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Quo vadis, Kapitalismus? Gespräch über eine in die Jahre gekommene Gesellschaftsform

Von   /  22. November 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Im Rahmen des Deutsch-russischen Salons im Deutschen Generalkonsulat St. Petersburg stellten sich der österreichische Wirtschaftsjournalist und Buchautor Wolf Lotter und der russische Ökonom und Publizist Dmitri Travin den Fragen zum Thema „Kapitalismus“. Als Moderator versuchte Russland-Korrespondent Stefan Scholl die Aktualität und Zukunftsperspektiven dieser bald 200 Jahre alten Gesellschaftsordnung zu ergründen (Fotogalerie).


Obschon die beiden Kapitalismus-Experten sehr verschiedene Ausgangspunkte hatten, trafen sie sich im Verlauf des Gesprächs auf einer Linie. Wolf Lotter, der sein Buch „Zivilkapitalismus. Wir können auch anders“ mitgebracht hatte, ging vom Kapitalismus als positive Erscheinung, einem Instrument der Gesellschaft zur Weiterentwicklung aus.

Paradoxerweise seien die meisten Ökonome Antikapitalisten, weil der Kapitalismus sehr negativ behaftet sei, meinte er. Dabei habe er trotz der negativen Erscheinungen wie zum Beispiel Kinderarbeit und Elendsquartiere im ersten Jahrhundert seiner Existenz (1840-1940) zu einer Verdoppelung der Lebenserwartung und zu einer mehrfachen Erhöhung des Durchschnittseinkommens geführt.

„Kapitalismus ist keine Weltanschauung“
Lotter schreibt die meisten negativen Erscheinungen, wie etwa der Kriegskapitalismus, der Beeinflussung durch die politischen Machthaber und durch die Bürokratie zu. „Kapitalismus ist ein Instrument und keine Weltanschauung – diese wird darübergestülpt“, erklärte er dem Publikum im Bismarcksaal.

Monopole und Korruption entstünden nur dort, wo der Wettbewerb fehle und führten zu einer Einengung des Kapitalismus. Deshalb hätten viele Regimes, die sich nach aussen als kapitalistisch bezeichneten, die wichtigsten Grundlagen des freien Markts beseitigt. Das Dritte Reich sei beispielsweise alles andere als kapitalistisch gewesen, weil es eine Planwirtschaft wie in der Sowjetunion betrieben habe. „Könige und Tyrannen brauchen keinen Kapitalismus“, unterstrich er.

Bürokratenkaste in Grossunternehmen
Kapitalismus schaffe kein Glück, aber er biete vielen Menschen die Möglichkeit, ihr persönliches Glück zu schaffen, erklärte Lotter. Leider habe in vielen Ländern eine „Entfremdung“ gegenüber dem Kapitalismus stattgefunden. Geld und Wirtschaft gälten als etwas unanständiges, und viele Menschen seien bequem geworden und wollten nur noch Geld verdienen, aber selbst nichts aufbauen. Selbst in grossen Unternehmen sei dadurch eine Bürokratenkaste entstanden. Dadurch mache man sich abhängig und spiele in die Hände der Ausbeuter, statt den Kapitalismus als Werkzeug zur Unabhängigkeit wahrzunehmen.

Dmitri Travin – Publizist und Professor an der Europäischen Universität St. Petersburg – ging vom Kapitalismus als geringeres Übel aus. „Der Kapitalismus ist eine schlechte Regierungsform, aber alle anderen sind noch schlechter“, zitierte er Churchill. Dies habe man 1917 leider nicht gewusst als die Oktoberrevolution losbrach. Hatte Lotter bereits auf die Vielseitigkeit des Kapitalismus mit 750 verschiedenen Formen weltweit aufmerksam gemacht, so wies Travin auf die grosse Erfahrung hin, welche die Menschheit mit dieser Gesellschaftsform und all ihren Fehlern mittlerweile gewonnen habe.

Die Hauptfeinde des Kapitalismus: Staat und Bürokratie
Wie Lotter machte auch Travin den Staat und seine Bürokratie als wichtigste Gegner des Kapitalismus bzw. der Bürger aus, weil sie den freien Wettbewerb durch ihre Regulierungen behinderten. Im Kapitalismus beute der Mensch den Menschen aus, aber es sei eine Illusion, zu glauben, im Sozialismus herrschten Gleichheit und Brüderlichkeit.

Eine Staatsbürokratie sei nie menschenfreundlich, sondern korrupt und nur auf ihre eigenen Bedürfnisse eingestellt. Das habe in der Sowjetunion dazu geführt, dass Wurst statt Raketen hergestellt worden sei. Als ihm während seines Studiums der Gegensatz zwischen dem Kapitalismus (reich und effizient) und dem Sozialismus (arm und korrupt) bewusst geworden sei, habe er sich dazu entschlossen, sich mit dem Kapitalismus auseinander zu setzen.

Wichtiger Antrieb der Demokratisierung
Sowohl Lotter wie auch Travin bezeichneten den Kapitalismus als wichtigen Antrieb zur Demokratisierung. Der wachsende Wohlstand führe mit der Zeit automatisch zu einem Bedürfnis nach geistiger Freiheit bei den Menschen – das sei auch in Russland oder China so, argumentierte der Petersburger Ökonom.

Auch Präsident Putin sei zu Beginn seiner Regierungszeit kein Gegner der Dekokratie gewesen, doch habe der Reichtum dank dem hohen Ölpreis Reformen unnötig gemacht und nun wolle das Regime die Pfründe der Macht- und Geldelite bewahren, erklärte Travin nüchtern. Russland sei im übrigen in den meisten Bereichen sowjetisch geblieben, da ein freier Markt durch Macht- und Geldmonopole weitgehend verhindert werde. Daher sei auch das Klima für ausländische Investoren schlecht und die Entwicklung der russischen Wirtschaft verlaufe nur schleppend.

Schwarzarbeit – die Bürger sorgen für sich
„Bei uns wird jeden Tag gestohlen“, sagte Travin und wies auf die Milliarden von Rubel hin, die regelmässig durch Korruption bei Regierungsaufträgen „verschwinden“. Die Korruption könne vom Staat nicht besiegt werden, sondern nur durch freien Wettbewerb und die Kontrolle der Gesellschaft. Daher seien die Proteste, wie sie vom Oppositionellen Alexei Nawalny betrieben würden, der Anfang der Demokratie in Russland.

Wolf Lotter sprach Missstände staatlicher Einmischung in Deutschland an, wo wegen der hohen Einkommenssteuern Milliardenbeträge durch Schwarzarbeit abgezweigt werden. Er habe Verständnisse für Handwerker, die schwarz arbeiteten, meinte er. Der Staat sorge mittels hoher Steuern in erster Linie für sich – daher sei es normal, dass sich die Bürger um ihre Bedürfnisse sorgten.

Mit dem „Volkskapitalismus“ in die Zukunft
Auch Themen wie Terrorismus oder Krieg im Zusammenhang mit dem Kapitalismus wurden angesprochen. Travin und Lotter deuteten Terrorbewegungen als Folge von Konflikten zwischen mehr und weniger entwickelten Gesellschaften, die in der globalisierten Welt aufeinander stossen. Glücklicherweise hätte sich vielerorts die Form Auseinandersetzungen geändert, und die Menschen hätten verstanden, dass es besser sei, einander etwas zu verkaufen, statt aufeinander zu schiessen..

Lotter warb für einen „Volkskapitalismus“, wie ihn der deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard proklamiert hatte. Das Wissen in der Bevölkerung über die Ökonomie müsse dringend verbessert werden. Die Menschen müssten lernen zu fordern und der Staat müsse sich als Dienstleister verstehen. „Es mangelt an neuen Ideen in der ganzen Welt“ – meinte er enthusiastisch und gab damit gleichzeitig das Schlusswort.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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