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Petersbürger Nils Kalle: Vom Abenteuer im Norden und nördlicher

Von   /  10. November 2017  /  2 Kommentare

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Von Markus Müller

Nils Kalle gehörte zur ersten Generation von „Westlern“, die es in den Neunzigerjahren ins postsowjetische Russland verschlug, die hier ihr Glück und oft auch ihre Liebe fanden. Nach einem spannenden Zwischenspiel in Nord-Norwegen will der deutsche „Ur-Petersbürger“ jetzt wieder zurück nach Petersburg, das seine Heimat geworden ist.

Wann und wie sind Sie nach Petersburg gekommen?

Im November 1995. Ein guter Freund aus Deutschland wurde damals von seiner Firma als Marketingberater zur Wodkafirma Livas geschickt und lud mich ein, Ihn zu besuchen. Das waren noch wilde Zeiten in St. Petersburg. Es fällt jetzt schwer zu glauben, dass das ein und dieselbe Stadt war. Es war düster, die Strassen kaputt. Die Fassaden heruntergekommen. Die Menschen in schwarz gekleidet, keine Reklame, kaum Autos, keine Geschäfte. überall nur Kioske. Es war gespenstisch und spannend, und über allem lag eine Aufbruchstimmung. Wir haben in einer kleinen Wohnung am Alexander-Nevsky-Platz gewohnt, im Treppenhaus war es dunkel, und es hat nach Urin gestunken, und gegenüber wurde irgendetwas sehr Luxuriöses gebaut. Mit viel Marmor bei Wind und Schnee und eisiger Kälte, sogar spät am Abend und am Wochenende… Wir waren beide von den Socken als es letztlich ein Wurstgeschäft wurde. Damit hatten wir beide absolut nicht gerechnet: ein Luxus-Wurstgeschäft.

Aber das war nur Ihr erster Besuch?

Ja, das war mein erster Besuch, eigentlich wollte ich nur eine Woche bleiben, aber ich habe dann etwas verlängert und nur drei Tage bevor es dann zurück auf meinen Schafsbauernhof gehen sollte, habe ich in der Pushkinskaya meine Frau kennengelernt. Allein dieser Abend war ein Abenteuer für sich.
Dort in der Pushkinskaya 10 stand ein grosses mehrstöckiges verlassenes Haus (heute ein Kulturzentrum Anm. d. Red). Eine Ruine. Dort im 3 oder 4 Stock hatte jemand einen ersten Klub eröffnet. Alles war improvisiert. Es hat mehr an eine Hausbesetzerparty erinnert als an einen Klub in dem Sinne. Das Treppenhaus war stockdunkel, und es stank, und überall lag Müll herum. Oben angekommen gab es einen Türsteher und drinnen einfach ein Tisch mit Bier. Das war die Bar. Die Musik kam von einem riesigen Gettoblaster. Es war gerammelt voll und eng, und es wurde heiss getanzt die ganze Nacht.

Vor der Stadt kommt bei uns Petersbürgern oft die Liebe – wie war das bei Ihnen?

Ich habe mich dann mit Ihr noch zwei Mal getroffen, dann ging es zurück nach Deutschland, aber für mich war klar, dass ich meine Frau getroffen hatte, und ich wollte zurück nach Petersburg. Diese irre Stadt im Aufbruch und Umbruch.
Ich habe Sie dann einige Monate später nach Deutschland eingeladen auf meinen Bauernhof in das Dorf Diahren mit 40 Einwohnern. Das war ein kleiner Schock für Sie, und damit war klar dass ich nach Petersburg kommen musste.
Ich habe dann meine Anteile an meinen Partner verkauft, meine Wohnung und Wohnungsbestand aufgegeben, verkauft und zum Teil bei den Eltern untergestellt….
Im April 1996 war ich dann mit zwei Koffern in Petersburg und bin in die Komunalka meiner Frau eingezogen. Wir haben dort auf 20 qm in einem Zimmer gelebt. In den anderen Zimmern lebte ein Rentnerehepaar und ein junges Paar mit Kind und Hund. Natürlich eine ganz neue Erfahrung für mich.

Einfach so nach Russland ohne die Sprache richtig zu kennen?

Ich habe in der Volkshochschule gleich angefangen bevor ich nach Petersburg gekommen bin und dann auch mit der Hilfe von meiner Frau. Es ist mir sehr schwer gefallen weil die Sprache so anders ist als Deutsch oder auch Englisch oder Spanisch. Wir haben am Anfang auch viel Englisch gesprochen. Das war viel einfacher und natürlich bequemer. Es hat drei Jahre gedauert, bevor ich letztlich angefangen habe selbst etwas zu sprechen.

Ich habe zunächst in einem Russischen Verlagshaus gearbeitet. Ich sollte Kontakte zu aussländischen Firmen aufbauen, um Werbung für die zu schalten. In dem Zusammenhang habe ich auch russische Firmen beraten für deren erste Ausstellung auf der Grünen Woche in Berlin.
Dann ging es weiter mit Immobilien für eine Amerikanische Agentur, Eine Verpackungsfabrik in der Nähe von Petersburg, eine Schweizer Software Firma, dann kam ein Auftrag für die GTZ, das Grand Hotel Europe und wieder Amerikaner. Es war immer wieder notwendig sich neu auszurichten, auch wegen der wirtschaftlichen unstabilen Lage und natürlich auch ab und dann für ein besseres Gehalt.

Als einer der allerersten haben Sie in Petersburg ein Minihotel eröffnet ? 

Ja, vor 14 Jahren kam dann die Idee durch einen Freund, eine Frühstückspension aufzubauen.  Das ist wieder eine ganz spannende eigene Geschichte! Mit finanzieller Unterstützung von Freunden und sehr viel Eigenleistung haben wir es dann tatsächlich geschafft. Mein Frau war zu der Zeit mit dem 3. Kind schwanger. Es war nicht immer einfach aber wir waren ein gutes Team, und ich ein Workaholic.

Die Pension gibt es noch immer und hat sich über die Jahre einen sehr guten Ruf erarbeitet. Mittlerweile verpachten wir die Pension. Es ist einfach alles viel zu viel: die Arbeit, nebenbei ständig irgendwelche Renovierungen, die Kinder, aber auch die Bürokratie, der Verkehr, das Wetter und diese riesige Stadt als solche…es gab viele Herausforderungen zu meistern aber eine Existenz sollte und wollte aufgebaut sein. Mehr Platz für die Familie und irgendein finanzieller Rückhalt, denn mit Rente in Russland und auch Deutschland ist ja nicht viel her.

Sie haben im Management vom 5 Sterne Hotel Europa gearbeitet wie hat sich in Ihrer Zeit das Hotelgeschäft und Ihre Pension entwickelt?

Es gab zu der Zeit nur die Bettenburgen mit schlechtem Service und die teuren 5 Stars. Wir wollten da eine Lücke füllen für Ausländer. Gut, aber günstig mit viel Service und Wärme. Fern von zu Hause aber wie zu Hause. Komfort, zentral, nett…
Das ist aufgegangen. Wir waren mit die Ersten. Heute gibt es bei Airbnb über 800 Einträge. Als das mit dem Internet begann, waren wir auch da immer die Ersten dort. Der Markt hat sich verändert. Es kommen weniger aus dem Westen, und vor allem ist die Konkurrenz sehr stark angewachsen. Das hat zu einem Preisverfall geführt und dazu sind viele wirklich gute Hostels gekommen. Dazu haben Booking.com und Airbnb den Markt an sich gerissen. Es fallen überall Prozente an und die Arbeitskraft ist auch teurer geworden.

Wir sind viel zu gut für ein Hostel aber auch nicht zu vergleichen mit einem wirklich guten Hotel, das es mittlerweile für sehr gute Preise zu bekommen ist. Interessant sind wir noch für Gruppen und Familien, die ganz authentisch im Zentrum leben wollen und dabei die komfortable private Atmosphäre lieben. Es sind die letzten Jahre auch viele Touristen aus Asien nach Petersburg gekommen, und hier fehlt uns derzeit noch der Anschluss.

Die ursprüngliche Idee hat sich in den 14 Jahren im Grunde überlebt, und wir spielen mit dem Gedanken die Pension einfach als Wohnung zu vermieten. Aber noch gibt es Sie, und sie wird tapfer und gut von Irina und Ihrem Mann geführt. Aufgrund der Nähe zum Moskauer Bahnhof und den stark angepassten Preisen ist die Pension recht beliebt bei den Touristen aus Moskau.

Warum hat es Sie dann mitten in das Bauchaos vor der Sochi Olympiade verschlagen? 

Ja, schon wieder ein Abenteuer und eine Geschichte, mit der man wohl ein eigenes Buch schreiben könnte.
In dem Jahr vor der Olympiade war ich sehr zufrieden bei einer amerikanischen Investment Firma beschäftigt, aber ganz unerwartet gab es dann einen neuen Vorgesetzten, mit dem die Chemie überhaupt nicht passte, und so war das Arbeitsverhältnis schneller zu Ende als gedacht. Zu der Zeit war ich finanziell gezwungen, möglichst schnell wieder Arbeit zu finden. Nach einigen Anrufen bei Bekannten und Freunden hatte ich dann das Angebot für den Job in Sochi.
Mein ehemaliger Chef im Grand Hotel Europe, Thomas Noll holte mich in sein neues Team in Krasnaya Polyana. Ich war dann der fünfte Angestellte im April 2013 von einem Team das im Ende Oktober 2013 über 2500 Mitarbeiter haben sollte.

Eigentlich sollte ich als Hotel-Manager ein Teilkomplex mit 1500 Betten übernehmen, aber letztlich bin ich dann zum Logistik-Manager geworden. 2500 Angestellte, 15 Tonnen Lebensmittel, Privatfahrer und Gäste mussten rund um die Uhr transportiert werden, zwischen Sochi und Krasnaya Polyana, aber auch zwischen und zu den verschiedenen Olympischen Objekten und Veranstaltungen und zu zwölf verschiedenen Arbeitsschichten. Eine unglaublich komplexe Aufgabe, die mich an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Oft war ich komplett überfordert mit dieser Aufgabe, bei der zusätzlich ständig improvisiert werden musste.

Und wie kommt man von Sochi nach Nord-Norwegen ans Ende der Welt?

Ich war fest entschlossen den Job in Sochi genau ein Jahr zu machen. Von April 2013 bis April 2014. Ich hatte schon gekündigt und verbrachte den letzten Monat in Krasnaya Polyana als mein Telefon ganz unvermittelt klingelte. Eine Ex-Kollegin rief an und fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, Geschäftsleiter eines Startups in Nord-Norwegen zu werden. Ich wäre „verrückt“ und gleichzeitig flexibel und erfahren genug für diesen Job. Ich war mitten in der Planung einer langen Russlandreise mit der Familie und wollte davon zunächst nichts wissen, habe mich aber dann überreden lassen zu einem unverbindlichenTreffen in St. Petersburg mit dem Projektleiter.

Es ging um den Aufbau einer Fabrik für King Crabs oder auch Kamtschatka Krabben in Nord Norwegen. Wirklich spannend und meine ersten hoch angesetzen Gehaltswünsche wurden sofort akzeptiert. Und so bin ich dann im Mai 2014 tatsächlich zu einer ersten Reise – immer noch unverbindlich – mitgefahren, um mir einmal alles vor Ort anzusehen. In Norwegen lag zu dem Zeitpunkt noch sehr hoch Schnee aber die Natur und die Landschaft war beeindruckend. Ich habe dann nochmals mit dem Gehalt nachverhandelt und konnte letztlich nicht widerstehen. Geld und Abenteuer haben mich letztlich überzeugt.

Und was war dann dort Ihre Aufgabe?

Ich war dann der Projektleiter vor Ort. Ich musste zunächst einen geeigneten Standort finden, den Kauf abwickeln, Kontakte aufbauen, ein Büro anmieten, ein Leasing Auto aus Oslo abholen, das Büro einrichten, die Fabrik mit entwerfen aufgrund der Bedürfnisse und später den Bau überwachen.
Leider ging die ganze Investition dann gehörig in die Binsen da der Investitionsplan komplett falsch aufgestellt war. Ich möchte an dieser Stelle betonen dass der Geschäftsplan und die gesamte Idee vor meiner Ankunft schon fest standen. Meine Aufgabe war die Umsetztung, die sich dann aber mehr und mehr als völlig unrealistisch herausstellte.
Nach drei Jahren ging den Investoren dann das Geld aus, und ich wurde mit hohen offenen Gehaltsforderungen arbeitslos, jetzt im August 2017.
In der Zwischenzeit hatte ich mir allerdings ein altes Haus ersteigert, um mir so ein gemütliches Heim am Ende der Welt aufzubauen, auch um es an Touristen und Fabrikpersonal zu vermieten. Mit dem Haus habe ich nun sehr viel mehr Arbeit und auch Unkosten als erwartet aber gleichzeitig nun ein eigenes Projekt und eine schön Aufgabe, die mich wirklich erfüllt.

Aus Deutscher Sicht leben wir in St. Petersburg schon im hohen Norden, aber selbst aus Sankt Petersburger Perspektive arbeiten Sie jetzt ja am absoluten nördlichen  Ende Europas. Wie lebt man da?

Am Anfang, also der erste Winter 2014 war wirklich hart. So eine dauerhafte Dunkelheit war ich nicht gewohnt. Selbst meine jahrelange Lebenserfahrung in St. Petersburg hat da nicht geholfen. Alles ist so relativ. Früher habe ich oft über das Wetter und den langen Winter in St. Petersburg geschimpft, nun kam mir die Stadt plötzlich wie eine südländische Traummetropole vor.
Die Polarnacht dauert 3 lange Monate. November, Dezember und Januar. Dann kommt das Licht aber recht schnell und intensiv zurück, und im März/April ist es schon fast wieder 24 Stunden hell. Die dauerhafte Helligkeit ist super. Das intensive lange Licht schenkt mir Energie und wirklich gute Laune.
Am Anfang hat mich auch die karge Natur und Landschaft irritiert aber nun habe ich den Reichtum hier erkannt: Rentiere, Schafe, ein unglaublicher Fischreichtum im Meer und in den Flüssen und Seen, Pilze in Massen und so auch Blaubeeren, Preiselbeeren, Moltebeeren und Krähenbeeren. Es gibt so frischen Fisch von den Fischern, geräucherten Lachs vom Feinsten, geräuchertes Renntierfleisch, frische Beeren – ich lebe hier wie ein Gourmet.

Der nächste Winter war dann schon ganz „easy“ und ich habe die dunkle Zeit sogar genießen können. Auch die Polarlichter hier sind unglaublich. Ein wirkliches Naturspektakel! Es ist schön gemütlich am Abend zu Hause im warmen Haus zu sitzen wenn es draußen dunkel ist und stürmt. Hier am Ende der Welt stürmt es heftig und häufig in den Wintermonaten und man bekommt wirklich die Gewalt der Natur gut zu spüren.

Auch ist hier der Winter noch richtig weiß. So viel sauberen und weißen Schnee hatte ich nie zuvor gesehen. überhaupt ist die Luft hier einfach sehr frisch, der Himmel klar und die Natur ist noch ein sauberes Paradies. Still und leer und voller Schönheit. Ich bin von dieser Ur-Natur mittlerweile total begeistert, und habe diese Gegend in mein Herz geschlossen.

Und die Familie?

Ja, die Familie war auch schon mehrfach zu Besuch hier, aber eben nur zu Besuch. Wohnen will hier keiner. Die ständige Trennung von der Familie, die langen Aufenthalte hier in Norwegen und die kurzen Zeiten in Petersburg tragen mehr und mehr zur Entfremdung bei, und es ist wirklich nicht einfach für meine Frau und die Kinder.
Sobald die Renovierungen an dem Haus abgeschlossen sind, möchte ich gern wieder dauerhaft zurück nach St. Petersburg. Nach über 20 Jahren ist und bleibt das wohl meine wirkliche Heimat, neben Norddeutschland natürlich.

Nils Kalles St. Petersburger Pension ist unter www.rentroom.ru zu finden sein Haus in Mehamn am Ende Europas kann man hier bei Air BnB buchen Haus am Ende der Welt.

Fotos: Artikel: (c)2002 Markus Mueller, Galeriefotos (c) Nils Kalle

 

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2 Kommentare

  1. Nils Kalle sagt:

    Markus, vielen Dank,
    esist ein wirklich schoener Artikel geworden und wird vielleicht mal die Einleitung zum vollstaendigen Buch meiner Abenteuer….:-)
    Liebe Gruesse zur Zeit aus Deutschland

  2. Ja, der Nils ist schon ein verrückter Vogel, aber ein guter ehrlicher Freund und ein Mensch, der in seiner Arbeit voll und ganz aufgeht, egal was für ein Job das ist, wie man im Bericht sieht.
    Sven, ja, ich bin der, der ihn nach st. Peterburg einlud.
    Weiterhin viel Erfolg und Spaß Nils

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