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Russland-Blog: Megapolis Moskau – Begegnung mit Bulgakow

Von   /  25. September 2018  /  Keine Kommentare

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Von Emily Orlet

Moskau ist atemberaubend. Die Stadt hat eine andere Geschwindigkeit und reisst einen mit: In die Abenteuer unwirklicher Nächte und noch unwirklicherer Tage. Eine Stadt gegen alle Wahrscheinlichkeit, unendlich weit, doch das Glück immer nah. Moskau ist auch die Stadt Bulgakows, dessen Wohnung heute ein Museum ist (Fotogalerie).

Meine Reise durch Russland begann mit Moskau. Das Erwachen im Zugbett, das Zusammenpacken, Zurechtfinden, Aussteigen. Es war noch frühmorgens. Und da war sie: Moskau. Die Stadt stand vor mir. Noch nie in meinem Leben hatte ich Gebäude dieser Dimension gesehen, viele von ihnen in stalinistischer Architektur erbaut, verschwindend hoch, ein Guss gleichgültiger Macht. Moskau im Geschichtsunterricht, natürlich, doch ihrer gegenwärtigen Realität hatte ich nie geglaubt.

So begann ich durch die Strassen zu laufen. Es war noch dunkel, die Strassen leer. Ich bog um die nächste Ecke und schon erschloss sich eine ganz andere Szenerie. Es war der Arbat, die älteste und berühmteste Einkaufsstrasse Moskaus, die an diesem Novembermorgen unwirklich im Dunst lag, fast wie einem anderen Jahrhundert zugehörig.

Aufwärmen in einer Kirche

Ich wandelte ihn hinab, suchte einen Platz zum Aufwärmen, doch alles geschlossen, bis auf die Kirche in der Nebengasse. Aus einer Truhe konnte man sich ein Tuch nehmen um (wie hier in Russland von den Frauen beim Kirchenbesuch verlangt) den Kopf zu bedecken. Ich trat ein, in den weihrauchgefüllten und warm beleuchteten, goldenen Kirchenraum. Einige waren zum Morgengebet versammelt, die Stimme des Paters ebbte auf und ab und hüllte mich ein. Dort verlor ich mich für eine Zeit.

Als ich wieder heraustrat, gewärmt, hatte Moskau seinen Alltag bereits aufgenommen. Das Licht der Strassenlaternen war gelöscht, die Menschen eilten vorbei, Autos hupten. Ich lief mit ihnen mit, wurde von der Menge verschluckt, die sich in gleichbleibender Enge doch steter Neuformierung in die Metro schob.

Bulgakowsky Dom

Da ich nur zwei Tage für Moskau eingeplant hatte, mussten beim Sightseeing Prioritäten gesetzt werden: für mich war es das „Bulgakowsky Dom“, das damalige Wohnhaus des Autoren Bulgakow und heutige Museum an der Sadovaya 10. Dies dürfte den aufmerksamen Leser meines Blogs nicht weiter überraschen: Wie in der ersten Folge bereits erwähnt, stellte die Arbeit an meiner Comicadaption von Bulgakows „Sobatche Serdze“ meine erste Brücke nach Russland dar und begründete damit auch meinen Bulgakow-Enthusiasmus.

Der Besuch des Museums war also Pflicht – doch es sollte alles ein bisschen anders kommen als geplant. Denn wie gesagt, Moskau ist eine Stadt gegen alle Wahrscheinlichkeit. In diesem Fall habe ich sie sogar versucht auszurechnen und kam auf folgendes Ergebnis: Nach meinen Berechnungen (ohne Garantie mathematischer Richtigkeit…) beträgt die Wahrscheinlichkeit 1: 13325, dass man beim Besuch des „Bulgakowsky Dom“ zufälligerweise zu genau diesen zwei spezifischen, aufeinanderfolgenden Tagen des Jahres kommt: dem alljährlichen internationalen Bulgakow-Kenner-Treffen. Nun, so geschah es.

Ich trat ein, setzte schon an ein Ticket zu kaufen, als mich die Dame am Empfang fragte, ob ich denn nicht auch zum internationalen Treffen gekommen sei. Ohne nachzudenken erwiderte ich: „Ja…“. Da drückte sie mir ein Blatt in die Hand und führte mich in einen kleinen Raum, in dem gerade ein bärtiger Mann über einem Buch sass und daraus so kraftvoll vorlas, dass das feine Glas der Vitrinen erbebte. Da setzte ich mich dazu und lauschte den ganzen Nachmittag den Vorlesungen und Diskussionen in dieser kleinen Gruppe sympathischer Bulgakowliebhaber. Die anschliessenden Buffetrunden liess ich natürlich nicht weniger aus…

Das Bulgakow-Haus besuchen 

Zeitreise und Gedankenreise: In seinem Zimmer der originale, unauffällige Schreibtisch mit Leselampe und Stuhl, in der Küche eine kuriose Möbelkonstruktion und überall viele Bilder, die nachträglich vom Museum zu Ehren des Autoren aufgehängt wurden, da sie von seinen Werken inspiriert wurden. 

Apropos Inspiration, den Besucher scheint sie wohl gerade im Treppenhaus zu ereilen. Dort lassen sich nämlich Graffiti, Gedichte und Skizzen zu Bulgakow flächendeckend an den Wänden finden.

Nicht zu verwechseln: Neben den musealen Wohnräumen gibt es auch im Gebäude nebenan ein Bulgakow-Theater! Mehr Informationen finden sich unter http://dombulgakova.ru

Adresse: 

Metro Mayakovskaya, ul. Bolshaya Sadovaya, d. 10, Eingang im Hof.

М. Маяковская, ул. Большая Садовая, д. 10, вход в арку 1 подъезд.

Das richtige Hostel finden

Man wähle das Vagabond Hostel an der Tverskaya 19. So zentral, so gemütlich, so räucherstäbchenfernostromantisch und frühstückgratisgrosszügig. Die Wahl des Hostels ist nicht zu unterschätzen: Es ist ein Ort schicksalshafter Begegnungen. Mach deine! 

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Folgen von Emily Orlets Russland-Blog finden Sie hier >>>

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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