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Petersbürgerin Vera Dorn – Mutter der Talente

Von   /  21. Februar 2011  /  4 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Eigentlich ist die Deutsche Vera Dorn Vollzeitmutter dreier Kinder – aber wo andere längst ausgebucht wären, findet sie noch Power für Musik, Fotografie und Schreiben. In allen drei Dingen ist sie ziemlich gut und hat bereits Dinge verwirklicht, von denen viele ein Leben lang bloss träumen.


Wir sitzen in der Küche und unterhalten uns ganz ruhig – das, obschon drei fidele kleine Mädchen in der Wohnung spielen und ihrer Mutter die entsprechende Aufmerksamkeit abverlangen. Uliana bringt ihre Puppen-Ladenkasse an den Tisch, das Laufband will nicht mehr. Dann kommt Nina – sie will bei uns sein, klettert auf den Stuhl, hört eine Weile zu, will dann etwas essen und zieht schliesslich mit zwei „Suschki“ (Kekse) für sich und ihre Schwester von dannen. Vera erzählt, versorgt die Mädchen, schmeisst dazwischen Pelmeni in das kochende Wasser…

Heimweh nach Russland

Natürlich lässt sich keine Familie „mit links“ versorgen, das ist harte Arbeit, so oder so. Aber Vera scheint es leichter zu fallen als anderen Müttern – sie macht es eben einfach so. Ihre Familie mit dem Fotografen Igor ist die Fortsetzung ihres unerklärlichen Russland-Schicksals, das 1990 in Ingolstadt begann.

Mit einer der ersten Schüleraustausch-Programme ihres neusprachlichen Gymnasiums kam sie damals nach Russland in eine russische Familie – erstaunlicherweise packte sie das Heimweh aber nicht während, sondern nach dem Aufenthalt. „Ich habe gelitten und wollte zurück“, erzählt sie. Dem ersten Aufenthalt folgte ein zweiter mit dem Jugendkammerchor, und die eingeschlagene Richtung hält sie auch nach dem Abitur bei als sie sich in Erlangen für die Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin mit Russisch und Englisch einschreibt.

Russisch: „Manchmal hab ich gedacht, ich lerne es nie“

Wie die meisten Russisch-Schüler beisst sie erst einmal auf Granit und merkt wie schwierig die Sprache im Gegensatz zum Englisch ist. „Manchmal hab ich gedacht, ich lerne es nie“, erinnert sie sich an ihr Studium. Und doch beisst sie sich durch und kommt 1998 für fünf Monate nach Petersburg – diesmal bleibt sie wirklich hängen.

„Beim ersten Besuch in der russischen Banja habe ich gleich etwa ein Dutzend Leute kennen gelernt – unter ihnen war auch André Zgraggen, mein zukünftiger Chef.“ Er hatte die junge Schweizer Firma Novavox in Petersburg aufgebaut. Für das von ihr entwickelte Computerprogramm waren Sprachaufnahmen auf Deutsch nötig, und so kam Dorn dazu – erst für die Aufnahmen und bald darauf schon als Übersetzerin.

Fanatische Saxophonistin

Als nach vier Monaten ihre Mutter anreist, spürt die Ausreisserin immer noch kein Heimweh. Im Gegenteil – erst ihre Abschlussprüfung und das abgelaufene Visum zwingen sie zurück nach Deutschland, von wo sie so schnell wie möglich wieder „nach Hause“ reist.

Während der folgenden Jahre taucht sie tief ins kreative und chaotische Leben der Russen ein und entfaltet dabei all ihre Talente. Da ist die Musik – als fanatische Saxophonistin klinkt sie sich bei russischen Bands, wie „Notschnie Snaipery“ („Nächtliche Scharfschützen“) oder „Babsley“ („Baba“ bedeutet russisch „Weib“) , die international bekannt werden. Später spielt sie bei der „Akademia Tischiny“ („Akademie der Stille“) mit und gründete sogar ein „Vera Dorn Trio“.

Die Kehrseite des russischen Lebens kennengelernt

Dorn geht auf Tournee, tritt an Konzerten und Happenings in Russland, Deutschland und Finnland auf – ihre Leidenschaft und ihr Improvisationstalent begeistern Publikum und MusikerInnen. Ein Höhepunkt sind die gemeinsamen Auftritte mit Nikolai Rubanow, dem Saxophonisten der bekannten Petersburger Gruppe „Aukzion“. „An einem Abend spielten wir zusammen bis ich mir die Lippen blutig gebissen hatte“, erzählt sie lachend.

So lernt sie viel Schönes kennen, aber auch viel Rauhes und Hässliches – zum Beispiel den (fast) allgegenwärtigen Alkohol und die russische Schimpfsprache „Mat“. Mit der Zeit spürte sie, dass sie genug von der Musikszene bekommt. „Ich fühlte mich oft als Zugpferd, ohne meine Kraft und Kreativität lief nichts in den Bands, in denen ich spielte“, meint sie. „Laisser-Faire“- Mentalität und Unzuverlässigkeit nagen an ihrer Begeisterung.

Ein Buch voller Bilder und Texte über das Leben in Petersburg

Nun braucht die Familie diese Kraft – Vera geht mit den Kindern ins Schwimmbad, in die Sauna und in die Kindersportgruppe „Detskie Lubki“. Um Vera ist es ein bisschen ruhiger geworden – doch, was heisst hier schon „ruhig“ – nach wie vor übersetzt sie und unterrichtet sie Deutsch. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt sie Saxophon und Kamera in die Hand. Wer wissen will, was in diesem „Tausendsassa“ steckt, kann sich in ihrem schönen Buch „Mit offenen Augen“ voller lebendiger Texte, Gedichte und Schwarzweissfotografien zum Petersburger Leben schlau machen, das sie 2000 auf eigene Faust herausgegeben hat.

Bild: Vera Dorn

Wer sich für Vera Dorns Buch „Mit offenen Augen“ interessiert, kann sich an die Herold-Redaktion wenden.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

4 Kommentare

  1. Katharina sagt:

    Liebe Vera,
    es tut mir sehr leid, dass du uns nun nicht mehr wie vereinbart durch St. Petersburg führen kannst. Wir müssen es ohne dich schaffen. Leb wohl.

  2. eva sagt:

    Vera Dorn ist am 8. Januar 2014 völlig unerwartet und im jungen Alter in Moskau gestorben.
    Unser herzliches Beileid
    Die Redaktion SPB-Herold

  3. Micha duboff sagt:

    Ich habe Vera von einige Monaten kennengelernt und fand ihre Geschichte als Spiegel von meine.

    Ich habe alles umgekehrt gemacht, 1994 aus Sankt-Petersburg nach umgewandelt, habe eine deutsche verheiratet und wir haben 2 gemeinsames Kinder 13 und 11 Jahre alt.

    Ich finde, dass Vera sehr mutige Frau, die unbeachtet Alltag Problemen in Sankt-Petersburg und restlicher Russland, bleibt sehr optimistisch und immer gut gelaunt!

    Es ist sehr schwer dort zu machen!

    Für meine deutsche Frau und unsere Kinder, jeder kurze Besuch bei meine Mutter ( ein mal pro 2 jahren) ist sehr Anstrengen und wir alle nur warten jedes mal auf Heimweg. Es ist mein Heimstadt und fühle mich dort sehr wohl…so weit das Geld ausreichend und man bleibt gesund. Sonst…es ist nicht mehr so lustig.

    Sorry for broken german

    Your sincerely
    Micha Duboff

  4. thomas braun sagt:

    ich habe Vera vor jahren persönlich kennen und schätzen gelernt. noch immer haben wir kontakt, zwar nur lose und sporadisch aber ich schätze sie sehr.
    vielleicht habe ich irgendwann einmal wieder das vergnügen Vera persönlich gegenüber zu stehen .. es würde mcih freuen

    grüße aus regensburg
    thomas

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