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Podiumsdiskussion: Na, wie geht’s denn weiter mit Russland?!

Von   /  16. Juni 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Im Petersburger „Haus des Journalisten“ bestritten die zwei leitenden Redaktoren des Journal „Gorod“ eine Diskussion über die Zukunft Russlands. Wie lange wird Putin noch auf dem Thron bleiben? Was macht die Opposition? Welche Rolle spielt die Jugend? Diese und viele andere Fragen kamen zur Sprache.

Sergei Balujew, Chefredaktor des Petersburger Stadtmagazins „Gorod“ und sein Stellvertreter Anton Muchin begannen ihre Diskussion im Salon des frisch renovierten Journalisten Hauses mit eine Portion Galgenhumor. Ihr Lieblingsthema sei die Frage, wer zuerst von der Kreml-Zensur verboten würde – der kritische Radiosender „Echo Moskwy“ oder Facebook, meinte Sergei Balujew schmunzelnd und leitete gleich zum Ausgangspunkt der Diskussion über: Russland nach drei Jahren Sanktionen, massivem Druck von aussen aber auch von innen ausgesetzt.

Alle hätten erwartet, dass etwas geschehe, aber es sei nichts passiert. Im Gegenteil, alles gehe stur weiter wie bisher, und diese Voraussehbarkeit fast nicht auszuhalten. Balujew zitierte José Ortegas „Aufbau und Zerfall einer Nation“ und verglich die momentane Situation in Russland mit dem Franco-Regime in Spanien. Wie nach dem Abgang Francos in den Siebzigerjahren, sei es ungewiss, was nach Putin komme, auch wenn dieser noch einmal an den Wahlen teilnehme.

Gibt es ein Russland ohne Putin?

Muchin verglich die momentane Situation mit jener der Neunzigerjahre als man im Gegensatz zu heute eine politische Vision gehabt habe: eine Demokratie nach westlichem Vorbild. In einem politischen Vakuum wie jetzt, könne eine Gesellschaft nicht lange leben, meinte er. Heute werde Russland von vielen mit Putin gleichgesetzt – wie aber ein Russland ohne Putin aussehen würde, sei unklar.

Doch trotz dieser Unklarheit äusserten beide Hoffnung. Balujew setzt auf jenes Russland, das sich ganz unabhängig von der Regierung selber organisiert und am Leben erhält, weil es „von oben“ ganz einfach nichts zu erwarten hat. Selbst die Grossmutter, die tagelang vor dem Fernseher sitzt und den kremltreuen ersten Kanal schau, wisse, dass etwas nicht stimme, behauptete er. Sie stimme nur für dieses System, weil sie Angst habe, dass andernfalls alles zusammenbreche.

Erstaunliche politische Reife der Jugend

Sowohl Balujew wie auch Muchin setzen auf die Jugend. Wie sich bei einer soziologischen Befragung nach den Antikorruptionsprotesten im März, herausstellte, denken die vielen jungen Menschen, die daran teilnahmen, erstaunlich selbstständig. Die Jugendlichen hätten keine Angst, auf die Strasse zu gehen und hätten sich als erstaunlich reif erwiesen, so Muchin.

Ausserdem glaubt Balujew an ungewöhnliche Möglichkeiten, die russische Gesellschaft zu verändern. Als Beispiel nannte er die Polizeireform in Georgien, welche sich als effizientes Mittel im Kampf gegen Korruption erwiesen habe. Dies sei durch eine mehrfache Rotation des Polizeipersonals möglich geworden. Dadurch sei der Mitarbeiter-Bestand mit Leuten aufgefrischt worden, wodurch sich auf die Arbeitsmoral geändert habe. Etwas Ähnliches hätte er auch von Putin erwartet – dieser habe jedoch trotz aller Möglichkeiten keine ernsthafte Reformen durchgeführt.

Auch sein Glaube in die Reformkraft der russischen Kirche sei enttäuscht worden, meinte Balujew. Statt sich jedoch gesellschaftlich zu engagieren, habe sie sich jedoch in eine Art Staatsunternehmen verwandelt -„RosZerkow“. Doch trotz aller Enttäuschungen gab man sich optimistisch: „Wir gehen grossen Veränderungen entgegen, und alle sind dazu bereit“ – so lautete das Schlusswort.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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