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Petersbürger: Stark gefragt. Pfarrer sein in Petersburg

Von   /  8. August 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Pfarrer Richard Stark kämpft in Petersburg für den Wiederaufbau einer katholischen Kirche. Einen Teil des Geländes hat er diesen Sommer zurück erhalten. Wasser, Strom, Kanalisation und Gas gibt es aber immer noch nicht. Doch trotz aller weltlicher Unbill gibt der starke Geistliche nicht auf (Fotogalerie).

Kirche mit Holzofen und Dixiklo

An der Mineralnaya Ulitsa reihen sich Parkplätzen und Plattenbauten, die größte Fläche nimmt eine Alkoholfirma ein. Alle Grundstücksparzellen sind von ziegelverstärkten Holzzäunen umfasst. Kommt man durch einen dieser Zäune auf das Grundstück der Kirche Maria Heimsuchung ist es – wie eine Oase. Zugegeben, der Zufahrtsweg ist holprig, der Anstrich der Kirche verblichen.

Vor allem fehlt dem Turm die Spitze, er trägt eher eine Zackenkrone. Dennoch, man blickt auf eine grazile Kreuzkirche mit schlankem neogotischem Hauptschiff und spitzbogigem Querschiff. Vom Turm bleibt der zierliche Hals. Das Rotbraun-Beige des Anstrichs erinnert zusammen mit dem Grün des Hofs an eine Landkirche. Auf der einen Seite der Kirche steht eine Gartenschaukel, auf der anderen – ein Dixiklo.

Der Putz blättert ab

Der Maria Heimsuchungs-Kirche fehlen nicht nur richtige Toiletten, sie ist auch sonst in verwittertem Zustand. Tritt man durch das Portal, von dessen Torbogen rotbrauner Putz blättert, fühlt man sich, als wäre man gerade in eine Art Kalkgrotte getreten: der weiß-grau marmorierte Putz im Vestibül hat sich in großen Stücken abgelöst und die Ziegelsubstanz darunter entdeckt. Der momentane Messraum befindet sich im eigentlichen Seitenschiff:ein provisorischer Altar umringt von Plastikstühlen.

An den Wänden hängen alte Fotografien. Eine zeigt ein zierliche weiße Kirche mit Spitzturm auf weißem Vorplatz: das ist die Kirche Maria Heimsuchung wie sie ursprünglich aussah, nach ihrer Erbauung 1859. Auch auf dem Bild daneben ist sie abgebildet, darauf erscheint sie aber wie ein weißes Schiff in einem Menschenmeer. Die Aufnahme stammt von der letzten Fronleichnamsprozession, die 1917 hier stattfand, bevor die Kirche an die Sowjets fiel.

Während der Sowjetzeit als Lagerhalle und Werkstatt benutzt

Ihnen diente sie zuerst als Lagerhalle, anschließend als Werkstatt. Die dritte Fotografie zeigt ein Chaos von Leitern, Holzplanken,Gerüsten – die Kirche, wie sie 2002 wieder der Gemeinde übergeben wurde. Ein letztes Bild ist kein Foto, sondern ein Modell. Es zeigt wieder einen jungfräulich weißen Bau, mit Turmspitze und weißem Vorplatz. So möchte Richard Stark die Kirche gerne wieder aufbauen.

Richard Stark, das ist der Pfarrer der Kirche, der alles erklärt. Der ältere Herr mit weißem Haar, aber energischer Statur, wachen blauen Augen und taxierendem Lächeln, kommt aus Deutschland, dient aber als Mitglied der Steyler Missionare im Ausland. Er trägt eine praktische Regenjacke und Take it easy Tasche und redet schnell, springt von Thema zu Thema, fast nervös, so viel will er erzählen.

Messe bei Holzofenwärme

Immer noch gäbe es in der Kirche keinen Strom, sagt er, kein Licht, kein Gas, kein Wasser. Keine Heizung. Stellen Sie sich mal vor, sagt er, im Winter hat es im Kirchenschiff -20 Grad, das ist keine Temperatur für Gottesdienste. Und er führt in den Nebenraum, in den im Winter die Messe umzieht. Er ist etwa 15m² groß, zitronengelb gestrichen, nur ein Jesusbild und ein Holzkreuz erinnern an eine Kirche.

Stark hat in diesem Raum mit seinem slovakischen Kaplan einen Holzofen eingebaut, inklusive selbstgebauten Abzugsrohr, das sich durch das Zimmer winkelt. Daneben ein Waschbecken mit Wasserspeicher. Stark fasst alles prüfend an, während er erklärt. In einer Ecke steht ein Haufen Wasserkanister, damit tragen sie das Wasser vom Nachbarn rüber.

Das Improvisieren aus Afrika gewohnt

Für Stark sind solche Probleme nichts Neues. Bevor er nach Petersburg kam, war er 28 Jahre lang im Kongo tätig. Dort hat er nicht nur Messen gelesen, sondern auch Brücken gebaut, eine Ebola-Epidemie bekämpft, und die Einwohner, die dort gar keinen Strom hatten, mit Solarlampen versorgt.

Seine Petersburger Gemeinde ist an solche Zustände weniger gewöhnt. Den 270 Familien der Gemeinde hat Stark selbst geraten, vorerst lieber auf eine andere Kirche auszuweichen. Manchmal, sagt er, schauten sich Deutsche um, die ihr Kind gern von einem deutschen Pfarrer taufen lassen würden. Nach einem kleinen Rundgang durch die Kirche kämen sie sich entschuldigen: das könnten sie ihrem Kind nicht antun. Die einzigen Gläubigen, die unbeirrt in seine Messe kommen, sind die indischen und afrikanischen Studenten, die seine Messe nicht nur hören, sondern singen und tanzen. “Tam ta ta tam” Stark ahmt glücklich ihren Gesang und Tanz nach.

Kirche ohne Turmspitze

Die Kirche liegt auf der Vyborger Seite von Petersburg. das ist die Seite nördlich der Neva, abseits vom Zentrum. Eigentlich, sagt Stark, müsste man die Kirchturmspitze von der Neva aus sehen – aber die Kirche hat ja seit 1945 keine Turmspitze mehr. Für die Erneuerung der Turmspitze wurde Stark bisher die Genehmigung verwehrt. Also muss man sich, um sie zu finden, erst auf die Vyborger Seite verirren. Als die Kirche gebaut wurde, war das noch ein ländlicher Stadtteil. Heute ist er, abgesehen von ein paar Wohnhausreihen am Ufer, vorwiegend industriell geprägt.

Die Kirche steht abseits vom Zentrum, weil sie ursprünglich eine Friedhofskirche war. Etwa zehn Hektar Friedhof gehörten dazu, der größte katholische Friedhof der Stadt. Ein großer Teil des Friedhofs liegt jetzt unter den Schloten der Alkoholfabrik. Einen kleinen Teil aber hat die Gemeinde in den letzten Wochen zur freien Verfügung zurückerhalten: 9.762 Quadratmeter. “Das hier ist das Gebiet, das wir jetzt bekommen haben”, sagt Stark und zeigt stolz auf die Parkplätze. Erst als er es erwähnt, fällt einem auf, dass zwei kleine Steinbauten, die auf den ersten Blick Schuppen ähneln, frühere Kapellen sind. Hinter den Autos im Gras lehnt auch ein früheres Friedhofsportal.

Strom und Wasser in Aussicht – dank neuem Grundstück

“Dass wir jetzt das Grundstück bekommen haben, war vor allem deshalb so wichtig, weil wir sonst nie an Strom und Wasser kommen würden”, erklärt Stark. Der Gemeinde war im Jahr 2004 zwar der Kirchenbau übergeben worden war, aber nicht der Boden darunter. Erst jetzt könne man den Boden ausheben und die Strom- und Wasserleitungen darunter suchen.

Neben der technischen Versorgung will Stark auf dem Grundstück auch wieder ein Pfarrhaus errichten, dazu  Denkmäler für die Stalin- und Blockadeopfer und einen Urnenfriedhof als Ersatz für die früheren Gräber. In seiner Vorstellung sieht er die Kirche schon als Pilgerstätte für ganz Russland, mit tiptopp glänzender Krypta und Unterkunft für alle. Ob das wirklich funktionieren wird, ist aber noch unklar, sagt Stark, der extra einen Anwalt engagiert, um das herauszufinden.

In der Krypta modert es

Neben der russischen Bürokratie ist vor allem das Geld das Problem. Für die Renovation ist kaum Geld aufzutreiben, trotz der Zustände. Die werden einem klar, als Stark in die Krypta hinunter führt. In dem leeren, verfärbten Gewölbe riecht es nach dem Brennholz, das sich unter der Treppe stapelt, und nach moderiger Erde. Stark erklärt, hier “schwämmen” die früheren Pfarrer, die Seligen der Kirche und der Architekt Nicolas Benoît.

Der Boden ist gerade nach dem Winter völlig durchnässt, die Fliesen schwarz. Selbst könne er die Drainage nicht bezahlen,sagt Stark, die nötig sei, um die Gruften zu trocknen. Die Totenköpfe und Knochen, die er gefunden hat, hebt er vorerst in einem Schrank auf, bis er sie wieder ordentlich bestatten kann.

“Machen se ma!”

Das lichte Gegenstück zur Krypta ist Starks eigenes Büro. Über dem kleinen Turmzimmer entfaltet sich ein Sterngewölbe, von allen Seiten dringt Licht in das Zimmer. Nur eben keine Toiletten, kein Wasser, kein Strom. Sonst würde Stark am Liebsten hier wohnen. Sein slowakischer Dekan wohnt jetzt schon im Zimmer darüber, aber Stark muss seit einer Herzoperation ein bisschen auf sich aufpassen. Deshalb teilt er sich vorerst mit katholischen Seminaristen eine Wohnung im Zentrum.

Während er erzählt, bewegen sich Starks Hände auseinander und wieder zusammen, flach geöffnet, mit gespreizten Fingern, betont offen. Ursprünglich aus Mettingen, hört immer noch seinen westphälischen Akzent, “machen se ma” sagt er, “und wat noch alles”.

Pfarrer Stark – der Troubleshooter für alle Fälle

Überhaupt überrascht es, dass Stark sich nach vierzig Jahren im Ausland auf Deutsch so sicher und natürlich ausdrückt. Neben Deutsch predigt er auch auf Französisch, Englisch und Russisch. Manchmal wenn er redet zitiert er Leute auf Russisch, “opasna, opasna”, “poblizhe”, und streut edle französische Wörter ein, “unser Bijou”. Als Theologiestudent hat er Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt, im Kongo dann, wieder ganz anders, auch Kikongo, die dortige Umgangssprache. Russisch hat er in einem halben Jahr ganz von vorn gelernt. Da war er schon ein älterer Herr. Dabei ist er seiner eigenen Aussage nach nicht gerade sprachbegabt.

Zur Wohnung fährt Stark mit einem alten Kleinbus zurück, der 250.000km auf dem Buckel hat. Er fährt zügig und wendet abrupt, auch wenn es schwer ist, sich mit dem sperrigen Fahrzeug durch die engen und verkeilten Straßen Petersburgs zu manövrieren. In Afrika habe er auch so einen Kleinbus gehabt, erklärt Stark. Trotzdem schimpft er auf die russischen Autofahrer, die den Weg verstellen, mitten auf der Kreuzung halten oder kurz vor einer Ampel parken. Wenn er sich in Russland ins Auto setzt, sagt er, spricht er immer erstmal ein Gebet. Während der Fahrt bezeichnet er die unbedachten Autofahrer allerdings auch mal als “blöde Hunde”.

Über die Kirche in die Entwicklungshilfe

Während er um die Straßenecken biegt, erzählt er seinen Lebensweg. Eigentlich habe er nach der neunten Klasse die Schule beendet und drei Jahre lang eine Kaufmannslehre gemacht. Dann habe er sich aber entschieden, dass er doch kein Geschäft übernehmen wolle. Am liebsten wollte er in die Entwicklungsarbeit. Aber als was willste denn da arbeiten, habe man ihn gefragt. Als Pädagoge oder so, das habe er unprofessionell gefunden. Also habe er halt in den sauren Apfel gebissen. Das Gymnasium fertiggemacht, studiert, und dann Pfarrer geworden. Mit dem Heiraten sei’s dann halt nichts mehr gewesen.

Stark erreicht die Wohnung am Gribojedov-Kanal, die Stark für sich und die Seminaristen vorläufig gekauft hat. Im karg eingerichteten Wohnzimmer liegen dort zwei Objekte auf dem Tisch. Eines davon ist ein kleines bordeauxrotes Gerät, das wie eine kleine Taschenlampe aussieht. Es ist eine der Solarlampen, die Stark für den Kongo entdeckt hat. Dazu gehört eine Solarzelle zum Aufladen in der Größe eines I-Pads. Gerade hat er wieder eine Ladung der Geräte nach Afrika geschickt.

Solarlampe und Bundesverdienstkreuz

Das andere Objekt ist eine kleines schwarzes Kästchen. Öffnet man es, findet man darin ein rotes Kreuz, in der gleichen Farbe wie die Solarlampe – ein Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Es wurde Stark 2009 verliehen, für seinen Einsatz in Afrika, aber auch für seine Bemühungen um die Versöhnung der katholischen und orthodoxen Kirche.

Abgesehen von dem Kreuz, merkt Stark an, beschränken sich die Gaben aus Berlin allerdings auf 380 Euro Rente im Monat. Das reiche für den Wiederaufbau der Kirche nicht. Und ja, deutsche Stiftungen gäbe es schon einige. Aber es sei schwer, von denen Hilfe zu bekommen. Denn die Deutschen wollten ja immer genau wissen, wieviel was koste, und das könne man in Russland nie so genau sagen. Daher hat Stark jetzt selbst eine Stiftung gegründet, um den Aufbau seiner Kirche anzukurbeln.

Respektiert als Mann der Tat

Respekt vor diesem praktisch gesinnten Geistlichen haben auch seine Petersburger Kollegen. “Er ist ein Mann, der sich nach einem langen bewegten Leben so ein Ziel vorgenommen hat, wo er trotz aussichtsloser Perspektiven und ungeklärter Fragen nicht aufgibt und weiter für dieses Gebäude kämpft, was einfach bewundernswert ist”, sagte Matthias Zieroldt, evangelischer Pfarrer in Petersburg.

Stark, der sagt, er werde nach Deutschland zurückgehen, wenn er einmal alt sei”, interessiert sich aber nicht nur für Kirchen und Geld. Seine Rede springt von Nicolas Benoît zu Peter Ustinov, von Mario Monti zu Angela Merkel, vom Kongo nach Berlin. Und er redet von Frauen. Nicht von leiblichen natürlich, nur von christlichen Idealen. Wie von der Boleslava Ljament, der Seligen seiner Kirche. Oder der Gottesmutter von Philermon, seiner Liebelingsikone.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

Dossier:

Autorin: Luisa Schulz, geboren in München, macht ab September 2012 den Abschluss „Licence Philosophie-Lettres“ in Paris.

Journalistisch tätig für: Sankt Petersburger Herold, The St. Petersburg Times. Schreibt, weil sie am Journalismus der Versuch, Menschen zu verstehen und sie anderen verständlich zu machen, fasziniert.

War erstaunt als Herr Stark ihr während einer gemeinsamen Autofahrt plötzlich erzählte, dass er gar nicht wirklich Pfarrer hatte werden wollen, sondern das nur gemacht hatte, um Entwicklungshelfer zu werden. „Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, warum dieser Mensch gerade Pfarrer geworden war, aber ich hätte nicht gedacht, dass er so offen darüber reden würde.“

Die Publikation ist entstanden im Rahmen der ifa-Reportagewerkstatt „Deutsche Spuren in St. Petersburg“.  Das Projekt wurde finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amts.
www.ifa.de

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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