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Russische Wirtschaft: Katerstimmung schon vor Silvester

Von   /  20. Dezember 2014  /  Keine Kommentare

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TOPTICKER.- Der Abwärtstrend in der russischen Wirtschaft, der bereits seit einem halben Jahr anhält, hat sich seit anfang Dezember beschleunigt. Am „schwarzen Montag“, dem 15. Dezember fiel der Rubelkurs innert Tagesfrist um acht auf über 80 Rubel für einen Euro und am folgenden Tag rutschte er weiter ab auf 95 Rubel für einen Euro. Auch die Anhebung des Leitzinses durch die Zentralbank auf 17 Prozent konnte den Kurszerfall nicht stoppen und führte zu politischen Kontroversen in der Regierung.

Duma-Abgeordnete kritisierten den Kurs der Zentralbank, weil er Kredite verteuert und verlangten von deren Leiterin der Zentralbank Elvira Nabiulina, sich vor dem Parlament zu rechtfertigen. Verschiedene Finanzexperten, darunter der ehemalige Finanzminister Alexei Kudrin, bezeichneten die Leitzinserhöhung hingegen als richtig, wenn auch unangenehm.

Valutenkauf von Rosneft als Auslöser

Wie Fontanka.ru schreibt, war einer der Auslöser für den Rubelabsturz der Ankauf von Valuta im Wert von 625 Milliarden Rubel durch den Energiekonzern Rosneft, um seine Auslandsschulden zu begleichen. Zwar bestreitet der Konzern diesen Schritt, doch gibt es laut Fontanka.ru klare Hinweise dafür. Damit hat der Rubelkurs, der in der Zeit davor praktisch parallel zum Ölkurs fiel, ein neues Tempo angeschlagen. In Sibirien verlangen gewisse Banken bereits 100 Rubel für einen Euro – dementsprechend haben viele Banken unterdessen begonnen, sich mit neuen sechsstelligen Anzeigetafeln zur Anzeige der Wechselkurse auszurüsten.

Da die Opec-Staaten trotz des niedrigen Ölpreises von fast 60 Dollar pro Barrell keine Anstalten machen, ihre Verkaufspolitik zu ändern und in der Ukraine-Krise kein Durchbruch bei den Verhandlungen erreicht wurde, setzt sich der freie Fall des Rubelkurses fort. Das lähmt einerseits die Wirtschaft. So fiel die Zahl russischer Touristen im Ausland schlagartig – die Reiseveranstalter vermelden Einbrüche zwischen 30 und 70 Prozent bei den Buchungen im Vergleich zum Vorjahr.

Russen bleiben an Silvester zuhause

Dafür sind die Erholungsmöglichkeiten innerhalb von Russland praktisch zu 100 Prozent ausgebucht, ausserdem wird ein Grossteil der Russinnen und Russen Neujahr ganz einfach zuhause feiern. Gleichzeitig befindet sich die russische Bevölkerung in einen kurzfristigen Kauf-Boom versetzt, weil jeder seine Rubel loswerden will, bevor die happigen Preiserhöhungen im Neuen Jahr kommen. Die Einkaufszentren sind übervoll wie gewohnt in den Neujahrstagen.

Zwar waren in letzter Zeit auch im russischen Handel die Preise für Fleisch, Milchprodukte, Eier und „Kascha“ stark gestiegen, doch ist der Handel insgesamt noch immer an staatliche Vorgaben gebunden – zumindest bis zum Neuen Jahr. Was dann kommt, ist offen – und das wissen alle. Darum gilt: Kaufe, wer kaufen kann. Leider gilt dies nicht für Dienstleistungen, so meldete die Radiostation Echo Moskwy kürzlich einen Rückgang bis zu 40 Prozent bei den traditionellen Firmenanlässen in den heimischen Restaurants.

Ein alter Bekannter ist zurück – der Dollar

Schon jetzt verdirbt den Russen eine altbekannte und verhasste Erscheinung die Konsumfreude – der Dollar hat sich in Russland zurückgemeldet. Das weckt unangenehme Erinnerungen an die Zeiten der Hyperinflation während der Neunzigerjahre. Ausgerechnet in der Autobranche tauchten die ersten Preise in Dollar auf – natürlich mit dem Hinweis, dass der Kauf zum Tageskurs in Rubel vollzogen würde. Russische Geschäftsleute verlangen von der Regierung die Erlaubnis, ihre Produkte mit Dollar- oder Europreisen zu dürfen, um die Rubel-Preisschilder nicht ständig austauschen zu müssen.

Das Bezahlen mit Dollars stellte für viele ehemalige Sowjetbürger eine grosse Schmach dar – symbolisierte sie doch den Sieg der USA im kalten Krieg der Systeme. Einer der grossen Erfolge für die Regierung Putin war deshalb die Verdrängung der Fremdwährungen durch den Rubel aus dem russischen Handel und seine relative Stabilität über viele Jahre. Das Vertrauen in die eigene Währung ist nun wieder massiv erschüttert – die Abwertung hat bereits den für das Jahresende prognostizierten Höchststand überschritten, und ein Ende ist vorerst nicht abzusehen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

www.newsru.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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