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Petersbürgerin Irena Bijagowa: „Russisch lernte ich in Armenien“

Von   /  15. März 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die Sprachlehrerin, Koordinatorin und Übersetzerin Irena Bijagowa ist in Litauen aufgewachsen, wo seit jeher ein starkes Nationalbewusstsein herrscht. Trotzdem fühlt sie sich in verschiedenen Kulturen zuhause und hat erfahren, was gelebte Toleranz bedeutet. Die deutsche Sprache hat sie immer begleitet und hat ihr in vieler Hinsicht den Weg durch das Berufsleben gewiesen. Nach vielen Jahren Aufbauarbeit als Verantwortliche für Kulturprojekte am Deutsch-Russischen Begegnungszentrum (DRB) hat sie jetzt noch einmal einen Kurswechsel vollzogen.


Die Tür zu Irena Bijagowas Büro stand immer und für jedermann offen und war ein Symbol für die Offenheit und menschliche Wärme des Deutsch-Russischen Begegnungszentrums, zu dessen Aufbau Bijagowa während mehr als zehn Jahren viel beigetragen hat und immer noch beiträgt.

Stets aktiv und meist gut gelaunt traf man sie an – sogleich wurde der Terminkalender gezückt, und ein angeregtes Gespräch über ein neues Projekt entstand. Nebst ihrer Umgänglichkeit ist Irena eine ausgezeichnete Organisatorin – jemand, der Nägel mit Köpfen macht.

Baltikum war stets europaorientiert

Sie ist in der Sowjetunion aufgewachsen, und obwohl damals der Staat vieles im Leben der Bürger vorbestimmte, verlief ihr Leben alles andere als gradlinig – vor allem in den baltischen Republiken, die sich seit jeher mehr an Europa orientierten als der Rest des riesigen Landes.

Irena Bijagowa wächst in der litauischen Provinzstadt Panevėžys auf, die genau in der Mitte zwischen den beiden Hauptstädten Vilnius und dem lettischen Riga liegt, wo sie oft ihre Schulferien bei Verwandten verbringt und an der sowjetischen Ostsee-Riviera, den Stränden von Jurmala und Dzintars schwimmen geht.

„Per Zufall“ Deutsch gelernt

Es erscheint heute fast unglaublich, dass Irena Bijagowa während ihrer Jugend und Ausbildung kaum ein Wort Russisch spricht. „Es gab schon damals ein sehr starkes Nationalbewusstsein in Litauen“, erzählt sie. „Kaum jemand schickte seine Kinder auf eine russische Schule. Ich selbst habe fast nur litauische Autoren gelesen und sogar die russischen Klassiker waren bei uns auf Litauisch erhältlich. Beim Abschluss meines Germanistikstudiums musste ich nur eine Russisch – Prüfung auf Russisch ablegen.“

Eigentlich ist es dem Zufall zu verdanken, dass sie Deutsch lernt: „Ich wählte in der fünften Klasse Englisch, aber weil der Kurs schon besetzt war, musste ich in die Deutsch-Gruppe. Glücklicherweise hatten wir eine Lehrerin mit deutschen Wurzeln aus Klaipeda (Memel), die sehr lebendig und unkonventionell unterrichtete. Darum schrieb ich mich später an der Universität für Germanistik ein, obwohl meine Eltern wollten, dass ich Medizin studiere. Ich habe diesen Entscheid nie bereut – die Sprache hat mir so viel Interessantes und Schönes im Leben beschert!“

Vom Baltikum auf den Kaukasus

Nach ihrem Studienabschluss in Vilnius und einigen Jahren Arbeit als Lehrerin, heiratet sie und verlässt diese behütete Welt. Da ihr Mann aus Armenien stammt, zieht sie mit ihm ans andere Ende der Sowjetunion auf den Kaukasus. Binationale Ehen sind in der Sowjetunion zwar normal, doch die Heirat mit einem Armenier gibt in der Heimatstadt schon zu reden, wie Irena Bijagowa lächelnd anmerkt.

Obwohl der Umzug in die über 3000 Kilometer entfernte armenische Hauptstadt Jerewan einen starken kulturellen Wechsel bedeutet, hat Irena keine großen Schwierigkeiten, sich dort zu integrieren. Einerseits wird sie durch ihren Mann und ihre Schwiegermutter unterstützt, andererseits sind die Armenier generell sehr russenfreundlich. „Ich wurde überall als Russin bezeichnet“, erzählt Irena lachend. „Das, obwohl ich im Grunde genommen sehr schlecht Russisch sprach. Aber gerade weil ich so schlecht Russisch sprach, lernte ich relativ schnell Armenisch.“

Russophile Armenier

Die Mentalität ihrer Schwiegermutter ist bezeichnend für die meisten Armenier – sie ist eine armenische Patriotin und gleichzeitig sehr russophil. „Das war für mich ein Erlebnis, denn ich kam aus einem geschlossenen Kulturraum“, schildert Bijagowa die Situation. Im Gegensatz zu ihrer litauischen Heimat ist hier die Situation genau umgekehrt: Für Armenier gehört es zum guten Ton, ihr Kind auf eine russische Schule zu schicken. „Es fehlte dieser übertriebene Nationalismus. Manche Armenier sprachen oft besser Russisch als geborene Russen …“

Gleichzeitig lieben sie ihre eigene Kultur, und die armenische Musik, Malerei und Film, befindet sich zu jener Zeit auf einem Höhepunkt. „Das armenische Kino jener Zeit konnte sich problemlos mit den vielgerühmten italienischen Filmen messen“, meint Bijagowa begeistert.

Erdbebenkatastrophe von Spitak

1988 ereignet sich das Erdbeben im nordarmenischen Spitak, bei dem rund 25.000 Menschen ums Leben kommen, und das eine Katastrophe in der Geschichte des kleinen Landes bedeutet. Sogar im rund 250 Kilometer entfernten Jerewan schwanken die Leuchter in den Stuben, wenn auch die Hauptstadt weitgehend unversehrt bleibt.

Auch das Leben von Bijagowa gerät in Bewegung. Nach zehn Jahren als Hausfrau, kehrt sie wieder ins Berufsleben zurück. Nach dem Erdbeben läuft eine beispiellose internationale Hilfswelle an. „Heute habe ich das Gefühl, die Welt war damals viel gütiger als heute“, meint Bijagowa dazu. Zum ersten arbeiten große Organisationen vom Roten Kreuz bis hin zu „Médecins Sans Frontières“ auf dem Gebiet der Sowjetunion. Sie wickeln ihre Hilfsoperationen über Erewan ab und benötigen Personal vor Ort. Den vielen verletzten Erdbebenopfern muss geholfen werden, und die Philologin Bijagowa arbeitet sich als Koordinatorin und Übersetzerin am GTZ – Orts Büro in zwei absolut neue, aber sehr wichtige Gebiete ein: Orthopädie und Prothesenbau.

In den Kinderschuhen: Orthopädie und Prothesenbau
Doch das Erdbeben und der gleichzeitig einsetzende Zerfall der Sowjetunion stürzen das Land in eine tiefe Krise, und nach sechs Jahren ist die Situation in Armenien so schwierig, dass sich Bijagowa und ihr Mann zum Wegzug entschließen. In Petersburg kann sie auf demselben Gebiet fortfahren und arbeitet an einem sozialen Technikum für ein Ausbildungsprogramm der Karl Duisberg- Gesellschaft, das die Kenntnis bei der Herstellung von orthopädischen Schuhen fördert. „So etwas gab es damals kaum in Russland, und die Schuhe waren nur schwer erhältlich“, erklärt Bijagowa. Während einem ganzen Jahrzehnt hilft sie beim Aufbau dieser Sparte in St. Petersburg und gibt parallel dazu Sprachunterricht.

Und wieder ist es die deutsche Sprache, die sie 2001 an einen neuen Ort bringt: Hunderttausende von Russlanddeutschen, die unter Stalin nach Sibirien in den hohen Norden und nach Kasachstan deportiert worden waren, suchen nach ihrer Identität, nach ihrer Geschichte und nach Angehörigen. Die Stiftung „Deutsch-Russisches Begegnungszentrum an der Petrikirche St. Petersburg“ (DRB) mit ihren Zweigstellen bietet ihnen logistische, informative und auch materielle Hilfe. Viele der Menschen suchen aber auch nur etwas menschliche Wärme und Kontakt mit anderen Deutschen und ihrer Kultur.

DRB wird wichtiger Treffpunkt

Mit der Zeit baut Bijagowa zusammen mit der DRB-Leiterin Arina Nemkowa ein dichtes Veranstaltungsprogramm auf: interaktive Sprachwerkstätten mit Muttersprachlern, Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Senioren, Vorträge über die Russlanddeutschen und ihre kulturelle Heimat – Deutschland. „Damals war das Angebot an solchen Veranstaltungen in der Stadt noch viel kleiner, und es gab noch kein Internet“, erklärt Bijagowa.

„Es war nicht üblich, dass Bibliotheken Ausstellungen und Filmprogramme zeigten. Wir waren wie eine Insel für die Russlanddeutschen.“ Mit dem Angebot wachsen auch die Besucherzahlen – das DRB wird zu einem wichtigen Treffpunkt, nicht nur für deutsche Kultur, sondern auch für jene, die sich für die Deutschschweiz und Österreich interessieren.

Mit dem Geld ging auch der Enthusiasmus zurück

Aber nach der Jahrhundertwende ändert sich die Lage drastisch. Nachdem Millionen von Russlanddeutschen die ehemalige Sowjetunion verlassen haben, nimmt auch die finanzielle Unterstützung aus dem Westen deutlich ab. „Und mit dem Geld ging auch der Enthusiasmus stark zurück“, meint Bijagowa kritisch. Ein Grossteil der Begegnungszentren muss schliessen, und das Zentrum in der Petrikirche muss sich umstrukturieren um finanzierbar und konkurrenzfähig zu bleiben.

Von den Mitarbeiterinnen wird große Flexibilität und viel Einsatz verlangt. Während mehr als zehn Jahren organisiert Bijagowa Vorträge, Konzerte, Ausstellungen und muss als „Mädchen für alles“ dafür sorgen, dass das dichte Programm tadellos abläuft.

„Man lernt immer was dazu“

Nun tritt sie nun etwas kürzer und ist selten noch am Zentrum. Daneben hat sie nun etwas mehr Zeit für sich und kann jene Ausstellungen und Konzerte besuchen, für die sie früher keine Zeit hatte – zum Beispiel die Neue Eremitage oder das Große Dramatische Theater.

Doch sie hat ihr Pensum nur leicht reduziert und unterrichtet noch Deutsch und Englisch an der Nordwestrussischen Verwaltungshochschule. „Die Arbeit mit den Studenten tut mir gut und hält mich jung“, meint sie zufrieden. Außerdem leitet sie gerade einen DRB –  Lehrgang für künftige  Fremdenführer im Deutschen Viertel. „Man lernt immer was dazu“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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