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Russland-Blog: Der Wolga entlang nach “Krazy Kazan”

Von   /  16. April 2018  /  Keine Kommentare

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Von Emily Orlet

Bei ihrem Besuch in der tatarischen Hauptstadt Kasan erlebt die “Herold”-Bloggerin Emily Orlet einen leichten Kulturschock: novembergraue Tage in einer exotischen Stadt mit rauhem Charme. Ich hatte es mir gerade im oberen Etagenbett gemütlich gemacht und ein Buch aufgeschlagen, bereit, die nächsten 20 Stunden im Zug zu verbringen, als ich bemerkte, wie ein seltsamer Geruch zu mir aufstieg. Ich schielte nach unten und sah, dass meine unteren Bettgenossen einen riesigen Fisch vor sich ausgebreitet hatten und heiter damit anfingen ihn auszunehmen. Dazu knackten sie Sonnenblumenkerne, jemand summte ein Lied.

Verdattert starrte ich auf die Szenerie, als plötzlich mit einem zweiten, kleineren Fisch vor meinem Gesicht gewedelt wurde. Der ausgestreckte Arm mitsamt Fisch gehörten zu einem älteren Mann, der nett lächelnd zu mir hoch fragte: “Kuschajete?” (“Essen Sie?”)Verdutzt nahm ich den Fisch, drehte ihn in meiner Hand. Er war leicht und trocken. Warum eigentlich nicht?

Wolgafisch mit Gräten
Ich versuchte mich aufzurichten, doch das war schwierig im engen Etagenbett, also kletterte ich hinab und setzte mich dazu. Ich sah zum Mann, der mir den Fisch gegeben hatte. Er hatte das selbe Modell Fisch in der Hand und so beobachtete ich, wie er vorging. Ohne zu zu zögern riss er dem Fisch den Kopf ab, zog ihm die Haut vom Leibe und beugte sich schliesslich über ihn um sorgfältig die Gräten aus dem Fleisch zu ziehen.

Ich tat es ihm nach so gut ich konnte, doch schon nach kurzer Zeit wurde mir der Fisch entzogen und im Eiltempo präpariert. Die anderen sahen interessiert zu uns. Der Reihe nach stellten sie sich vor: Sergej, Shamal, Ramasan und Igor. Der ältere Mann reichte mir nach und nach Teile vom rohen Fischfleisch und ich probierte – es war kalt und sehr salzig. Eigentlich nicht schlecht. “Spasibo” (“Danke”) sagte ich, “Otschen wkusno!” (“Sehr fein!”)

Wodka ist der beste Dolmetscher

Der ältere Mann schien darüber sehr glücklich zu sein und wir unterhielten uns, soweit es meine Russischkenntnisse erlaubten. Irgendwann sassen wir nur noch zu dritt, Sergej, Shamal und ich, und Shamal fing an sein längst vergessenes Englisch hervorzuholen. “Aber die Praxis fehlt mir hier! Die Praxis!”

Da schlug ich ihm vor, englisches Fernsehen zu gucken. “Aber da kann ich ja nicht sprechen! Ist ja nur der Fernseher…” Sergej begann laut zu lachen. “Wart nur ab! Nach einer Flasche Wodka spricht auch der Fernseher mit dir!” Da kicherte auch Shamal, hob seine Tasse und sagte: “Za znakomstwu!” (“Auf die Begegnung!”, russ. Trinkspruch). Und wir tranken. “War der Fisch eigentlich selbst geangelt?” fragte ich plötzlich. “Klar!”, grinste Sergej, “heute morgen frisch aus der Wolga!” “Oh!” meinte ich entzückt und dachte: “Jetzt hab ich sogar noch Fisch aus der Wolga gegessen…”

Kazan – Orient des Nordens

Kazan. Die Stadt ist für mich immer noch ein Rätsel. Es mag sein, dass mein Aufenthalt von vier Tagen schlicht und ergreifend zu kurz war, natürlich war er das, aber trotz allem denke ich, dass auch eine Woche oder zwei nicht ausgereicht hätten um zu ergründen, was diesen Orient des Nordens, diese Dünen ohne Süden, dieses bunte Kulturzentrum im Nirgendwo eigentlich im Inneren zusammenhält.
Seine überaus gastfreundlichen und herzlichen Bewohner? Das gute Essen?

Zumindest waren sie meine Orientierungshilfen, als ich, völlig verschlafen, am Bahnhof ankam. Zuerst das Essen. Schnurstracks ging ich zur nächsten Essensbude, tatarische Küche, ich bestellte das exotischste, was ich finden konnte.

Ihre Geschichte füllte sie aus

Kazan – Hauptstadt der Republik Tatarstan, islamisches Zentrum Russlands. Ich spürte, dass diese Stadt mir fremd war, gänzlich unbekannt, und ich fühlte mich weit weg. Der November liess ihr keinen übermässigen Glanz, liess die Gebäude, teils sehr alt, einzelne fast verfallen, andere modern, einfach stehen ohne Sonnenlicht auf sie zu werfen und liess die Bäume ohne ihre Blätter die Alleen begrenzen.
Doch ich vermisste nichts – Die Stadt war fest erbaut, ihre Geschichte füllte sie aus, und sie war lebendig: Nirgends auf meiner Reise begegnete ich wie hier so vielen verschiedenen Leuten und der Kontakt zu einigen von ihnen ist geblieben.

Sie nahmen mich mit um auf verlassene Strassenbahnwagons zu klettern, erzählten davon, dass man im Sommer in der Wolga schwimmen könne, empfahlen mir meine Haare bei einem der vielen
Privatfriseure für wenig Geld polieren zu lassen (leider keine freien Termine mehr), sie erzählten von den Konzerten dieser Stadt, von guten Bars und guten Zigaretten. Gerne wäre ich länger geblieben, aber ich konnte nicht – wir trafen uns ein letztes Mal, meine zwei neuen Freundinnen und ich, kurz bevor ich abfuhr. Als wir aus dem Cafe kamen, hatte es angefangen zu schneien. Als ich im Zug sass, fiel der Schnee bereits so dicht, dass die Lichter Kazans schneller erstarben als ich mich verabschieden konnte.

Ein Tipp: Abends allein, lass das sein

Ich hatte mich an meinem letzten Abend nicht davon abhalten können früh um fünf noch einmal alleine raus zu gehen, für einen Spaziergang, einfach so. Um diese Uhrzeit war niemand mehr auf den Strassen, verlassen lagen sie da, es war sehr still. Nur der Wind blies sachte Sand über den Asphalt, er sammelte sich in kleinen Hügeln am Strassenrand.

Ich war nur wenige Meter gegangen, als bereits ein Auto seine Geschwindigkeit verlangsamte. Das Fenster glitt hinunter und ich sah wie der Fahrer sich aus dem Fenster lehnte. Neben mir keine Häuserreihe, neben mir der gefrorene Kanal. Ich stoppte, perplex. Doch ich hatte Glück: Hinter ihm fuhr ein Auto auf, zwang ihn zur Weiterfahrt. Danach keine Autos mehr. Ich sah die Strasse hinunter, misstraute ihr auf einmal und bog in die nächste ab.

Versteckt zwischen Chips im 24-Stunden-Shop

Und es kam wie es kommen musste. Ein zweites Auto, und wieder verlangsamte es. Und dieses Mal kein anderes dahinter. Das Auto stoppte. “Mädchen!”, rief jemand auf Russisch heraus, “setz dich zu mir!” Ich drehte mich um, rannte in die entgegengesetzte Richtung. Die leere Strasse, ich versuchte von ihr wegzukommen, rüttelte an den Türen der Häuser. “Da ist niemand! Setz dich zu mir!” Ich drehte mich nicht um, wahrscheinlich war er schon ausgestiegen, ich weiss es nicht.

Da! Eine Glastür! Licht! Ich rüttelte – aber sie war verschlossen. Taumelnd griff ich zur nächsten Türklinke, riss daran – und sie gab nach. Ich fiel fast in den 24-Stunden Shop. Stolperte zum hintersten Regal, und noch weiter, quetschte mich zwischen die Chips. Ich lauschte. Aber die Türe öffnete sich nicht noch einmal. Ich blieb noch weitere zwanzig Minuten in meiner Chips-Ecke bis ich es wieder wagte auf die Strasse zu gehen und lief dann, so schnell ich konnte, zurück zum Hostel.

Bild: Emily Orlet

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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