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Russland-Blog: Ein Grab an der Wolga – wie ich meinen Urgrossvater fand

Von   /  15. Februar 2018  /  1 Kommentar

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Von Emily Orlet

Am Volkstrauertag stiess ich auf der Gedenkstätte von Sologubowka bei St. Petersburg auf den Namen meines Urgrossvaters, der an der Ostfront umgekommen war. Die Suche nach seinem Grab setzte ich auf meiner Reise nach Wolgograd fort.

Mitte November konnte ich mit dem Sankt Petersburger Herold bei der offiziellen Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages dabei sein. Wir besuchten die Soldatenfriedhöfe in Sinjawino und Sologubowka. Es gab eine Kranzniederlegung und jeweils ein russischer und ein deutscher Pfarrer hielten eine Rede.

In Sologubowka steht der grösste deutsche Soldatenfriedhof (ausserhalb Deutschlands?), der vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge angelegt wurde und weitherhin von dieser Stiftung gepflegt wird. Dort sollte es sich ergeben, dass Pater Wjatscheslaw Charinow einigen Interessierten eine kleine Führung durch die Kellergewölbe der nahen Kirche Mariä Himmelfahrt gab.

Entdeckung in Sologubowka

Er deutete dabei auch auf eine Wand voller Bücher und erklärte, dass dies das Namensregister aller deutscher Soldaten sei, die während dem zweiten Weltkrieg auf russischem Boden gefallen waren. Da ich aus Deutschland komme und der Krieg ebenfalls Teil der Familiengeschichte war, suchte ich spontan nach meinem Nachnamen “Orlet”.

Tatsächlich fand ich drei Einträge, darunter “Georg Orlet”, “vermisst Stadt Stalingrad” sowie weitere Angaben. Ich erinnerte mich, dass mir meine Mutter von ihrem Grossvater erzählt hatte, der als vermisst in Stalingrad gilt. Ich schickte ihr von der Kirche alle Informationen, darunter auch das genaue Geburts- und Todesdatum. Meine Mutter antwortete kurz darauf, dass es sich tatsächlich um diesen vermissten Grossvater handelte, dessen ungewisser Verbleib die Familie schon seit jeher beschäftigt hatte…

Darüber hinaus beinhaltete der Eintrag im Register auch Angaben zu einem Gedenkstein, auf dem sein Name stehen solle. Es ist der Friedhof Rossoschka in der heutigen Stadt Wolgograd, Würfel 64, Platte 1. Da die Route meiner geplanten Russland-Reise sowieso durch Wolgograd führen sollte, nahm ich mir vor, diesen Gedenkstein zu besuchen und für meinen Grossvater, Sohn des vermissten Urgrossvaters, ein Foto zu machen.

Ankunft auf den Feldern des Todes

Nach einem kurzen Aufenthalt in Moskau kam ich dann in Wolgograd an. Nach einem Blick auf Google Maps stellte ich allerdings fest, dass der Gedenkfriedhof 37 km ausserhalb der Stadt liegt und nur über eine Landstrasse zu erreichen ist, öffentliche Verkehrsmittel gibt es dorthin nicht, daher blieb nur das Taxi. An diesem Morgen war der Himmel klar. Über Nacht hatte es geschneit und alles glitzerte im Sonnenlicht. Es war fast windstill und sehr ruhig, als ich bei Rossoschka aus dem Taxi stieg.  Die Friedhof-Anlage liegt direkt an der Landstrasse und hat nicht nur eine deutsche Grabstätte, sondern auch eine rumänische und russische.

Zu Eingang standen folgende Worte: “In harten, schrecklichen Stunden sind wir gefallen. Uns war nicht die Möglichkeit gegeben, in dieser Welt zu leben. Lebende, denkt an uns und sorgt dafür, dass ewiger Friede wird auf dieser Erde.” Ein grosses Kreuz. Dahinter erstreckten sich dann viele Granitblöcke, die über und über mit den Namen der gefallenen Soldaten beschriftet waren. Ich fand den Gedenkstein meines Urgrossvaters, wischte den Schnee weg, strich über seinen Namen. Ich hatte eine Kerze und Blumen dabei.

Allein für die ganze Familie

Es berührte mich sehr, als ich dort stand, als seine Urenkelin, irgendwo im Süden Russlands, stellvertretend für die ganze Familie. Auf dem Stein war diese Inschrift geblieben, ich blickte auf den Namen, den ich trage. Es gab ein Stück familiärer Identität zurück. Von den Blumen und der Kerze und der Inschrift machte ich dann auch ein Foto für meinen Grossvater.

Als ich später davon hörte, wie es meinen Grossvater bewegt hatte, endlich zu wissen, wo und wann sein Vater gestorben war, zu wissen, dass es für ihn eine Inschrift gibt, da war ich sehr froh und verstand, welche Bedeutung es für die Angehörigen egal welcher Katastrophe hat, Gewissheit zu haben. Endlich findet der Schmerz einen Ort, es kann innerlich Abschied genommen und Frieden gefunden werden…

Sollte es auch in ihrer Familiengeschichte einen ähnlichen Fall geben, dann empfehle ich sehr, das Namensregister in der Kirche Mariä Himmelfahrt zu studieren. Es sind dort alle Soldaten deutscher Seite aufgeführt, die während des zweiten Weltkrieges auf russischem Boden gefallen sind. (Möglicherweise ist das Register auch noch auf einem anderen Weg einsehbar, dazu kontaktieren Sie bitte den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge direkt.

Gedenkfriedhof Rossoschka

Der Gedenkfriedhof „Rossoschka“ liegt 37 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums und ist nur per Taxi erreichbar. Er beherbergt über 60’000 gefallene Soldaten von russischer, deutscher und rumänischer Seite. Beim Besuch dieses Ortes beginnt man, den Krieg auch emotional zu verstehen. Man steht im nirgendwo, es ist trostlos, vor einem stehen schweigend die Granitblöcke mit den eingemeisselten Namen der gefallenen Soldaten.

Geburtstag und Todestag, manchmal liegt dazwischen nur ein Leben von 18, 19 Jahren. All die Toten, so viele, ruhen hier und es ist von grosser Schwere, zwischen den Namen zu wandeln, verschwindend viele sind es und man spürt seine eigenen Schritte und denkt, jeder von ihnen hatte dieses eine ganze Leben, und es wurde ihm so einfach genommen…

Die Schlacht von Stalingrad

Die Schlacht von Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) gilt als eine der blutigsten in der Kriegsgeschichte und als Wendepunkt an der Ostfront während des Zweiten Weltkriegs. Stalingrad besass als Wolga-Flusshafen und Industriestandort eine grosse strategische Bedeutung und galt wegen seines Namens als Symbol. Nachdem die Wehrmacht und ihre Verbündeten die Stadt und die Industrieanlagen auf der Westseite der Wolga grösstenteils erobert hatten, wurden sie durch den harten und verzweifelten Widerstand der Roten Armee gestoppt. Zum verlustreichen Kampf im Trümmermeer kamen der Winter und die wachsenden Versorgunsprobleme für die Deutschen hinzu. In der Operation „Uranus“ durchbrachen die Sowjets südlich und nördlich der Stadt die überdehnte Front und kesselten die 6. Armee mit rund 230.000 Soldaten ein. Am 2. Februar kapitulierten die deutschen Truppen, von den etwa 110.000 deutschen Kriegsgefangenen kehrten 6000 in die Heimat zurück. Insgesamt kamen rund 700.000 Menschen ums Leben.

Bilder: Emily Orlet/Bundesarchiv

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Volkstrauertag: Carola Veit besuchte Soldatenfriedhöfe bei Petersburg

Weitere Folgen von Emily Orlets Russland-Blog finden Sie hier >>>

Webseite der Kriegsgräberfürsorge:

www.gedenkenundfrieden.de

 

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  • Veröffentlicht: 5 Monaten vor auf 15. Februar 2018
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Februar 15, 2018 @ 6:30 pm
  • Rubrik: Aktuell

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Liebe Frau Orlet,
    Auch in meiner Familie (wie in so vielen) gibt es so einen gefallenen Urgrossvater. Es ist Heute unvorstellbar was damals geschah und daher wichtig immer wieder daran erinnert zu werden.
    Auf das es nicht wieder zu so einem Krieg kommt.
    vielen Dank für diesen Artikel.

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