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Ratgeber Russland: Auswandern – nur wem es wirklich gefällt, bleibt auch hier

Von   /  18. August 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Obwohl sich Russland während der vergangenen zwei Jahrzehnte geöffnet hat und in gewissen Bereichen tolle Perspektiven bietet, ist es alles andere als ein ideales Auswandererland. Eine elephantöse Bürokratie und ein tiefsitzendes Misstrauen vieler Russen gegenüber allem und jedem, was aus vom Ausland kommt, können abschreckend wirken. Wer sich dadurch nicht abschrecken lässt, einen langen Atem, viel Geduld und das nötige Glück hat, wird belohnt. Russland ist ein Land, wo man tolle Freunde finden kann, noch etwas aufbauen kann, und das noch echtes Abenteuer bietet. Ich lebe nun neun Jahre in Russland und möchte ein paar Punkte festhalten, die für Auswanderungswillige in Russland wichtig sind:


Zeit
Auswandern nach Russland braucht Zeit. Ich empfehle jedem, der nach Russland wechseln möchte, zuerst für einige Monate provisorisch nach Russland zu kommen, bevor er die Zelte in der Heimat abbricht. Es gibt einige Dinge hier, die anders funktionieren als im Westen, das hat Vor- und Nachteile. Es ist aber wichtig, sich darüber klar zu werden, ob man mit dem Lebensrhytmus und den Wertvorstellungen hier einverstanden ist, und es kann unter Umständen sehr schön sein, einfach wieder ins Nest zurückzukehren, wenn man merkt, dass man sich geirrt hat, was bekanntlich menschlich ist, besonders im Fall von Russland. Russland ist das Land der Potemkinschen Dörfer, der Kulissen und des Scheins in vielen Bereichen. Man muss versuchen, einen Blick hinter die Maske zu bekommen, bevor man sich entscheidet.

Geld
Auswandern nach Russland braucht Geld. Ohne übertreiben zu wollen, möchte ich daran erinnern, dass auch hier das Leben Geld kostet – vor allem in Moskau und St. Petersburg, wo die Preise in vielen Bereichen bereits Westniveau erreicht haben. Geld braucht in erster Linie natürlich jemand, der noch kein festes Einkommen hat. Geld braucht, wer noch keine Aufenthaltsbewilligung hat und sich daher privat krankenversichern muss. Geld braucht, wer keine eigene Wohnung besitzt und ein Zimmer oder eine Wohnung mieten muss. (Das Leben als Mieter in Russland ist ein schwieriges Kapitel für sich). Auf jeden Fall lohnt es sich, vor dem Auswandern eine gewisse finanzielle Reserve zu sparen. Diese ersten beiden Punkte zusammengefasst: Auswandern nach Russland braucht viel Geduld und einen langen Atem.

Job
Auswandern nach Russland braucht einen Job. Die wenigsten, die heute in Russland leben, hatten bei der Einreise einen festen Job. Das heisst nicht, dass es schwierig sein muss, hier einen guten Job zu finden. Aber meistens spielen da Zufall und Schicksal mit – mehr als in anderen Ländern, denk ich. Auch ein schönes Stück Gottvertrauen gehört zum Auswandern nach Russland, das werden sogar überzeugte Atheisten bestätigen. Einen Job zu finden, wird jedoch immer wichtiger, denn es ist neben dem Wohnsitz das Hauptkriterium für die Einwanderungsbehörde. Wer keinen Job findet, muss eine gewisse Summe an Geld vorweisen können, wenn er den Antrag für eine Aufenthaltsbewilligung stellt.

Gute Russischkenntnisse
Auswandern nach Russland braucht gute Russischkenntnisse. Zwar ist Russland bezüglich Fremdsprachenkenntnisse in der Bevölkerung in den letzten Jahren vorwärts gekommen, aber noch immer sind gute Russischkenntnisse für eine Auswanderung nach Russland unabdingbar. Mehr als in westlichen Ländern ist man hier auf mündliche Kommunikation auf Russisch angewiesen. Englisch oder Deutsch wird noch immer nur in Ausnahmen gesprochen. Behördenstellen gehen klar davon aus, dass sich Immigranten auf Russisch verständigen können. Aus diesem Grund lohnt es sich, in Kurse zu investieren.

Wohnsitz
Auswandern nach Russland braucht einen Wohnsitz – zumindest mit der Zeit. Keine Panik, natürlich ist Wohneigentum keine Bedingung, um nach Russland auszuwandern, aber es ist eine Frage, die man relativ bald in Angriff nehmen muss. Einerseits ist die Existenz als Mieter wie bereits beschrieben, teuer, unstabil und bisweilen mühsam. Andererseits muss, wer hier ansässig werden will, eine feste Registrierung, die so genannte „Propiska“ vorweisen, die nicht so einfach zu kriegen ist, wenn man keine Wohnung besitzt. In Russland ist es üblicher, nicht zu mieten, sondern eine Wohnung zu kaufen. Je nachdem kann der Kauf einer Wohnung durch Geld aus einer Pensionskasse im Ursprungsland finanziert werden. In meinem Fall konnte ich Geld aus meiner Pensionskasse, das mir bei der Abmeldung ausgezahlt wurde, in eine kleine Wohnung investieren. Aber auch hier: In Russland braucht alles Zeit – man sollte auf keinen Fall überstürzt eine Wohnung kaufen. Dafür braucht es die nötige Vorsicht und wie so oft in Russland – Insiderwissen, um nicht betrogen zu werden.

Mehr als einen Versuch
Darum braucht es zum Auswandern nach Russland vielleicht mehr als einen Versuch. Als mögliches Szenario könnte man zum Beispiel an seiner Stelle im Ursprungsland ein paar Monate Urlaub nehmen und in Russland einen Sprachkurs besuchen. Für diese Zwecke werden heute auch längere Visa vergeben. Während dieser Zeit kann man sich in Ruhe umsehen und sich mit der Atmosphäre im Land vertraut machen. Wer sich interessiert und aktiv ist, kann hier durchaus Arbeit und sein Glück finden, aber es braucht etwas Durchhaltevermögen und Glück.

Vertrauenspartner
Auswandern nach Russland braucht einen Vertrauenspartner. In meinem Fall war es so, dass ich mit meiner ersten Frau nach St. Petersburg ausgewandert bin. Einen Partnerin oder Partner zu haben, die/der mit den russischen Gepflogenheiten vertraut ist, ist sicher die einfachste Lösung. Falls man allein ist, wird die Sache auf jeden Fall schwieriger. Es gibt tausende von Möglichkeiten, als Ausländer betrogen und ausgenommen zu werden. Darum ist es in jedem Fall wichtig, hier Freunde zu haben, auf die man sich verlassen kann. Russland kann wunderschön sein, aber es ist auf keinen Fall einwandererfreundlich – nur wem es wirklich gefällt, der bleibt auch hier.

Viel Glück!

Mehr Ratschläge zum Leben in Russland hier >>>

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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