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Marc Lauber von der Band Zorge: „Nur in Russland kann ich von der Musik leben“

Von   /  27. Juli 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Heute Abend um 20 Uhr spielt im Club Zoccolo die Petersburger Band Zorge. Das Alternative Rock Kollektiv gehört zu den bekanntesten Bands der Stadt. Der Schlagzeuger, Marc Oliver Lauber, kommt aus dem Allgäu. Ein Porträt.

Aus den Fenstern des Cafés hat man einen Blick auf die Kreuzung der Gorochovaya- mit der Sadovaya-Straße. „Eigentlich lebe ich hier auf einem winzigen Dreieck“, sagt Marc Oliver Lauber. „Rechts auf dem Spasskij Pereulok wohne ich, links auf der Sadovaya probe ich, und hier um die Ecke auf der Gorochovaya ist meine Lieblingsbar. Aber auch da geh ich kaum hin, denn ich übe fast die ganze Zeit.“

Der Schlagzeuger trägt einen Dreitagebart, eine schwarzer Hornbrille und dunkelblonde Haaren bis übers Kinn, dazu „ein deutsches Käsegesicht“, wie er selbstironisch sagt. Dem Gesicht nach könnte er auch ein Computerfreak sein, aber dafür sitzt er zu locker da und redet zu offen. Marc Lauber ist Schlagzeuger. Und er kommt aus dem Allgäu. Vor seinem Umzug nach St. Petersburg hat er in München, lange in Köln und ein bisschen in Berlin gelebt. Wirklich gefallen hat es ihm in keiner dieser Städte.

Deutsches Debüt bei russischen Bands

Seit zwei Jahren spielt er jetzt bei Zorge, den Nachfolgern der Kultband aus Piter Tequilajazz. Zorge wurde im September 2010 gegründet, Tequilajazz hatte sich nach 17 Jahren aufgelöst. Die Band spielt eine Fusion von Alternative Rock und Electro, meistens eine relativ gleichmäßige Tonlinie mit detailreichen Variationen. Dazu die glatte Stimme von Evgenij Fjodorov und Texte, die von beunruhigenden Reisen handeln. Lauber kannte die Leute von Tequilajazz bereits über seine frühere Band. Trotzdem durchlief er mit etwa 40 anderen Bewerbern ganz normal die Auditions. Den Platz, sagt er, verdanke er der guten deutschen Schlagzeuger-Ausbildung, aber auch einfach seinem Fleiß.

Laubers Debüt in der russischen Musikszene datiert aber schon auf das Jahr 1995. Damals wohnte er noch in Berlin und schloss sich dort einer Band russischer Emigranten an, den Mean Traitors. Schon damals entdeckte Lauber seine Kongenialität mit den russischen Musikern. In den Folgejahren gingen sie ein paarmal in Russland auf Tour, und allmählich formte sich bei Lauber der Wunsch, im Herkunftsland seiner Bandkollegen mal etwas mehr Zeit zu verbringen. Dieser Wunsch wurde wahr, als er sich in eine Russin verliebte. Die Hochzeit ermöglichte im Jahr 2005 den Umzug nach Petersburg.

„Was mein Nachbar am Telefon sagt, will ich gar nicht wissen

Interessanter Weise hat Lauber in siebzehn Jahren enger Beziehungen zu Russen nie wirklich Russisch gelernt. Mit seiner Frau hat er vor allem Englisch gesprochen, mit der Band jetzt auch. Dafür hat sich Lauber bewusst entschieden. Er habe sich diesen Luxus geleistet, gar nicht immer alles verstehen zu wollen, was die Leute um ihn herum sagten. Die Russen hingen ja ständig am Telefon, die seien so richtige Informationjunkies. Was sein Nachbar irgendwem am Telefon sagt, will Lauber lieber gar nicht wissen. Das stimmt mit seiner allgemeiner Lebenseinstellung überein, sich aufs Wesentliche zu beschränken. Das Wesentliche, versteht sich, das ist die Musik.

Mit seiner Frau und deren Tochter wohnte Lauber zunächst in der Kommunalka, wo sie sich ein Zimmer teilten. Komfortabel wie in Deutschland war das natürlich nicht, aber er habe es ja so gewollt. So wohne man halt in Petersburg, wo die Mietpreise ja sonst so hoch seien wie in München. Aufgewogen haben das die intensiven Freundschaften, die er hier fand, sowie die harmonische Beziehung zu den Bandmitgliedern, vor allem zu Sänger Evgeni Fjodorov, den er sehr bewundert. Hier in Russland gebe es halt noch so richtige Musiker. In Deutschland habe zwar inzwischen jeder Musik studiert, aber Musiker würde davon keiner.

Musik als Lebensunterhalt – ohne Copyright

Entscheidend ist aber, dass Lauber in Petersburg von der Musik leben kann. In Köln oder Berlin, sagt er, wäre das wohl kaum so. In Deutschland sei es fast unmöglich, von der Musik zu leben. Dort gäbe es nur noch die ganz großen, kommerziell vermarkteten Bands. „Deutschland ist so bumsvoll mit Musik, dass die Leute gar nichts mehr anhören wollen, was sie noch nicht kennen. Hier haben die Leute noch Lust auf Neues.“ In Petersburg könnten natürlich auch nicht alle Bands von der Musik leben, aber immerhin ein paar davon.

Erstaunlich ist das gerade angesichts der Tatsache, dass das Filesharing, das in Deutschland zurzeit so heiß debattiert und dämonisiert wird, in Russland sowieso legal ist. Copyright ist in Russland ein Fremdwort. „Dass keiner unsere Platten kauft, ist uns eh klar“, sagt Lauber. Ihm zufolge ist das Konzept der Platten aber sowieso überholt. Zorge finanziert sich über die vielen Konzerte. Und über Spenden von jungen, liquiden Fans. Die Band hat außerdem eine Internetseite aufgebaut, auf der sie Erzählungen von Evgeni Fjodorov zusammen mit Musikstücken verkauft. Lauber zufolge ist das Filesharing sogar ein Vorteil für junge Bands, die nur dadurch überhaupt bekannt werden können.

Nach Deutschland? Nur auf Urlaub.

Nach dreieinhalb Jahren endete Laubers Ehe, und damit auch seine Aufenthaltsgenehmigung. Nach Deutschland zurück wollte er aber auf keinen Fall. „Ich habe ja hier ein Leben! Die Musik, die Freunde. Und meine Kleidung passt auch nicht mehr in zwei Koffer.“ Die Perspektive Deutschland munterte ihn auch nicht gerade auf. „Nach Deutschland zurück zu müssen war für mich eine Horrorvorstellung. Was hätte ich denn da gemacht? Da hätte ich wieder nur irgendwas gearbeitet, um zu vegetieren, wie die meisten da.“ Vor kurzem hat sich jetzt aber zum Glück ein Lichtblick gefunden, in Gestalt eines Duma-Abgeordneten, mit dem ein Bandmitglied befreundet ist. Als der ins Bild gesetzt wurde, ging plötzlich alles ganz schnell. Jetzt bekommt Lauber ein Fünfjahresvisum.

Nach dem morgigen Konzert reist er trotzdem erstmal für einen Monat nach Deutschland. Zwei Wochen bayerische Berge, dann Köln und Berlin. Ihm graut schon jetzt davor, die alten Bekannten wieder zu treffen. Zu sehen, dass sie sich überhaupt nicht verändert haben, mit ihren unveränderten Problemen konfrontiert zu werden. Diese absurden Probleme, mit denen sie sich so verrückt machten, die Versicherung, das Auto. „Die werden sie dann alle auf mich abladen, damit ich die dann sozusagen mit mir mitnehme.“ Aber einmal im Jahr gehe das schon.

Wie es nach Ablauf des neuen Fünfjahresvisums weitergeht, steht dagegen noch in den Sternen. Zwar wurde Lauber für danach schon die russische Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt. „Aber da wär ich ja bescheuert“, sagt Lauber. Denn in dem Fall müsste er ja seinen deutschen Pass abgeben.

Zorge Sommerkonzert. Heute 27. Juli 2012, 20-23 Uhr, Club Zoccolo, 3. Sovjetskaja Ulitsa, 3, M. Ploschad Vostanya. Eintritt 500 Rub.

 

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