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Russische Grenzbürokratie: Kubaner verbringt 40 Tage auf Fähre zwischen St. Petersburg und Helsinki

Von   /  17. Juli 2012  /  Keine Kommentare

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TOPTICKER.- Während vierzig Tagen schipperte der kubanische Architekt Luis Sespedes auf einer Fähre zwischen Petersburg und Helsinki hin und her, weil ihm Russland die Einreise verweigerte und er nicht in die Schengenzone ausreisen durfte. Gestern gab der Computer der russischen Grenzer schliesslich das OK, und der Kubaner konnte zu seiner Familie in.


So absurd sich diese Geschichte anhört, so bitter wahr ist sie – in ihr zeigt sich die russische Bürokratie von ihrer übelsten Seite. Der Architekt Luis Sespedes ist mit einer Russin verheiratet und studiert in St. Petersburg Design. Wie alle ständig in Russland lebenden Ausländer, die noch keine Aufenthaltsbewilligung besitzen, war er als „Tourist“ verpflichtet, Russland alle 30 Tage zu verlassen. Monatlich bestieg er darum in Petersburg die Fähre „Princess Maria“ nach Helsinki, um den Ausreisestempel zu erhalten – in Finnland ging er jedoch nicht an Land, weil er kein Schengenvisum hatte.

Nur ein einziges Mal verstiess er dagegen, doch er ging selbst auf die Behörde und bezahlte eine Busse. Im Februar passierte das nächste Ungeschick als er ein weiteres Mal nach Finnland ausreisen wollte und die Fähre wegen Sturms den Petersburger Hafen nicht verliess. Für den fehlenden Stempel musste er ein weiteres Mal Strafe zahlen – ausserdem bedeutet das zweimalige Verstossen gegen das Gesetz die Ausweisung. Doch auf der Polizei beruhigte man ihn – da seine Frau Russin sei, werde nichts zu befürchten haben.

Zwischen Hammer und Amboss

Beruhigt bereitete er seine Dokumente vor, um die Aufenthaltsbewilligung entgegenzunehmen. Trotz allem erhielt er im Mai den Bescheid, dass er mit einem Einreiseverbot belegt worden sei – man riet ihm, ihn vor Gericht anzufechten. Nach der Anhörung im Mai wurde die Gerichtsverhandlung so lange verschoben, dass er die Bestimmungen im Juni von neuem verletzt hätte und ihm sogar ein positiver Entscheid nichts genutzt hätte. Darum beschaffte er sich eine vorläufige Verfügung über sein Einreiseverbot und machte sich am 6. Juni wiederum auf die „Stempeltour“ per Fähre in Richtung Helsinki, um rechtzeitig zum Gerichtstermin wieder zurück zu sein.

Doch da schnappte die bürokratische Falle zu – bei der Rückreise wurde er am Zollterminal des Petersburger Hafens zurückgewiesen. Die Grenzbeamten erklärten das Einreiseverbot für rechtskräftig, und Sespedes musste Petersburg in Richtung Helsinki wieder verlassen. Am nächsten Tag hob das Gericht das Einreiseverbot, aber  wiederum musste der Architekt umkehren, weil die Grenzer die Kopie des Urteils nicht anerkannten und behaupteten, im Computer werde die Aufhebung des Einreiseverbots nicht angezeigt.

Der Dauer-Passagier wird zum Besatzungsmitglied

Obschon die Migrationsbehörden (UMFS) den Gerichtsentscheid umgehend an die Zentrale in Moskau weiterleitete, von wo aus auch die elektronische Datenzentrale gesteuert wird, geschah nichts. Auch Bemühungen von höchsten Petersburger Stellen, die absurde Situation zu klären, bewirkten nichts. 21 Mal machte sich Sespedes unfreiwillig auf die zweitägige Reise. An Bord der „Pincess Maria“ wurde er in dieser Zeit praktisch zum Besatzungsmitglied, er ass zusammen mit den Angestellten, eine Kajüte war ihm von der Fähre zur Verfügung gestellt worden. Verwandte und Freund unterstützten ihn von „aussen“ mit dem Nötigsten, bezahlten sein Telefon und hielten Kontakt.

Am 10. Juli kam schliesslich ein Filmteam an Bord und drehte ein Interview mit dem Migrationsopfer – kurz darauf lief die Geschichte am ersten russischen Fernsehkanal in den Nachrichten. Und gestern wurde der Kubaner letztlich in Petersburg über die Grenze gelassen – physisch wohlbehalten, aber nervlich völlig am Ende, wie Fontanka.ru berichtet.

„Im Prinzip selber schuld

Doch obschon die Migrationsbehörde ihre Fehler eingestehen musste, ist die Geschichte noch nicht ausgestanden – schliesslich hat er sie sich nach Meinung der Beamten durch seine Ausreise vor dem Gerichtstermin selber eingebrockt. Und ausserdem beginnt man sich nun dafür zu interessieren, wie er sich als „Tourist“ in Russland jahrelang als Geschäftsmann habe betätigen können. (eva)

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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