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Russische Wirtschaft 2017: Stabilität, Verstaatlichung, Monopolisierung

Von   /  19. März 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Nach drei Jahren Sanktionspolitik, Fall des Ölpreises, Rubelabsturz und dem damit verbundenen Abwärtstrend in der russischen Wirtschaft ist erstmals wieder eine Stabilisierung und in gewissen Bereichen sogar Wachstum feststellbar. Nach der Meinung des Wirtschaftsexperten Daniel Rehmann gehen mit der Erholung der Wirtschaftslage ein starker Trend zu einem hohen Anteil des Staates an der russischen Wirtschaft und  eine wachsende Monopolisierung einher.


SPB-Herold: Daniel Rehmann, für das laufende Jahr wird von einem gewissen „Aufwind“ in der russischen Wirtschaft gesprochen – stimmt das?

Daniel Rehmann: Ja, man rechnet damit, dass es dieses Jahr wieder eine positive Wirtschaftsentwicklung mit einem Wachstum von bis zu zwei Prozent geben wird. Das hängt davon ab, ob der Ölpreis stabil bleibt oder ansteigt. Insgesamt hat sich die russische Wirtschaft stabilisiert, und der Rubelkurs hat sich gegenüber Dollar und Euro etwas erholt, was ermöglicht, dass wieder westliche Technologie importiert werden kann. Nach drei Jahren der Krise gibt es in gewissen Bereichen, wie zum Beispiel bei der Maschinenindustrie, einen Investitionsnachholbedarf. Auch die Stimmung bei den Konsumenten hat sich verbessert. Allerdings wird der Konsum nicht mehr der Wachstumstreiber sein wie früher, weil die Löhne nur noch zusammen mit dem Produktivitätswachstum wachsen.

SPB-Herold: Wie sieht es in den einzelnen Wirtschaftsbereichen aus?

Daniel Rehmann: Es gibt Bereiche, in denen bereits ein Wachstum zu verzeichnen ist – Landwirtschaft, Pharma-Branche, Energiesektor, Chemie- und Kunststoff-Industrie, Textilindustrie und teilweise die Maschinen- und Elektroindustrie. Der IT-Sektor hat in den letzten Jahren ohne staatliche Beihilfe vorwärts gemacht. E-Commerce und Online-Handel haben sich sehr produktiv und innovativ entwickelt. In anderen Sektoren setzt sich der Abwärtstrend fort – so zum Beispiel in der Automobilindustrie.

SPB-Herold: Wie stehts beim Import-Export-Geschäft?

Daniel Rehmann: Auch dort ist der Abwärtstrend zu Ende und ein Wachstum möglich – allerdings nicht mehr wie früher, weil der Staat die Unternehmen dazu bringen will, in Russland zu produzieren. Viele Unternehmen sind in dieser Beziehung vorsichtig. Einige Firmen versuchen zu lokalisieren, in erster Linie deutsche. Bei Schweizer Unternehmen kommt es selten vor. Als Hauptgrund wird oft genannt, dass der russische Markt zu klein ist, um hier eine Produktion zu starten. Für die Importsubstitution ist der Rubel schon fast wieder zu stark. Andererseits nehmen durch den stärkeren Rubelwechselkurs die Importe nach Russland wieder zu, zum Beispiel von Schweizer Käse und anderen Milchprodukten.

SPB-Herold: Wie aktiv sind russische Unternehmen im Ausland?

Daniel Rehmann: Grosse und mittelgrosse Unternehmen aus Russland exportieren und importieren vermehrt über die Schweiz, wo sie ihr ‚International Trade Office‘ gründen, um den Aussenhandel zu organisieren. Diese Lösung wird mehr und mehr populär.

SPB-Herold: Welchen Preis hat die Stabilität in der russischen Wirtschaft?

Daniel Rehmann: Bezeichnend für die jetzige Situation ist, dass rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung durch staatliche oder staatsnahe Unternehmen erwirtschaftet wird. Der private Sektor mit 30 Prozent ist deutlich kleiner geworden. Während die Privatunternehmen immer noch unter der Krise leiden, profitieren die staatlichen Unternehmen bei der Vergabe von Aufträgen durch den Staat. Diese Zentralisierung und Monopolisierung der Wirtschaft gewährleistet zwar eine gewisse Stabilität, aber es ist nicht abzusehen, dass in einem solchen Wirtschaftssystem grössere Innovationen und Wirtschaftswachstum stattfinden können. Deshalb kann man auch von einer längerfristigen Stagnation der Wirtschaft ausgehen.

SPB-Herold: Ist eine Monopolisierung längerfristig nicht sehr ungesund?

Daniel Rehmann: Natürlich ist das ein Problem, denn letztlich trifft es auch die russischen Konsumenten, die nicht das beste Produkt oder den besten Service erhalten, sondern einfach das, was staatliche Unternehmen oder Monopolisten aufgrund des fehlenden Wettbewerbs anbieten.

SPB-Herold: Was wird getan, um die Wirtschaft im Land wieder in Schwung zu bringen?

Daniel Rehmann: Bis nach den Wahlen 2018 wird nichts Bedeutendes passieren. Zwar werden momentan zwei Wirtschaftskonzepte ausgearbeitet – das eine sieht eher eine staatliche Finanzierung von Investitionen vor, das andere vom Ex-Finanzminister Alexei Kudrin ist für eine stärkere Liberalisierung und Privatisierung des Marktes. Aber grosso modo wird sich an der Struktur nichts ändern – ausser der Ölpreis sinkt längerfristig auf ein sehr tiefes Niveau.

SPB-Herold: Was bedeutet das für die Unternehmen?

Daniel Rehmann: Die russische Regierung versucht nach wie vor die Modernisierung der Wirtschaft zu unterstützen, aber es ist ein Fragezeichen, ob diese Strategie langfristig aufgeht. Es hat in den letzten Jahren eine Verbesserung beim „Doing-Business-Rating“ in Russland gegeben. In den Regionen versuchen die Gouverneure, Investoren anzuziehen. Aber meistens gibt es Anreize für grosse Firmen, während die kleinen und mittleren Unternehmen immer noch vernachlässigt werden.

SPB-Herold: Wie entwickeln sich die politischen Rahmenbedingungen?

Daniel Rehmann: Marktanalysten sprechen von einer politischen Entspannung in den Beziehungen zwischen Russland, der EU und den USA, was sich auch positiv auf die Wirtschaftsentwicklung auswirkt. Das bedeutet konkret, dass die Sanktionen insgesamt flexibler gehandhabt werden. Das führt dazu, dass sich russische Unternehmen wieder auf dem Finanzmarkt refinanzieren können und ausländische Investoren wieder zurück auf dem russischen Finanzmarkt sind. Auch das „Dual-Use“-Kriterium ist in der Schweiz kein Thema mehr. Zudem gibt es auch von der Schweiz vermehrt Bemühungen die bilaterialen wirtschaftlichen Beziehungen wieder zu aktivieren.

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.russiacontact.ch

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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