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Kommentar: Petersburger Kosaken – die Vergangenheit bewacht die Gegenwart

Von   /  27. März 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Russland will zurück – irgendwohin zurück in seine Vergangenheit, in der es gleichzeitig seine Zukunft sucht. Die einen wollen den Sozialismus zurück, die andern das Zarenreich, die dritten suchen einen orthodoxen Kirchenstaat, den es nie gegeben hat – Hauptsache: Nicht in der Gegenwart leben.

Eines der Gespenster, das aus seinem Grab der Geschichte auferstanden ist, sind die Kosaken. So wie es in den Neunzigerjahren eine Aristokraten-Hysterie gegeben hatte und jeder Dritte plötzlich eine Tante oder Grossonkel aus der Romanow-Dynastie vorzuweisen hatte – genau so entdecken heute viele den Kosaken in sich.

„Das grösste Problem der Kosaken ist, dass es sie nicht gibt“, sagte kürzlich ihr Petersburger Oberhaupt Boris Almasow in einem Interview. Von den über vier Millionen Kosaken aus dem Süden Russlands, die vor der Revolution existierten, habe nur ein Bruchteil den Genozid des 20. Jahrhunderts überlebt, und diese hätten keinerlei kulturelle und politische Bedeutung mehr, erklärte er.

Trotzdem organisieren sie sich diese inexistenten Kosaken in neuen „Stans“ (Stämmen), und aus dem Nichts tauchen selbsternannte Atamanen (Führer) auf. Ausgerechnet jenes Volk, das in seiner Geschichte mal für, mal gegen die russische Obrigkeit gekämpft hat, das von Zaren und Kommunisten unterworfen, verraten und für das schmutzige Kriegshandwerk benutzt wurde, soll nun für Ruhe und Ordnung in russischen Städten sorgen.

Auch in Petersburg wird eine Zusammenarbeit der Polizei mit Kosaken-Wachverbänden in Erwägung gezogen. Doch die paramilitärischen Kosaken-Trupps wachen schon jetzt. An diversen öffentlichen Veranstaltungen sind die bärtigen Männer in Kosakenmützen und Reithosen zu sehen, die wie entlaufene Statisten aus dem Mariinsky-Theater wirken.

Religiöse Fanatiker haben sich mit ihnen verbrüdert, und zusammen geht man gegen alles vor, was „moralisch verwerflich“, beziehungsweise fortschrittlich ist. So wurde zum Beispiel kürzlich das Petersburger Nabokow-Museum von „Kosaken“ beschmiert und eine Theateraufführung nach dem Roman „Lolita“ zu verhindern gesucht, weil man den Autoren als „Pädophilen“ betrachtet.

Auch gegen die zeitgenössische Ausstellung „Icons“ zu religiösen Themen gingen in Krasnodar und Perm „Gläubige“ und Kosaken vor. Der Kurator Marat Gelman hat bereits um Polizeischutz gebeten, um seine Ausstellung vor einem Kosakenaufmarsch in Petersburg zu schützen.

Die Regierung hingegen unterstützt die „Wiedergeburt der Kosaken“ mit einem Förderprogramm, obschon nicht klar ist, wer die Kosaken eigentlich sind. Offenbar ist das zweitrangig – viel wichtiger ist, dass die Gespenster-Kosaken aus der Vergangenheit die Gegenwart bewachen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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