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Ratgeber Russland: Autofahren in Russland I – Spiel ohne Grenzen

Von   /  8. November 2013  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Wer sich mit dem eigenen Wagen nach Russland wagt, muss irgendwie ganz von vorne beginnen, das gilt auch für jene, die sich als erfahrene Lenker bezeichnen. Autofahren in Russland braucht Nerven, um den ständigen Kontrast zwischen extremer Hektik und Gelassenheit zu ertragen – in einer Verkehrswelt, in der oft gleichzeitig alles verboten und alles erlaubt zu sein scheint. Wer sich optimal vorbereiten will, testet sein Geschick am besten im Abendverkehr einer italienischen Grossstadt, denn wie bei vielen anderen Dingen, sind die Italiener auch beim Autofahren den Russen am ähnlichsten (Fotogalerie).

Wer sich auf russische Strassen begibt, wird nicht selten das Gefühl haben, in einen Strudel zu schwimmen und einfach mitgerissen zu werden, um schliesslich doch irgendwie schweissgebadet am Ziel „angeschwemmt“ zu werden. Auch der Fluch, jemand habe den Führerschein beim Lotto gewonnen, wird einem auf russischen Strassen erstaunlich oft über die Lippen gehen. Angesichts der grassierenden Korruption an Russlands Fahrschulen liegt man damit auch nicht einmal so arg daneben.

Der russische Autoboom hat seine Gründe

Aber zuerst einmal ganz sachte – der russische Autoboom und die Lenkerleidenschaft hierzulande haben ihre Gründe. Jahrzehntelang war der Besitz eines Autos ein Privileg, und selbst wer eins hatte, fuhr ein sowjetisches Normauto, das sich oft mehr schlecht als recht auf den Rädern hielt. Nun haben die Russen zum ersten Mal die ganze Wahl an Automotiven – und vor allem haben viele zum ersten Mal wirklich Geld für ein Auto -für viele sind die eigenen vier Räder wichtiger als vier Wände.

von Heidi Moretti

1985 – Uliza Rubinsteina vom Newski Prospekt aus in die Richtung der „5 Ecken“

Dementsprechend erlebt das Land einen Rausch – Neuwagen werden in Massen gekauft. Wer sich das vor Augen hält, hat manchmal auch das nötige Verständnis für das kindische Verhalten beim „Spiel ohne Grenzen“. Oder für die endlosen Staus, denn war das Land früher ein fast autofreies Paradies, so platzen heute die meisten Städte im Abendverkehr aus allen Nähten.

Die „Tanks“ und das Recht des Stärkeren

Auf diesen Strassen gelten andere Gesetze als in Westeuropa – allen voran das Gesetz des Stärkeren. Sich einen protzigen Geländewagen wegen der schlechten Strassen zu kaufen, ist für die wenigsten Russen das Hauptargument. Die wenigsten BesitzerInnen dieser „Tanks“ mit schwarzgetonten Scheiben wagen sich über die Stadtgrenze hinaus. Viel wichtiger ist das Prestige und das Vorrecht auf der Strasse als Platzhirsch (-Kuh). Diese Autos drängeln sich überall vor, und man lernt, sie regelrecht zu hassen – doch wer ihnen den Platz streitig macht, riskiert einen Zusammenstoss, dem leicht ein zweiter rethorischer Art folgen kann.

Gedrängelt wird von allen, und man muss damit rechnen, in allen möglichen und unmöglichen Situationen überholt und eingekeilt zu werden. Um den lästigen Rechtsüberholern zu entgehen, ist die naheliegendste Lösung, sich in die äusserste Spur nach rechts zu verkriechen. Aber leider ist diese oft besetzt durch lahme Trolleybusse, parkierte Fahrzeuge, abgestellte Anhänger oder irgendwelche „Autoleichen“. Die rechte Spur ist eine Art Allzweck-Bereich. Es kann zum Beispiel sehr leicht passieren, dass ihnen an einer Kreuzung beim Rechtsabbiegen ein Wagen dem Fussgängerstreifen den Weg blockiert. Im besten Fall hat er den Pannenblinker eingeschaltet, und telefoniert entspannt oder kauft sich etwas am Kiosk. Kein Hup-, Blink- oder Winkzeichenzum wird ihn zum Weiterfahren bewegen.

Schlaglöcher – wie Riffe in der Brandung

Ebenso oft kommt es vor, dass Lenkerinnen und Lenker sich spontan dazu entschliessen, aus der Fahrspur links aussen an der Kreuzung quer über die Fahrbahn nach rechts abzubiegen, bzw. die linke Spur so lange zu blockieren, bis es nach rechts grünes Licht gibt. Zusätzlich beunruhigend wirken die privat betriebenen Sammeltaxis, die sich in direkter Konkurrenz mit dem übrigen öffentlichen Verkehr befinden und deren Fahrer meist wie die Henker fahren. Darum wird man selbst bis zu einem gewissen Grade dazu gezwungen, am Zickzack-Rennen teilzunehmen, um all den stehenden und bewegten Hindernissen wie Riffen in der Brandung auszuweichen. Dabei muss man ständig auch die Fahrbahn wegen möglicher „Killer-Schlaglöcher“ im Auge behalten.

Die Rücksichtslosigkeit gegenüber seinem Auto-Nächsten gilt auch gegenüber den Fussgängern. An Lichtsignalen wird die Situation oft bis zum letzten ausgereizt. Grundsätzlich gilt: Bei Gelb wird schon gefahren, und bei Gelb wird noch gefahren. Das führt an gewissen Orten zu verkeilten, hupenden Kolonnen, die einander gegenseitig die Durchfahrt versperren, bzw. das Leben vermiesen. Da die Fussgänger grundsätzlich zuletzt an die Reihe kommen, nehmen sie sich oft selbst ihr Recht. Das heisst, dort, wo zum Beispiel eine Ampel ausfällt, kann eine Strasse problemlos durch einen nicht abreissenden Strom an Passanten blockiert werden.

Verwaschene Zebrastreifen und kaputte Schilder

Logischerweise kommt es dadurch zu vielen tödlichen Unfällen, ganz abgesehen von jenen Fällen, wo Fussgänger von betrunkenen Rasern (nicht selten Polizisten in Zivil) über den Haufen gefahren werden. Verwaschene Zebrastreifen und kaputte Hinweisschilder führen dazu, dass man bei schlechtem Wetter oder in der Dunkelheit die Strassenübergänge, bzw. die Passanten leicht übersieht. Doch auch wer sein Tempo mässigt und den Fussgängern den Vortritt lassen will, lebt gefährlich. Wenn man am Zebrastreifen hält, heisst das noch lange nicht, dass dies die anderen auch tun, und man kann unter Umständen einen Auffahrunfall riskieren.

Wenige russische Lenker verstehen, dass Geschwindigkeitsbeschränkungen zur Erhöhung der allgemeinen Sicherheit bestehen. Leider ist es für viele Halbstarke eine Möglichkeit, ihre „Muskeln“zu zeigen und mit der Polizei Katz und Maus zu spielen. Leider ist dies auch von der anderen Seite so. Viele Radarkontrollen durch die Polizei geschehen an Orten, wo sogar gesetzestreue Lenker den Tacho leicht aus dem Blick verlieren oder der Wagen durch Gefaelle beschleunigt wird.

„Fiese“ Geschwindigkeitskontrollen

Besonders „fies“ sind Kontrollen an Ortseingängen. Wer durch Russand fährt, bewegt sich wegen des noch schwachen Autobahnnetzes viel auf einfachen Überlandstrassen. Oft fehlen Ortsschilder und die Ortschaft liegt abseits der Strasse oder besteht nur aus vereinzelten Häuschen. Geschwindigkeitsschilder fehlen oft völlig, da jedermann weiss, dass innerorts Tempo 60 gilt. Das nutzt die Polizei, um abzukassieren. Auch Überholverbote und Einbahnstrassen werden scharf „bewacht“, denn die Strafen sind hier besonders hoch, und die „Ablösesumme“, die von vielen bereitwillig bezahlt wird, ebenfalls. Die einzige Hilfe ist hier ein Navigator, der die „unsichtbaren“ Ortsgrenzen oder Einbahnstrassen erkennt und einen rechtzeitig warnt.

Wer nicht Kyrillisch lesen kann, wird nicht selten eine Ehrenrunde drehen müssen, weil er eine Abzweigung verpasst. Bei russischen Autobahnen (zB. die Moskauer oder Petersburger Ringautobahn) sind oft „überladene“ Hinweisschilder angebracht, die gleich zwei oder drei Abzweigungen auf einmal ankündigen, so dass selbst sprachgewandte sich im Durcheinander von Pfeilen und Spuren verlieren. An gewissen Orten wurden als Sparmassnahmen mehrere Ausfahrten zusammengelegt, so dass sich eine Ausfahrtstrasse sehr kurzfristig noch in drei verschiedene Richtungen verzweigen kann. Es kommt auch vor, dass gewisse Orte oder Stadtteile nur in einer Fahrtrichtung eine Ausfahrt besitzen, so dass man von den Wegweisern bis zur nächsten Ausfahrt weitergeleitet wird, dort die Autobahn verlässt, zur Einfahrt in der Gegenrichtung geleitet wird, um wieder zum Bestimmungsort, bzw. zur richtigen Ausfahrt zurück zu fahren.

Das klingt alles sehr abenteuerlich – und das ist es auch. Für alle, die es trotzdem probieren wollen gibt es im nächsten Teil ein paar Tipps!

Umleitung – hier gehts weiter zum zweiten Teil: Ratgeber Russland: Autofahren in Russland II – Richtiges Verhalten im Reich der Schlaglöcher und Gesetzeslücken

Mehr Ratschläge zum Leben in Russland hier >>>

Fotos:

Gallerie: Eugen von Arb, St. Petersburger Herold,
Foto „1985“ im Artikel von Heidi Moretti

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. tobias schauf sagt:

    Danke! Da werden viele Erinnerungen wach an meine Jahre in St. Petersburg. Gut beobachtet und vor allem gut zusammengefasst!

  2. Danke für den vergnüglich zu lesenden Artikel! Er deckt sich zu 100% mit meiner Erfahrung. Das Autofahren ist hier wieder ein Abenteuer ;)

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