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Politischer Rohrkrepierer auf der „Aurora“ – VIP-Gäste vergnügen sich auf dem Symbol der Weltrevolution

Von   /  19. Juni 2009  /  2 Kommentare

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Der legendäre Panzerkreuzer „Aurora“ hat fast ein Jahrhundert nach seiner historischen Salve zum Beginn der Oktoberrevolution einen „Schreckschuss“ abgegeben. Im Anschluss an das Petersburger Wirtschaftsforum lud das Lifstyle-Magazin „Russki Pionier“ hochrangige Gäste zur lärmigen Geburtstagsparty auf dem Kriegsschiff und sorgte für einen peinlichen Politskandal mit langem Nachhall.

Von Eugen von Arb

Die Szene gleicht einer Karrikatur: Dort, wo zu Sowjetzeiten die jungen Pioniere auf den Sozialismus eingeschworen wurden, vergnügten sich die Vertreter des kapitalistischen Establishments und entweihen gewissermassen den kommunistischen Gral. Neben der Kanone, mit der am 7. November 1917 das Signal zum Sturm auf den Winterpalast gegeben worden sein soll, flanierten umsorgt von Kellnern in Matrosenhemden VIP-Gäste des Petersburger Wirtschaftsforums.

Über die Gangway schritten neben hochrangigen politischen Figuren, wie Gouverneurin Valentina Matwijenko oder Wirtschaftsministerin Elwira Nabiullina, auch der Oligarch Michail Prochorow, zu dessen Besitz die Zeitschrift „“Russki Pionier“ gehört, und seine millionenschweren Freunde.

Unanständige Liedtexte und besoffene Gäste in der Newa

Nach der Begrüssung durch den Chefredaktor Andrei Kolesnikow wurde das prominente Publikum mit einer poetischen-tänzerischen Wirtschaftskrisen-Satire des Schauspielers Pawel Kaplewitsch und einem Galakonzert der Gruppe „Rubel“ auf einer schwimmenden Bühne neben dem Kriegsschiff unterhalten. Band-Leader Igor Schnurow, bekannt und beliebt wegen seines „losen“ Mundwerks, beschallte die „Aurora“ und das Newa-Ufer und erntete für seine Texte in „unzensurierter“ Sprache grossen Applaus unter der zunehmend betrunkenen Zuhörerschaft.

Ein Teil von ihnen – von Begeisterung und Alkohol übermannt – sprangen kurzerhand in die Newa und versuchten zu Konzertbühne zu schwimmen. Dieses Szenario der Party rekonstruierte Fontanka.ru aus den Berichten von Gästen und Augenzeugen und aus dem Partyfilm, den die Zeitschrift auf seiner Website veröffentlichte.

„Widerliches Besäufnis“

Scheinbar fand niemand etwas Verbotenes an der Feier – bis die kommunistische Partei die Beteiligten aus dem Katerschlaf wachrüttelte. Die Kommunisten der „Heldenstadt Leningrad“ zeigten sich zutiefst beleidigt durch dieses „widerliche Besäufnis“ der so genannten „Elite“ auf dem Areal einer historischen Stätte und forderten eine Bestrafung der Verantwortlichen. Die Militärstaatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung an, und in den Medien und in der Bevölkerung begann man sich zu fragen, wie ein solcher „Karneval“ auf der Aurora stattfinden konnte, obschon das Schiff eigentlich wie jedes militärische Objekt scharf bewacht wird.

Alles war ganz anders

Der Direktor des Schiffsmuseums beteuerte öffentlich, er habe niemals eine Genehmigung für eine solche Party gegeben und habe am betreffenden Tag Urlaub gehabt. Die Marine und das Marinemuseum, zu dessen Inventar die „Aurora“ gehört, verweigerten jeden Kommentar, und zum Schluss meldete sich auch noch der Chefredaktor Andrei Kolesnikow und versicherte, man werde verleumdet und alles sei ganz anders gewesen.

Alle Gäste hätten sich mit viel Respekt gegenüber dem historischen Objekt verhalten, niemand habe den Museumsteil betreten und die Sprünge in die Newa seien eingeplant gewesen. Überhaupt hätten schon viele andere vor ihnen auf der „Aurora“ gefeiert.

Die einen dürfen, die anderen nicht

Tatsächlich ergab eine fingierte Umfrage, dass auch andere Petersburger Museen ihre Räume gegen happige Mieten für Firmenfeste zur Verfügung stellen. Ausgerechnet die „Aurora“ ist jedoch für solche Veranstaltungen geschlossen, erfuhren die Journalisten – das heisst, zumindest offiziell.

www.fontanka.ru

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Peterburger Wirtschaftsforum PEF mit unfreiwilliger Volksnähe

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. realsatire sagt:

    Wo liegt den der Unterschied ob das Schiff an 180 von 365 Tagen im Jahr als „Aufmarsch und Gedächtnissprojektionsfläche“ für Militaristen und Radikale beliebiger Couleur benutzt wird?
    Da feieren ein paar „nicht mit Orden behangene“ und schon wirds ne kapitalistische Orgie, eine Entweihung des Widerstands, der Opfer der Blockade etc.etc.
    Da sind mir doch echt coole Kapitalisten lieber auf der Aurora …

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