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Regisseur Werner Herzog in Russland: „Mit Menschen sprechen. Face to face“

Von   /  11. Oktober 2016  /  Keine Kommentare

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spn.- Für sein Werk „Lo and Behold“ ist der gefeierte deutsche Filmemacher Werner Herzog bei dem internationalen Festival „Message to Man“ in St. Petersburg mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet worden. Mit seinem berühmten deutschen Akzent berichtet uns der Regisseur am Rande des Kinofestes über seine neue Doku und die „russische Seele“.


Das Filmfestival „Message to Man“ (Botschaft an den Menschen) wird jedes Jahr Ende September abgehalten. In der nördlichen Hauptstadt Russlands versammeln sich Dutzende Regisseure und Schauspieler aus aller Welt. Zum Stargast des diesjährigen Festes wurde der weltberühmte deutsche Filmregisseur, Kinoproduzent, Schauspieler und Schriftsteller Werner Herzog. In einem Gespräch mit RIA Novosti erzählt der Schöpfer solcher berühmter Filme wie „Fitzcarraldo“, „Aguirre der Zorn Gottes“ und der Dokumentarfilme über Russland „Glocken aus der Tiefe“ und „Happy People — Ein Jahr in der Taiga“ über die „menschliche“ Seite des Internets, die er in seiner neuen Doku „Lo and Behold“ erörterte.

In Dutzenden seiner Dokumentarfilme behandelt Herzog das Spannungsfeld von Mensch und Natur. Bei „Lo and Behold“ sei seine Arbeitsmethodik nicht anders gewesen: „Die Nummer eins unter den Betrachtungsweisen solcher Phänomene wie dem Internet, ist Neugier“, so der Regisseur, „Das Internet ist so riesig und überwältigend, es hat so viele Facetten, dass eine systematische Erforschung kaum möglich ist.

Internet-Phänomene unter die Lupe genommen

Aber das hat mich auch nicht wirklich interessiert – für mich war der menschliche, humanistische Aspekt wichtiger.“ Von Anfang an sei eigentlich kein ganzer Film, sondern lediglich kurze YouTube-Clips geplant gewesen, wie es auch bei „From One Second to the Next“ gewesen sei – die einst sehr populären kurzen Videos warnten auf eine verstörende Art vor den Folgen der Smartphonenutzung beim Autofahren.

Auch „Lo and Behold“ sollte aus mehreren kurzen Clips bestehen. „Am zweiten Drehtag habe ich aber begriffen, dass wir nicht an einem üblichen Spot, sondern an etwas viel Größeren und Tieferen arbeiten. Ich habe mich entschieden, Internet-Phänomene, die mich persönlich faszinieren, unter die Lupe zu nehmen“, erklärt der Filmemacher. Herzog erzählt in seinem jüngsten Werk über die Faszination und die Schrecken des World Wide Webs.

Herzog mag keine Handys

Für die Doku spielten nicht zuletzt auch die persönlichen Eigenschaften des Regisseurs eine Rolle: Die Technik-Aversion des Regisseurs (Herzog mag keine Smartphones), der meist eigentlich über die Natur und die entlegensten Winkel der Erde berichtet, macht ihn zu einem wunderbaren Beobachter.

Bei seiner Arbeit sei er aber manchmal gezwungen gewesen, ein Handy zu benutzen. Aber das auch nur in dem Fall, wenn der Gesprächspartner mehrere hundert Meter weit entfernt war. Die Organisatoren des Festivals in St. Petersburg hätten auch versucht, ihn anzurufen. „Aber ich hab einfach nicht geantwortet. Alles, was wichtig ist, wird mich sowieso erreichen“, erklärt er.

Zeigt beide Seiten des Phänomens Internet

„Meine Freunde beschweren sich bei mir, dass sie von ihren Handys versklavt worden seien. Ich spreche aber mit Menschen. Ohne Mobiltelefon. Von Angesicht zu Angesicht“, so Herzog. Vielleicht ist der Regisseur genau deshalb in der Lage, die richtigen, schon fast philosophischen Fragen in seinem Film aufzuwerfen, die sogar Internet-Forscher ins Grübeln bringen: „Träumt das Internet von sich selbst?“, fragt er mehrmals US-Hirnforscher aber auch solche renommierte Gesprächspartner wie den Paypal-Gründer und SpaceX-Chef Elon Musk, Informatiker Bob Kahn, Hacker Kevin Mitnick.

In „Lo and Behold“ zeigt Herzog beide Seiten der Medaille des Phänomens: So besucht Herzog später auch die Familie eines Unfallopfers, dessen Eltern jahrelang im Internet gemobbt wurden und und Videos, in denen der Tod ihres Kindes zu sehen ist, per E-Mail erhielten. Die verzweifelte Mutter sieht im Internet die „Manifestation des Antichrists“, den Geist des Bösen, der die ganze Erde beherrscht.

Interesse für Dating-Dienste

Der Autor nimmt selber zwar keine Stellung dazu, ist aber selbst durchaus kritisch gesinnt: „Ich habe Probleme mit Konsumerismus. Und ich möchte kein Komplize der Konsumgesellschaft sein. Selbstverständlich bin ich ein Teil davon, ob ich das nun möchte oder nicht. Aber ich will kein öffentlicher Befürworter sein“, betont der überzeugte Vertreter der Face-to-Face-Kommunikation.

Sollte er jemals wieder einmal eine Doku über das Internet drehen, würde er besonders die Aspekte der Kommunikation von Menschen behandeln und auch solche Themen wie Dating-Dienste ansprechen. „Habt ihr hier in Russland die Dating-App Tinder? Ach so, sie ist hier nicht sehr populär… Tja, das kommt wohl davon, dass Russen anscheinend – und das sah ich beim Besuch der philologischen Fakultät – mehr miteinander, von Angesicht zu Angesicht reden, sich im Korridor treffen, zusammen Bücher lesen. So sollte es im Grunde auch sein“, so Herzog.

Mit Russin verheiratet

Mit Russland habe er eine ganz besondere Beziehung, da er mehrere Filme dort und auch anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion gedreht hatte. „Die Russen sind seit den 90er Jahren dieselben wundervollen Menschen geblieben, mit ihrer Seelentiefe und ihrem reichen Gefühlsleben. Sie können sich wohl vorstellen, wie schwer es war, das Portrait der Seele Russlands in einem nur eine Stunde langen Film zu zeigen. Für mich sind die ‚Glocken aus der Tiefe‘ die kürzeste lapidare Antwort auf die Frage nach der mysteriösen russischen Seele“, erläutert der Filmemacher.

Die etwas längere Antwort sei Elena, die aus Jekaterinburg kommt, lächelt Herzog in Richtung seiner hinter ihm stehenden Frau. „Wir sind ganze 21 Jahre lang zusammen. Die Hälfte meiner Familie besteht nun aus Russen.“ Seine persönliche „Message to Man“ sei in seinen Werken enthalten: „Ich habe über 70 Filme und eine Reihe von Büchern veröffentlicht. Es wäre dumm, diese Erfahrung in einem kurzen Slogan auszudrücken. Ich bin kein ‚Messenger’, ich bin ein Poet. Und sehr neugierig“, schließt der Regisseur.

Bild: Wikimedia Commons/Flickr/Erinc Salor

www.sputniknews.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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