Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Porträt: Vitali Milonow – Biedermann und Brandstifter

Von   /  14. Dezember 2012  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Er ist eine Kreuzung aus bigottem Schwulenhasser, biederem Saubermann und Politclown. Vitali Milonow ist der Mann der Stunde, der mit sicherem Instinkt für die „Volksseele“ und politische Trends die langweilige russische Politik aufmischt. Mit seinen populistischen, religiös verbrämten Ideen macht er den Wählern einmal mehr weis, man könne durch schwarz-weisses Denken das Gute vom Schlechten trennen.

Er war schon lange dort, doch schien ihn niemand zu bemerken. Als der Abgeordnete des Petersburger Stadtparlaments Vitali Milonow im vergangenen Frühling mit seinem Verbot der „Schwulenpropaganda“ auf einen Schlag internationale Berühmtheit erlangte, trauten viele Beobachter der russischen Politszene ihren Augen und Ohren nicht mehr.

Früher nur als „Schattengewächs“ wahrgenommen

Bis dahin hatten man ihn höchstens als Schattengewächs in der Funktion eines Helfers populärer  Politiker wahrgenommen. So war der „Nationaldemokrat“ und spätere „Christdemokrat“ Ende der Neunzigerjahre zuerst Assistent der Abgeordneten und Bürgerrechtlerin Galina Starowoitowa, die im  1998 von einem Killer erschossen wurde.

Im selben Jahr zog er seine Kandidatur für die Wahlen ins Stadtparlament zugunsten von Wadim Tulpanow, den späteren langjährigen Parlamentssprecher und Matwijenko-Vertrauten, zurück. Stattdessen wurde er dessen Assistent und Stadtbezirksabgeordneter.

Gegen alle „westlichen“ Werte

2006 schloss er seine Ausbildung an der staatlichen Hochschule für Verwaltung ab, und 2007 wurde er erstmals für die Kremlpartei „Einiges Russland“ ins Stadtparlament gewählt. 2011 erfolgte seine Wiederwahl – und nun sah er seine Stunde gekommen. Ermutigt durch den neuen kirchentreuen Gouverneur Georgi Poltawtschenko ging er auf die Barrikaden gegen alles, was in Russland die liberale westliche Gesellschaft verkörpert – insbesondere die Toleranz gegenüber Homosexuellen.

Das Gesetz, das Propaganda für Homosexualität und Pädophilie gegenüber Minderjährigen unter Strafe stellt und für Proteste bei Bürgerrechtlern und Homosexuellen-Organisationen im In- und Ausland sorgte war der Auftakt zu einer schlechten, aber höchst erfolgreichen Politkomödie.

Erstes Opfer – Pop-Star Madonna

Milonow setzte das Gesetz nicht nur durch, sondern erwies sich als „Mann der Tat“, der sich sofort nach der Inkrafttretung auch für dessen Einhaltung einsetzte. Sein erstes Ziel war niemand geringerer als Pop-Star „Madonna“, die während ihres Petersburger Auftritts im August für Toleranz gegenüber Homosexuellen auftrat und deren Organisatoren sofort verklagt wurden. Nachdem er mit seiner ersten Klage abgeblitzt war, kam Lady Gaga an die Reihe.

Mittlerweile hat das Gesetz zu einer regelrechten Hysterie gegenüber allem geführt, was nur irgendwie mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden könnte. Demonstranten, die gegen das Gesetz demonstrieren werden wegen „Propaganda“ bestraft. Ein Milchhersteller, der auf seinen Verpackungen einen Regenbogen abgebildet hatte, sah sich von einer Klage wegen Homosexuellen-Propaganda bedroht und wechselte schleunigst sein Outfit.

Auf Jagd nach Pädophilen

Gleichzeitig beteiligt sich Milonow aktiv an der Jagd auf Pädophile, die mittels fingierter Verabredungen in die Falle gelockt und „verhaftet“ werden. Als eifriges Mitglied und Küster einer russisch-orthodoxen Kirchengemeinde wendet er sich gegen alles Fortschrittliche, so auch gegen die Lehren Darwins und den russischen MTW-Musiksender.

Mit seiner Gesetzesvorlage, die einem Fötus den Status eines russischen Bürgers verleihen, bzw. die Abtreibung als Mord einstufen würde, sorgte er im ganzen Land für Kopfschütteln. Auch wenn sich in Umfragen ein grosser Teil positiv zur Unterdrückung der „Homo-Propaganda“ stellen, regt sich mittlerweile Widerstand gegen Milonow.

Die eigenen Wähler fordern seine Absetzung

Einwohner aus dem Petersburger Stadtbezirk Uljanka, wo Milonow gewählt wurde, verlangen in einer Eingabe ans Stadtparlament dessen frühzeitige Absetzung als Abgeordneter. Sie beschuldigen ihn, das Viertel im Stich gelassen zu haben und sich nicht gegen die Überbauung eines Parks eingesetzt zu haben. Milonow reagierte ungehalten auf die Anschuldigung und bezeichnete sich als „echten Demokraten“ und die Unterzeichner als „Perverse“.

Auf einer Webseite ruft ein Petersburger Stimmbürger die Abgeordneten im Mariinsky-Palast dazu auf, ihren Parlamentskollegen zum Rücktritt zu bewegen. Seinen Schritt begründet der Initiator damit, dass Milonow mit seinen Gesetzesvorstössen dem Ansehen Petersburgs als fortschrittliche, europäische Stadt schade. Dank ihm habe Petersburg das Image einer homophoben und düsteren Stadt gegeben.

Milano und Venedig kündigen Petersburg die Freundschaft

Tatsächlich gab es bereits internationales politisches Echo auf die homophoben Tendenzen Petersburgs. So gaben verschiedene Länder die Warnung an homosexuelle Reisende ab, sich in der Stadt zurückhaltend zu verhalten. Ausserdem kündigten die beiden italienischen Städte Mailand und Venedig ihre Freundschaft auf.

Bald wird die landesweite Einführung des Verbots von Homosexuellen-Propaganda in der Staatsduma verhandelt. Die Chancen für eine Annahme sind gut und spiegeln die allgemeine homophope Stimmung in Russlands Bevölkerung. Was für einen Image-Schaden dies für Russland im Ausland bedeuten könnte, scheint in der Führung nur Premier Medwedew erkannt zu haben.

„Schiefes“ Gesetz

Er stellte sich öffentlich gegen die Einführung des repressiven Gesetzes und begründete seinen Standpunkt damit, dass die „Homosexuellen-Propaganda“ nicht gross beschäftige und man nicht alle sozialen Umgangsformen per Gesetz regulieren sollte. Als Jurist scheint ihm auch bewusst zu sein, wie schief das Gesetz gegenüber der eigenen Verfassung und der Menschenrechtskonvention dasteht, die Russland als Mitglied des Europarats unterschrieben hat.

Bild: vk.com/milonovinfo

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Lady Gaga trat am Petersburger Konzert gegen Homosexualitäts-Verbot auf

Mailand und Venedig kündigen die Städtepartnerschaft mit St. Petersburg

Russisches Gericht spricht Madonna vom Vorwurf der “Schwulenpropaganda” frei

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Verbot von „Sankt-Petersburg“ in Firmennamen wird diskutiert

mehr…