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Petersbürgerin Ursula Mauric: “Ich fühle mich wohl in der Fremde”

Von   /  12. April 2011  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Nach 15 Jahren als Lehrerin, Lektorin und Bildungsbeauftragte in St. Petersburg hat sich die Steirerin Ursula Mauric zu einem mutigen Schritt entschlossen: Sie steigt auf den Tourismus um und eröffnet ein Mini-Hotel im Stadtzentrum.


Ihr Familienname könnte für das stehen, was einmal Österreich war – die österreichisch-ungarische Monarchie und damit Slowenien, woher ihre Vorfahren stammen. Von dort wanderte ihr Grossvater 1917 nach Deutschösterreich aus. Aber im Gegensatz zu vielen anderen, die damals ihre slawische Herkunft durch das Eindeutschen ihres Geschlechts zu vertuschen versuchten, hiess er weiterhin Mauric und nicht etwa “Mauritsch”.

Dieses Detail verrät die Widerspenstigkeit und Eigenwilligkeit des Eisenbahners, Gewerkschafters und Schutzbündlers Mauric, der trotz Nationalsozialismus und Krieg seinen Charakter bewahrt und an seine Enkelin weitergegeben hat. Wer Ursula Mauric ins Gesicht schaut, spürt neben Offenheit, Gutmütigkeit und Sinn für Humor sehr viel Eigensinn – den Willen, einen eigenen Weg zu gehen.

Proletarierfamilie im katholischen Dorf

Mauric beschreibt ihre Kindheit als zwiespältige Existenz einer Proletarierfamilie im zentralösterreichischen Dorf Unterburg in der Nähe von Schladming, wo der konservative Geist der Volkspartei herrschte. “Meine Mutter ging mit uns in die Kirche und in die Vereine”, erzählt sie. “Der Vater war Automechaniker und reparierte sämtliche Wagen im Dorf – dadurch wurden wir akzeptiert. Oft wurde seine Arbeit in Naturalien bezahlt, so bekam er manchmal ein Stück Speck statt Geld als Lohn.”

Maurics Traum war, Kunst zu studieren, doch war es damals nicht üblich, dass ein Mädchen aus einfacher Familie eine Hochschule besucht. “Eigentllich sollte ich Sekretärin werden, aber meine Eltern erlaubten mir, die Uni “anzuschauen” – dabei blieb es dann”, meint sie schmunzelnd. “Ich wollte etwas studieren, was nicht jeder tut, und wählte darum zum Französisch das Russisch – ich habe es nie bereut!”

Russisch-Boom in der „Perestroika-Zeit“

Russisch, früher ein Aussenseiterfach, erlebt Ende der Achtzigerjahre während der “Perestroika”-Politik Gorbatschows einen Boom. “Anfangs war der Hörsaal total überfüllt mit Studenten – aber schon nach wenigen Wochen war bei den meisten die Begeisterung für diese schwierige Sprache verflogen, und wir waren eine kleine Gruppe”, erzählt Mauric.

Mit dem konservativen Salzburg, wo sie am Mozarteum studiert, hat sie ihre Mühe. “Es war eine schwierige Stadt für junge Menschen, denn es gab fast kein Freizeitangebot.” Auch ihr Hauptfach Französisch liegt ihr nicht – “Das Französisch ging mir auf die Nerven – in den Seminaren sassen lauter Töchter aus gutbürgerlichen Familien.

Weg aus den Bergen, weg aus dem Schatten

Da ist Graz schon ganz was anderes – dort macht die junge Lehrerin nach dem Studium ihr Schulpraktikum. Ihre Russisch-Lehrerin hat sie ins Herz geschlossen – die “Russen” in der Schule rauchen und fühlen sich als kleine Familie, Graz wird neben Wien ihre Lieblingsstadt in Österreich. Aber Lehrerin möchte sie in ihrer Heimat nicht werden – sie will ins Ausland. “Ich bin der Enge der Berge davongelaufen. Wir sind wahrscheinlich alle vor etwas davon gelaufen – so wie mein Vater, der aus dem schattigen Tal weg wollte, in dem er geboren wurde”, beschreibt sie ihre Gefühle.

Obschon während ihr erster Russland-Aufenthalt in Irkutsk zu einem Albtraum wird, weil ihre Studienkollegin schwer erkrankt, will sie wieder nach Russland und organisiert sich dort 1994 auf eigene Faust zwei Lehrerstellen – “Ich wählte Petersburg, weil es so angenehm nahe an der Grenze liegt.” Am Polytechnikum und an der Privatuni für Fremdsprachen unterrichtet sie Deutsch als Fremdsprache. 1995 erhält sie eine Lektorenstelle – bis 1999 ist sie für das Goethe-Institut, Kulturkontakt und die Österreichische Botschaft tätig und organisierte Bildungs- und Kulturveranstaltungen.

Kurz vor der Abreise verliebt sie sich

1999 reist sie um ein Haar als Sprachassistentin nach Paris ab – aber da verliebte sie sich in ihren jetzigen Mann Valerij. “Ich ging dann trotzdem für ein Jahr nach Paris, aber sämtliche Ferien verbrachte ich in Petersburg mit Valerij”, erzählt sie und muss lachen. 2002 erhält sie eine Stelle als Beauftragte für Bildungskooperation des Österreichischen Unterrichtsministeriums in Petersburg.

In dieser Position beschäftigt sie sich vor allem mit Fortbildungsprogrammen für russische Lehrerinnen und Schulmanagement. “Besonders interessieren mich die Themen Schule und Migration und die Integration von Einwanderern in Russland”, erklärt sie. “Diese Fragen sind in Russland bis heute praktisch völlig den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern überlassen.”

Menschen, statt Systeme

Wie in allen staatlichen russischen Organisationen sind unklare Kompetenzen und Verantwortung ein grosses Problem. “Hier kam ich zum Schluss: Ich glaube nicht an Systeme, ich glaube nur an Menschen”, zieht sie Bilanz. Mauric tut es leid, dass sie ihren Posten verlassen muss – gerne hätte sie die weitere Entwicklung in den Schulen und im städtischen Bildungskommittee verfolgt. Aber nach zwei Perioden kann sie nicht mehr verlängern und muss sich eine neue Perspektive suchen.

Das ist nicht einfach, denn zurück nach Österreich will Mauric nicht. “Ich fühle mich wohl in der Fremde – in Österreich brauche immer ein paar Tage, um mich umzugewöhnen” erklärt sie. Dann taucht die Idee auf, ihre Wohnung im Stadtzentrum zu einem Minihotel umzubauen und auf den Tourismus umzusteigen. “Noch vor einem halben Jahr hat mich diese Perspektive erschreckt, aber mittlerweile ist vieles geschehen, und ich mache bereits Werbung für Petersburg bei Freunden und Bekannten.”

Neue Perspektive: Sprachkurse und B&B in St. Petersburg

Nun ist alles bereit zum Start in die erste Saison – doch neben “Bed and Breakfast” will Mauric ihr Know-How als Lehrerin nutzen. Sie wird Russisch-Kurse für spezielle Berufsgruppen organisieren, so zum Beispiel für Ausländer, die sich auf die Arbeit im Bereich Gastronomie in Russland vorbereiten. Daneben möchte sie Exkursionen und Führungen abseits der ausgetrampelten Touri-Pfade zwischen Eremitage und Blutskirche organisieren.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Webseite zum Minihotel von Ursula Mauric: www.akita.far.ru

Webseite zum Kursangebot für Russisch in Russland: www.russisch-russland.com

>>> Weitere „Petersbürgerinnen“ und „Petersbürger“ finden Sie hier

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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