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Ratgeber Russland: Autofahren in Russland II – Richtiges Verhalten im Reich der Schlaglöcher und Gesetzeslücken

Von   /  11. Januar 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Nachdem in einem ersten Teil die Atmosphäre auf Russlands Strassen und die Mentalität ihrer VerkehrsteilnehmerInnen beschrieben wurden, gibt dieser zweite Teil einige nützliche Tipps für jene, die das Riesenland im eigenen Wagen erleben wollen. Die wichtigsten Regeln, von den Geschwindigkeitslimiten bis hin zum Umgang mit der Verkehrspolizei werden hier beschrieben (Fotogalerie).


Beginnen wir mit den einfachsten Regeln, die hier gelten: Gurtenpflicht besteht für Fahrer und Beifahrer, und auch der Baby- und Kindersitz ist mittlerweile obligatorisch, wobei die Grösse und für welches Alter nicht penibel kontrolliert werden. Bussen fürs Telefonieren hinter dem Steuer bestehen bereits seit einiger Zeit, doch wurden sie vor einiger Zeit auf recht empfindliche Beträge erhöht.

Telefonsüchtig wie viele RussInnen sind, hält man sich aber nach wie vor nur bedingt ans Gesetz oder stellt sich einfach mit frech mit Pannenblinker an den Strassenrand. Doch auch hierzulande haben Headsets und Handfree-Sets Einzug gehalten, mit denen man im Auto plappern kann, so viel man will.

Navigator löst viele Probleme

Die Geschwindigkeitslimiten betragen: Innerorts 60, ausserorts auf der Landstrasse 90 und Autobahn 110. Da das Autobahnnetz in Russland noch sehr schwach ausgebaut ist, wird man sich meist auf der „Chaussee“ bewegen, wo selbst an heiklen Stellen und vor allem an Ortsgrenzen die Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht immer angezeigt sind. Hier ist der Navigator Gold wert und bewahrt einen vor manchem polizeilichem „Hinterhalt“.

Überhaupt löst der Navigator viele Probleme auf einmal, wenn auch hier Irrtümer nicht ausgeschlossen sind. Es kommt schon Mal vor, dass sich eine eingezeichnete Strasse als Baugrube  herausstellt oder von Schlaglöchern derart entstellt ist, dass nur der Rückwärtsgang bleibt, doch im in den meisten Fällen sind die Informationen verlässlich. Natürlich schwankt die Qualität zwischen den einzelnen Navigator-Programmen, doch da hilft ein Blick in ein Forum für die richtige Auswahl.

Ausfahrten oft kurz hintereinander oder kombiniert

Der wichtigste Vorteil ist natürlich, dass der Navi die Sprachprobleme weitgehend löst. Wer nicht einfach „blind“ fahren möchte und die kyrillische Schrift nicht oder nur schlecht lesen kann, kann sich die wichtigsten Destinationen vor dem Aufbruch in Grossschrift auf ein Papier zeichnen, um sie rasch mit den Signaltafeln zu vergleichen oder um jemanden nach dem Weg zu fragen.

Bei russischen Autobahnaus-und Einfahrten können mehrere Abzweigungen kurz hintereinander folgen oder miteinander kombiniert sein – also genau auf die Distanzangaben des Navigators hören. Das rechtzeitige Abzweigen ist schon nur deshalb wichtig, weil in diesem riesigen Land der nächste mögliche Wendepunkt durchaus 30 Kilometer weit entfernt liegen kann. Bezüglich Wendepunkt hat Russland noch eine Besonderheit. Fast ebenso populär wie Einbahnstrassen sind Verbote des Linksabbiegens. Stattdessen muss man an der Kreuzung weiterfahren bis zum nächsten Wendepunkt, der mit weissem „Umkehrpfeil“ auf blauem Grund signalisiert ist, dann zur Kreuzung zurückfahren und diesmal rechts abbiegen.

Vorsichtig bei schlechtem Wetter und in der Nacht

Wie bereits im ersten Teil beschrieben wurde, ist Autofahren in Russland stressig – auch für routinierte Lenker. Nehmen sie sich darum nicht zuviel vor. Seien sie vor allem vorsichtig bei schlechtem Wetter und bei Dunkelheit, denn oft ist die Strassenbeleuchtung spärlich oder es gondeln irgendwelche unbeleuchtete „Seelenverkäufer“ durch Nacht und Nebel.

Eine angemessene Geschwindigkeit und genügend Vorsicht retten einen auch, wenn man plötzlich auf einer Schotterpiste landet oder einem Betonblock oder einer Grube mitten auf der Strasse ausweichen muss. Vor allem in Dörfern fehlen oft Trottoirs und Zebrastreifen, so dass Fussgänger am Strassenrand oder auf der Fahrbahn keine Seltenheit sind.

Darum immer schön ruhig! Wie schon erwähnt, ist der Pannenblinker in Russland ein sehr verbreitetes Mittel, um praktisch an jeder beliebigen Stelle anzuhalten. So darf man auch als Ausländer davon Gebrauch machen, wenn man sich für einen Moment ausruhen oder sich orientieren möchte. Man muss ja nicht gleich in einer Haarnadelkurve stoppen.

Der Verkehrspolizist ist der Boss
Wer in Russland Auto fährt, dem fällt die Grosszahl von Verkehrspolizisten und Polizeiwagen auf.  Dabei bekommt man oft den Eindruck, sie stünden nicht dort, wo es eigentlich nötig wäre, sondern dort, wo es am einträglichsten ist. Besonders beliebte Standorte für Polizeiautos, bzw. Überwachungskameras sind Einbahnstrassen und Überholverbote, bzw. Sicherheitslinien.

Für beide Übertretungen droht dem Fahrer Führerscheinentzug. Darum sind die meisten auch bereit, sehr hohe Bestechungssummen zu zahlen. In gewissen Stadtvierteln wimmelt es nur so von Einbahnstrassen. Diese Strassen sind keineswegs eng oder unübersichtlich – der weisse Balken auf rotem Grund (auf Russisch „Ziegelstein“, „Kirpitsch“ genannt), steht einfach da – so wie der versteckte Streifenwagen um die Ecke.

Legale Mittel zur Strafmilderung

Die russische Strassenpolizei (GAI) gilt als eine der korruptesten Organisationen. Gleichzeitig muss ausdrücklich gesagt werden, dass die Bestechung von Beamten in Russland verboten ist und besonders hart bestraft wird. Versuchen sie es also auf keinen Fall!

Es gibt andere völlig legale Mittel, um Strafmilderung zu erhalten. Sprechen sie auf Englisch mit dem Polizisten, und geben sie ihm zu verstehen, dass sie Ausländer sind. Das stimmt die meisten Beamten milder, und viele kommen in Verlegenheit, weil sie keine Fremdsprachen sprechen. Sprechen sie russisch, wird man sie auch wie ein Russe behandeln.

Lassen sie sich den Sachverhalt genauestens erklären, lassen sie sich beispielsweise das Schild zeigen, das sie nicht beachtet haben. Geben sie dem Beamten zu verstehen, dass sie alle Zeit der Welt besitzen, um das Polizeiprotokoll auszufüllen. Diese Methode schreckt geldgierige Polizisten ab, denn sie verdienen das meiste Geld mit Leuten die in Eile sind und in Panik geraten.

„Gaischniki“ sind oft gar nicht so üble Typen
Werden sie auf keinen Fall unhöflich, unterlassen sie Drohungen und lassen sie den Polizisten auf jeden Fall sein Gesicht wahren. Pochen sie nicht auf ihre Rechte, denn die Polizei ist in diesem Land allmächtig. Ein russischer Polizist kann immer etwas Fehlerhaftes an ihrem Wagen finden, wenn er es nur will. Er kann die Autoapotheke oder  das Abschleppseil und wird garantiert etwas finden. Er ist der Boss.

Oft sind die „Gaischniki“ aber auch ganz nette Typen, wenn man ihnen nicht gleich feindselig begegnet. Man wird bisweilen aus den seltsamsten Gründen angehalten. Manchmal wollen sich die Polizisten einfach ihren Wagen anschauen oder sich nach einem Fussballclub in ihrem Land erkundigen.

Bei Unfall: Wagen stehen lassen

Im Fall eines Unfalls gelten zuerst die international üblichen Verhaltensregeln – Unfallort mit Pannendreieck absichern und wenn nötig erste Hilfe leisten. Dann muss leider in den meisten Fällen die Verkehrspolizei gerufen werden (Nummer 03), denn das europäische Unfallprotokoll ist in Russland nur bedingt gültig.

Eine weitere besondere Regel gilt für Russland: Lassen sie ihren Wagen genau so stehen wie er ist. Auch wenn sich noch so lange Warteschlangen um die Unfallstelle bilden, die Unfallstelle darf bis zum Eintreffen der Polizei nicht verändert werden. Wer es dennoch tut, kann unter Umständen der Vertuschung des Unfallhergangs beschuldigt werden. Als Westeuropäer ist man es sich gewohnt, die Unfallstelle zu räumen, um den Verkehr nicht zu behindern – hier ist das anders. Während sie auf die Polizei warten, können sie die Unfallsituation und Schäden fotografieren. Solche Bilder können im Nachhinein sehr wichtig sein.

Sobald die Polizei das Protokoll aufgenommen hat, geht es auf den Posten, wo alle Unfallbetroffenen ihre Personalien, sowie ihre eigene Sicht des Unfallhergangs aufzeichnen müssen. Falls sie kein Russisch können, empfiehlt es sich, Freunde oder Bekannte aufzutreiben, die für sie dolmetschen können, denn auch auf dem Polizeiposten werden sie kaum einen Englisch sprechenden Beamten und schon gar kein fremdsprachiges Formular antreffen. Ist der Papierkrieg erledigt und die Schuldfrage unklar, wird ihnen ein neuer Termin gegeben, an dem Entschieden wird, wer der Schuldige ist.

Es kann leicht emotional werden

Die Schuldfrage ist natürlich dann besonders wichtig, wenn sie oder der andere Betroffene keine Kasko-Versicherung besitzen. Mit der obligatorischen grünen Versicherungspolice sollte es in Russland keine Probleme geben. Damit sind die meisten Schäden gedeckt, die sie verursacht haben. Falls der andere Lenker den Unfall verschuldet hat, müssen sie versuchen, das nachzuweisen.

Auch hier: Bewahren sie Ruhe.Es kann nach einem Unfall in Russland sehr emotional werden, und darum hat derjenige die Sympathie der Polizei auf seiner Seite, der ruhig bleibt und nicht mit Fäusten und Flüchen argumentiert. Lassen sie sich aber auch nicht von jemandem überreden, die ganze Schuld auf sich zu nehmen, nur weil sie eine Kasko-Versicherung haben. Vergessen sie nicht, dass sie sich hinterher auch bei ihrer eigenen Versicherung für alles rechtfertigen müssen, um den Schaden bezahlt zu bekommen.

 „Garagendörfer“ am Stadtrand

Bei einem einfachen Kratzer, und wenn ihr Wagen nicht auf Garantie beim Fachhändler läuft, lohnt es sich unter Umständen, sich ohne Polizei zu einigen. Solch ein Schaden kann in Russland viel günstiger behoben werden als im teuren Westen. Dazu müssen sie aber genügend Zeit und etwas Abenteuerlust für einen Ausflug in eines der Autozentren am Stadtrand haben, wo es praktisch für alle Ersatzteile und Reparaturwerkstätten gibt. In diesen primitiven Garageboxen wurde schon so mancher BMW oder Mercedes wieder auf Vordermann gebracht. Da die Stundenlöhne in Russland noch immer relativ tief sind, kann das eine gute Lösung sein.

Die Minigaragen können auch die Rettung bedeuten, wenn Ihr Wagen fahruntüchtig ist. Dann kann er nicht einfach verschrottet oder stehen gelassen werden. So absurd es klingt, aber es ist sehr wichtig, dass er irgendwie wieder russisches Territorium verlässt. So wie sie eingereist sind, müssen sie auch wieder ausreisen, sonst kann es grosse bürokratische Probleme geben. In diesem Fall kann ihnen ein erfinderischer russischer Automechaniker für wenig Geld ihr Auto zurechtmachen, dass es wenigstens für die Heimfahrt oder bis zur Grenze reicht.

Aber nun hoffen wir mal, dass es nicht so weit kommt – gute Fahrt!

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Ratgeber Russland: Autofahren in Russland I – Spiel ohne Grenzen

Mehr Ratschläge zum Leben in Russland hier >>>

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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