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Russland-Blog: Moskauer Freunde und ein Lied für immer

Von   /  26. Oktober 2018  /  1 Kommentar

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Von Emily Orlet

In ihrem letzten Blogbeitrag erzählt Emily Orlet noch einmal von ihrer Begegnung mit Moskau – und seinen Menschen. Diese interessanten und kreativen Menschen, die ihr riesiges Land so sehr lieben und doch am liebsten davonlaufen möchten, bleiben den meisten Russland-Reisenden ein ganzes Leben lang in Erinnerung.

Meine Russlandreise endete auch in Moskau. Als hätte ich es unendlich vermisst, stieg ich aus meinem Zug von Kazan. Der Tag war schon längst angebrochen und ich machte mich auf direktem Weg zu meinem Lieblingshostel um den Rest von ihm zu verschlafen. Was dazwischen passierte ist nicht weiter interessant, denn schon am selben Abend sollte eine komplizierte Verkettung von KFC-Chicken und einem Werbeplakat, die auszuführen den Rahmen sprengen würde, dazu führen, dass ich Bekanntschaft mit ein paar Moskauern schloss. Sie schlugen vor, mir die Stadt zu zeigen und wir verabredeten uns für den folgenden Abend.

Mord in einer Märchenlandschaft

Es hatte geschneit, als wir uns trafen. Die Dekorationen für Neujahr waren bereits aufgehängt und das Stadtzentrum verwandelte sich in eine einzige Märchenlandschaft. Es war von traumhafter, ausladender Schönheit, als wir den Strassen folgten und über den Roten Platz liefen, entlang der Moskva hinunter zu Gorky Park.

Meine drei neuen Freunde Alexey, Sasha und Katja begannen mir von ihrer Stadt zu erzählen, wie es ist, hier zu leben. Sie erzählten von Korruption, Protesten, einem durch und durch kaputten System. Als wir eine Brücke überquerten, erwähnte Alexey den berühmten Mord, der genau hier, auf dieser Brücke, vor ein paar Jahren an einem Oppositionellen verübt worden war. Wir blieben kurz stehen und ich sah mich um. Die Türme des Roten Platzes lagen noch nicht weit zurück.

Militärdienst – Zeitverschwendung

Dann gingen wir weiter. Sie führten mich zu ihrem Lieblingslokal, einem gemütlichen Shisha-Café in einem Innenhof. Dort fanden wir einen Tisch, bestellten, und Sasha holte noch ein Brettspiel, das man sich vom Café ausleihen konnte. Es war ein russisches Ratespiel und da es für mich entsprechend schwierig war, erfanden sie für mich alle möglichen Zusatzregeln um mir einen Vorsprung zu verschaffen. Sie versuchten auch, mir immer genau die gerade erratenen Wörter zu erklären, was sie irgendwann selbst so amüsierte und wir anfingen über alles andere zu reden.

Irgendwann fiel das Stichwort und Sasha und Alexey begannen zu diskutieren, was der beste Weg sei die Militärpflicht zu umgehen. Zur Debatte standen Vortäuschen gesundheitlicher Probleme, Bestechung und ein dritter Weg, den ich vergessen habe. Sie wollen kein Jahr nutzlos verschwenden, nicht an das Militär. Solange sie studieren, können sie den Einzug aufschieben, aber früher oder später müssten sie sich darum kümmern, meinte Alexey – vor allem, weil ihnen sonst der Pass entzogen werde und damit die Möglichkeit das Land zu verlassen. Das Ausland, für sie immer noch ein Synonym für Freiheit.

Eine Gitarre – ein Lied

Hier in Russland fühle er sich isoliert vom Rest der Welt, sagte Alexey, immerhin brauche für fast alle Länder ein Visum. Sasha meinte, dass viele hier lieber in Europa leben würden, wo es mehr Chancen gibt. Der Lohn, der sie erwarte, sei selbst nach einem guten Studium lächerlich. Mir tat das alles sehr leid, denn ich bemerkte, dass sie kluge und aufmerksame junge Leute mit Talent waren, aber sie in einem Land lebten, das sich nicht für seine Jugend zu interessieren schien.

Katja hatte während unserem Gespräch nicht viel gesagt, aber jetzt stand sie auf und kam mit einer Gitarre zurück. Als Sasha und Alexey das sahen, riefen sie: Davay, Katja! Sie lächelte und begann die ersten Töne zu spielen. Es muss ein bekanntes Lied gewesen sein, denn sofort setzten Sasha und Alexey ein und sangen das ganze Lied mit. Ich erinnere mich an keine Melodie, aber an die Finger von Katja, wie sie über die Seiten eilten und an die fröhlichen Gesichter von Sasha und Alexey. Dieser Moment blieb in mir bis heute lebendig.

Bild: Emily Orlet

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Liebe Gruesse aus Moskau nach St. Petersburg :) Offensichtlich gibts auch in der boesen anderen Hauptstadt nette Menschen! Auch wenn wir in St. Petersburg die Legende pflegen, dass man in Moskau eigentlich ganz und gar nicht als Mensch existieren kann… :) !

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