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Petersbürgerin Annette Adar: „Aus grossen Schmerzen machen wir kleine Liedchen“

Von   /  15. November 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Anna ist noch ein wenig ausser Atem – sie hat eben eine Reisegruppe durch Petersburg geführt, und in zwei Stunden wird sie mit einer anderen nach Puschkin in den Katharinenpalast fahren. Je nach Saison ist sie Fremdenführerin, Dolmetscherin oder Hochschullehrerin – eine typisch russische Kombination. Noch heute sind die Lehrerlöhne an russischen Schulen und Universitäten zuviel zum Sterben und zuwenig zum Leben. Darum nutzen viele Pädagogen die Möglichkeit, sich in der freien Zeit ein Zubrot zu verdienen.


Sie ist voll im Schuss – obschon sie den Job bald 30 Jahre macht und mit der Stadt, ihrer Kultur und ihrer Geschichte vertraut ist wie mit ihrem eigenen Kind, ist keine Spur Routine zu spüren. Sie ist ganz drin in ihrer Rolle und schildert mit leuchtenden Augen ihre Erlebnisse mit den Touristen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die in Bussen und Booten die Stadt überschwemmen. Petersburg – Puschkin – Peterhof – Eremitage – mal individuell, mal im Bienenschwarm.

„Touristen sind wie ein Theaterpublikum – man muss ihnen ständig Aufmerksamkeit schenken und sie unterhalten“, beschreibt sie ihre Tätigkeit und muss lachen. „Ich erzähle zwar immer wieder dasselbe, aber ich versuche es doch immer wieder spannend zu machen und bin zufrieden, wenn es mir gelingt.“ Für sie zählt auch, dass sie dank ihrer Arbeit immer wieder interessante Leute trifft, mit denen sie gemeinsame Fragen zum Leben besprechen kann.

Differenziertes Deutsch, statt Intourist-Phrasen
Dass ihre Führungen geschätzt werden, liegt nicht nur an Annas grossem Wissen, sondern auch an ihrem ausgezeichneten Deutsch. Anstatt standartisierter Intourist-Phrasen formuliert sie alles sehr differenziert und mit viel Sprachgefühl – das, obschon sie keine deutsche Wurzeln hat. Ganz im Gegenteil stammt sie aus Wolgograd, einstmals Stalingrad, wo in ihrer Kindheit alles Deutsche mit den Kriegsgräueln in Verbindung gebracht wurde.

1980 kommt sie nach Leningrad, um Spanisch zu studieren, aber sie fällt durch die Aufnahmeprüfung. Sie kommt auf die Idee, es mit Deutsch zu versuchen – „Während des Studiums habe ich verstanden, wie schön diese Sprache sein kann“. Sie absolviert die Staatliche Leningrader Universität und kehrt nach einer kurzen Zeit als Dolmetscherin in Wolgograd wieder zurück an die Newa, wo sie heiratet und einen Sohn zur Welt bringt.

Professoren – früher „Götter“, heute Angestellte
Ab 1991 arbeitet sie als Assistentin am Lehrstuhl für Phonetik an der Staatlichen Uni. Die Liebe zu Ihrem Beruf ist bis heute ungebrochen, obwohl sich seither viel verändert hat. „Früher waren die Professoren ‚Götter‘, die viel Wissen, Geist, Emotionen und Glauben an ihre Studenten weitergaben, und ihre Studenten fühlten sich verpflichtet, etwas zurückzugeben“, beschreibt sie ihre Anfänge an der Uni. „Heute sehen sich die meisten Professoren als ‚Angestellte'“. Sie kritisiert auch die Kommerzialisierung des russischen Hochschulsystems – „Kaufmannisierung“ nennt sie das sarkastisch.

Zwischen 1995 und 2002 verfasst sie ihre Dissertation über die „Intonationsvarianten in der deutschen Sprache“. Bei linguistischen Analysen der Intonation werden die unzähligen Sprachnuancen im deutschen Sprachraum erfasst und aufgezeichnet. Bildlich gesehen gibt es dabei einen Kern der Sprache, um den sich viele Elipsen bilden. „Die wichtigste Entdeckung war für mich dabei, dass nicht der Kern das Wichtigste ist, sondern die Vielfalt darum herum“, erklärt sie begeistert. Ein reiches Feld an „Nuancen“ bietet Österreich, wo sie 1995 und 1998 in Wien an ihrer Dissertation arbeitet.

Ästhetische Lernmethode
Erst 2002 erhält sie ihren Doktortitel – die Arbeit geht langsam voran, weil sie immer gleichzeitig an mehreren Projekten arbeitet. Zum Beispiel an einem eigenen Deutsch-Lehrmittel mit dem witzigen Titel „Reise in die Sprache. Ein Lehrwerk für gute und böse Mädchen und Buben“ – die geplante Veröffentlichung wird jedoch durch die Wirtschaftskrise von 1998 zunichte gemacht. Daneben geht sie leidenschaftlich ihrer theaterpädagogischen Tätigkeit nach, die sie eigens für ihre Studenten entwickelt. „Es ist eine ‚ästhetische Methode‘, die viel natürlicher ist als die mit Theorie bepackte und kopflastige übliche Lernmethode“, erklärt sie.

Dabei setzt sie historische Aufnahmen berühmter Schauspieler wie Thomas Holtzman oder Michael Heltau ein. Sie lässt die Studenten lesen und spielen – und gründet 1999 ein Fremdsprachentheater zu Unterrichtszwecken. „So kam ich von der Wissenschaft zur Kunst“, beschreibt sie diese Entwicklung. Zuerst stellt sie dafür einen Regisseur an, doch das führt mit der Zeit zu Konflikten, und sie probierte es selbst – mit Erfolg.

Sehnsucht nach menschlichen Werten
Ihr Credo lautet: „Zurück zu Inspiration und Fantasie!“ Dem zeitgenössischen Theater fehlt es ihrer Meinung nach an Nuancen, an Tiefgang und Inhalt. „Wir sehen uns nach menschlichen Werten“. Bei der Suche nach diesen Werten stösst sie auf die Welt des Theaters und Cabarets der Zwanzigerjahre – und betritt selbst die Bühne.

Im Winter 2008 tritt sie zum ersten Mal mit ihrem eigenen Programm im Art-Café „Streunender Hund“ auf. „So oder so ist das Leben – die Zwanziger sind jetzt!“ Gemeint ist damit die Weltwirtschaftskrise, die gerade voll im Schwung ist und die in vielen Aspekten den Inflationsjahren der Weimarer Republik gleicht.

Temperamentvolle Blondine auf der Bühne
Ab jetzt trägt sie ihren Künstlernahmen – Annette Adar, und tatsächlich hat sie sich verwandelt. Aus der stillen, manchmal fast scheuen Frau ist eine temperamentvolle Blondine herausgetreten. Sie singt, spielt, erzählt, auf Deutsch, auf Russisch. Eine starke und bewegliche Stimme bringt die rauhen und bisweilen zynischen Lieder von Brecht und Weil aufs Tapet und zeichnet eine Zeit nach, die auf die unsrige wie eine Schablone passt.

Immer wieder arbeitet sie das Programm um, und die erfolgreiche Teilnahme am Amateurfestival in Hanau und an der Deutschen Woche in Petersburg ermutigen sie.  2011 kommt das „Happy End auf Russisch – ein Theater im Theater. Über die Entstehung einer Inszenierung.“ Hier zieht Adar eine Bilanz über ihre Anfänge im Show- und Theaterbusiness: eine Geschichte von Kampf, Leidenschaft, Misserfolg, Erfolg und Hoffnung. Die einsame Welt der Künstlerin zwischen Theatertraum und Showbusiness.

Versuchung des Reichtums
„Aus unseren grossen Schmerzen machen wir kleine Liedchen“, so beschreibt Annette ihr Engagement als Darstellerin in ihrer one-woman-show. „Ich mache aus meinen eigenen Erlebnissen ein Stück und kann dadurch Distanz zum Traurigen gewinnen.“ Sie hat Erfolg im kleinen Kreis, aber es fehlen ihr noch die nötigen Beziehungen, um weiter zu kommen.

Wieder hat sie wieder ein neues Projekt lanciert, und wieder ist es eine Parallele zur Weimarer Zeit – „Das Mädchen aus der Feenwelt oder: Der Bauer als Millonär“ von Ferdinand Raimund, ein Märchen aus dem 19. Jahrhundert. „Es soll ein musikalisches Märchen werden und natürlich auch die heutige Zeit spiegeln. „Es soll die Versuchung des Reichtums zeigen, dem die Russen von heute erliegen.“

Sie möchte mit Darstellern aller Generationen arbeiten, weg vom Regie-Theater, hin zum Sprechtheater und zur musikalischen Deklamation. Bereits ist sie daran, mit professionellen Schauspielern zu arbeiten – und sie glaubt fest an einen Durchbruch. Denn wie heisst es im hoffnungsvollen Lied der Comedian Harmonists aus den Zwanzigerjahren: „Einmal schafft’s jeder. Jeder kommt an, wenn er wirklich was kann. Einmal schafft’s jeder. Nur auf dich selbst kommt es an. Zeig dem Leben frech die Zähne. Mal hat jeder seine Strähne!“

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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