. Allerdings teilten sie sich ihre Freundlichkeit nur untereinander, mit ihren Arbeitskollegen und mit anderen Leuten, die Russisch sprachen. Das ist an sich nicht schlimm, nur manchmal denke ich, dass sie doch im Gegensatz dazu mit uns etwas sehr brüsk verfuhren. Erklärungen zu den eigenen Projekten wurden nur knapp quittiert und selten hörte man ein „Danke“ für die seitenlangen Übersetzungen.

Am härtesten war das wohl, als eine andere Volontärin (ebenfalls aus der Schweiz) 25 Seiten eines alten französischen Buches übersetzt hatte. Als sie nach einigen Wochen meldete, dass sie die fertige Übersetzung in einem Mail losgeschickt hätte, sagte die zuständige Frau nur ein Wort darauf: „Okay“. Ihr Mail mit der Übersetzung blieb auch ohne Kommentar.

Ich persönlich denke, dass sie über all die Jahre so verwöhnt waren an immer neuen gut ausgebildeten und motivierten Leuten, die ohne direkte Gegenleistung viele anspruchsvolle Aufgaben erledigt haben, dass sie die Wertschätzung dafür ein bisschen verloren haben.

Das Zertifikat – eine schöne Sache

Zum Schluss kümmerte ich mich noch um das Zertifikat. Auch hier ist Eigenengagement und Selbstständigkeit gefragt: Es wird einem ein „Sample“ eines vorherig ausgestellten Zertifikats geschickt, bei dem man dann den Teil, in dem die Aufgaben und Verantwortlichkeiten beschrieben werden, mit seinen eigenen austauscht. Der persönliche Satz zum Schluss ist für jeden Volontär gleich, das einzige, was der Chef dann noch hinzufügt ist seine Unterschrift und ein Stempel. Sehr schön ist dafür dann der Moment der Übergabe.

Es war an meinem zweitletzten Tag, am nächsten war ich nur noch für ein Event eingetragen. Er überreichte mir das Zertifikat und einige Bücher zur Eremitage. Ich sah in seinen Augen aufrichtige Wertschätzung und Herzlichkeit, und er begann zu klatschen und die anderen Volontäre, die im Kreis standen, ebenfalls. Diesen Moment werde ich in meinem Herzen behalten.

Zum Abschluss – ein bisschen beschwipst

Und ganz zu Ende ist die Geschichte dann doch noch nicht. Schliesslich war da noch das erwähnte Event an meinem letzten Arbeitstag. Es war eine Veranstaltung der Firma „Baker McKenzie“, einer internationalen Unternehmensberatung, die in der Eremitage stattfand. Unsere Aufgabe war, die festlich gekleideten Gäste vom Tor zum Eingang zu begleiten. Schon bei den Vorbereitungen des Events war uns das Catering aufgefallen – Champagner, Kaviar, Salat in Cocktailgläsern.

Nun wären wir gerne Gäste und nicht Interna gewesen. Doch der Abend wurde spät und irgendwann nahm mein Chef seinen Badge ab, steckte ihn sich in die Innentasche seines Anzugs und sagte: „So, und jetzt essen wir.“ Wir konnten unsere Freude kaum fassen, als wir ebenfalls durch die Landschaft aus Pralinen und Shrimps, Wein und Käse flanieren konnten und da wir nicht in einen Smalltalk mit einer wichtigen Firmenperson verwickelt waren, konnten wir uns ausgiebigst dem Essen widmen. Ich hielt mich an meinen Chef, der immer wieder mit einem neuen Teller vom Buffet kam und ein weiteres Glas Wein trank.

Ich hatte allerdings auf nüchternen Magen getrunken, weshalb ich einen hochroten Kopf bekam und für alle Anwesenden wahrscheinlich wie eine kleine Alkoholikerin aussah. Es war ausgelassen, wir Volontäre unterhielten uns und lobten das Essen, das Trinken und den Abend und es war wohl der schönste und festlichste Abschluss, den ich mir je von der Eremitage hätte vorstellen können.

Fazit: am besten kurz und intensiv

Persönlich empfehle ich dieses Volontariat für eine kurze, aber intensive Zeitspanne zu machen. Die ganztägige Anwesenheit im Büro erlaubt, auch bei spontanen Aufgaben mithelfen zu können und ermöglicht so einen vielfältigen Einblick in den Museumsalltag. Auch die Möglichkeit Kontakt zu den anderen Volontären aufzubauen, insbesondere den russischen Volontären, habe ich sehr geschätzt.

Allerdings war ich aber auch erleichtert als ich meine Arbeit dort beenden konnte, da sie doch sehr zeit- und energieintensiv war und ich mich mehr auf andere Projekte (wie zum Beispiel das Erlernen der russischen Sprache) konzentrieren wollte.

Die Erfahrungen, die ich über diese zwei Monate gesammelt habe, sind auf jeden Fall einmalig und sehr wertvoll. Ein entsprechendes Zeugnis von der Eremitage ist ebenfalls ein guter Rucksack für die Zukunft. Nicht zu vergessen der freie Eintritt mit dem Badge in die Eremitage und die meisten anderen staatlichen Museen ;-)

Hast du auch Lust?

Wer sich für ein Praktikum oder einen Freiwilligeneinsatz (hierbei variiert nur das Arbeitspensum) bei der Eremitage, dem zweitgrössten Museum der Welt, interessiert, kann sich beim Volunteer Service der Eremitage bewerben.

Grundsätzlich werden alle interessierten Bewerber angenommen, gerade internationale Volontäre sind sehr gefragt. Wer sich vom Ausland aus bewirbt und länger als einen Monat dort arbeiten möchte, kann für sein Visum einen direkten Einladungsbrief des Volontärservice erhalten. (Bei einem Aufenthalt bis zu einem Monat wird das Touristenvisum empfohlen.) Wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen sind und du in Russland angekommen bist, wirst du zu einem ersten Treffen eingeladen: Pass, Passfoto und (wenn bereits ausgefüllt) Anmeldeformular nicht vergessen!

Bilder: Emily Orlet

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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