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Petersbürger Alex Markow: „Ich kämpfe gegen den Kult“

Von   /  19. November 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Alexander Markow ist Regisseur, Filmer und Kurator. Aber mehr als hinter der Kamera hat er seinen Platz in den Archiven gefunden, wo er leidenschaftlich nach Dok-Schätzen gräbt, die bisher unentdeckt geblieben sind oder heute einer ganz anderen Interpretation bedürfen. Dabei ist neben Russland und Deutschland auch Afrika in seinen Fokus gerückt, dessen jüngere Geschichte von sowjetischen Kameramännern festgehalten wurde.

Wer sich in der Petersburger Filmszene bewegt, dem ist Alexander Markows Gesicht sicher bereits begegnet. Als Kurator und Jurymitglied beteiligt er sich an verschiedenen Filmfestivals, wie zum Beispiel dem „Message To Man“. Zu seinen Spezialgebieten gehören neben Dokumentar- und Kurzfilmen auch deutsches und russisches Kino, darum betreut er bereits seit 2005 Kinoprojekte des Goethe-Instituts.

„Schwerpunkt Deutsch“ seit der Schulzeit

Markow ist ein ruhiger, diplomatischer Typ, ein „Brückenbauer“, der fliessend Deutsch spricht und mit Hilfe des Films zwischen der russischen und deutschen Kulturwelt vermittelt. Markow gehört zu jener Generation, die noch in der Sowjetunion aufwuchs und ihre Abgrenzung gegenüber dem Ausland bewusst miterlebte. Eine Schule mit einem Fremdsprachen-Schwerpunkt zu besuchen, war in seiner Kindheit noch eine Ausnahme.

„Unsere Eltern legten grossen Wert auf eine spezielle Ausbildung ihrer Kinder“, erklärt er. „Der Unterricht der Schule im Kirow-Bezirk war auf gutem Niveau, kulturelle Fächer waren wichtig. Wir waren brave Kinder, prügelten uns kaum und verbrachten unsere Zeit mehr mit Lernen als auf der Strasse herumzuziehen oder zu spielen“, beschreibt er seine Jugend und muss lächeln.

Ein Adler sorgt für Unruhe

Aber obwohl oder gerade weil die Schule offener und europäischer war als andere, achtete man dort noch sehr auf die ideologische Ausrichtung der Kinder. „Einmal gab es einen Zwischenfall mit einem Schulkollegen, der von seinem Vater, der Wissenschafltler   auf einem Expeditionsschiff war, ausländische Jeans mit einem Adler geschenkt bekam“, erinnert er sich.

„Der Adler wurde von allen wie wild kopiert. Aber weil es ein amerikanisches Symbol war, wurde in der Klasse eine regelrechte Untersuchung durchgeführt. Danach bekamen der Junge und sein Vater einen Verweis mit der Warnung, der Junge würde mit einem „Wolfsbillet“ entlassen. So nannte man ein Zeugnis, mit dem man an keiner anderen Schule aufgenommen wurde“, erzählt Markow und schüttelt ungläubig den Kopf.

Der Traum der Eltern: Seemann

„Dieser Junge wurde dann auch indirekt bestraft, indem man ihm später als allen anderen das rote Halstuch der „Pioniere überreicht. Aber das war ihm egal – er sagte nur: „Warum soll ich das Joch um den Hals tragen?!“ Markow muss lachen, wird aber schnell wieder ernst. „Ja, das war schon ein frühes Aussortieren damals.“

Auch Markows Eltern hatten den Traum, ihr Sohn würde einmal Seemann werden. Seeleute hatten in der Sowjetunion nicht nur das Privileg die ganze Welt zu bereisen, sondern konnten dabei auch gute Geschäfte mit importieren Waren machen, an denen es zuhause mangelte. Er begann auch die Ausbildung an der Hochschule für Zivilschiffahrt, merkte aber bald, dass es nicht sein Weg war. Dann fiel der eiserne Vorhang, und die Seemänner verloren ihren Sonderstatus.

Film, Geschichte, Archiv

So besuchte er zuerst das „Krupskaja“-Institut für Kultur und Kunst in der Studienrichtung als Bibliothekar, wechselte dann an die Filmabteilung mit der Studienrichtung Regie und bildete sich nach dem Abschluss zum Filmhistoriker weiter. Diese breitgefächerte Ausbildung erwies sich als richtig, denn die Arbeit in Film-Archiven ist bis heute seine Leidenschaft geblieben. Auch die deutsche Sprache und Kultur hat ihn weiter begleitet. Markow verbesserte seine Kenntnisse am Goethe-Institut und absolvierte 2005/2006 ein Praktikum an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg Konrad Wolf in Berlin.

Als er sich 2006 im Rahmen eines Austauschprogramms der NGO „Open World“ in New York aufhielt und an einem Seminar über Robert Flaherty und seine ethnografischen Filme in Alaska teilnahm, wurde er von der Direktorin eines afrikanischen Filmfestivals nach Archivbeständen sowjetischer Filmteams mit Aufzeichnungen aus Afrika angefragt. „Damals feierten viele ehemalige afrikanische Kolonialstaaten ihre Unabhängigkeitsjubiläen, und man interessierte sich für Afrika“, erzählt Markow. „Darum begann ich mich mit den russischen Archivbeständen in Kranogorsk bei Moskau zu beschäftigen und wurde mit einer Materie bekannt, die mich immer interessierte und zu einem eigenen Projekt anregte.“

Das russische Afrika-Engagement im Film

In den Sechzigerjahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, begann sich die Sowjetunion unter der Losung „Völkerfreundschaft“ in Afrika einzuschalten, lieferte Hilfsgüter und Waffen und organisierte den Austausch von Studenten. Das Engagement wurde natürlich propagandistisch begleitet, und auf tausenden von Metern Film wurde Leben und Kultur der jungen afrikanischen Staaten festgehalten. Dabei entstanden Aufnahmen aus den verschiedensten afrikanischen Regionen – im Maghreb, in Guinea, Ghana, Mali, Äthiopien, Tansania, Mozambique und Angola. Allerdings veränderten sich mit den Jahren die ideologischen Standpunkte und dementsprechend die Aufgaben der Filmleute in Afrika.

Markow umschreibt das Thema kurz in Stichworten: „Die Sechzigerjahre waren die Zeit der Romantik, der Unabhängigkeit, gesehen mit einer leidenschaftlichen Kamera. In den Siebzigerjahren dominierte die Pragmatik – Fakten über den Aufbau wurden gefilmt. In den 1980er-Jahren ging es bereits um innere Konflikte und um die „Bewahrung des Sozialismus“. Da ist kein Idealismus mehr zu spüren und der Stil dementsprechend trocken.“

Befreiungskriege wurden durch Bürgerkriege abgelöst

Schliesslich wurden die Befreiungskriege nach und nach durch Bürgerkriege zwischen örtlichen Herrschern abgelöst. „Diese Konflikte wurden von der sowjetische Propaganda versteckt“ erklärt Markow. „Man deklarierte sie als Kampf gegen die reaktionären Kräfte im eigenen Land.“ Ja, und dann kam der Zusammenbruch der UdSSR und das Verschwinden von jeglichem Interesse an Afrika. Ganz im Gegensatz zur früher proklamierten Völkerfreundschaft wurden afrikanische Studenten in Russland gejagt, misshandelt und sogar umgebracht. „Leider ist Afrika heute schon wieder vergessen, und man interessiert sich nur noch dafür, wenn es Katastrophennachrichten gibt“, meint Markow betroffen. „Aber trotzdem verfolge ich das Projekt weiter, denn es ist sehr interessant.“

Da die Aufnahmen zu diesem Projekt alle schon vorhanden sind, besteht Markows Arbeit vor allem in der Auswahl und der Dramaturgie – das ist keine leichte Aufgabe. Kommentiert werden die Filmsequenzen von den Kameramännern und von Markow selbst. Bei der Suche nach den Operatoren bin ich auf einen Moskauer Kameramann gestossen, der ursprünglich einen wissenschaftlichen Film über den Kongo drehen sollte und dann völlig überraschend in den Bürgerkrieg geriet“, erzählt Markow.

Propaganda den Tatsachen gegenüberstellen

Noch liegt der Film erst als Rohschnitt vor, um ihn möglichen Produzenten und Verleihern zu zeigen. Markow finanziert das Projekt aus verschiedenen Quellen, aber vor allem aus eigenen Mitteln. Er sucht nach Kontakten und reist im kommenden Februar an die Berlinale. Ausserdem versucht er den Film an Dok-Filmfestivals in Russland oder in frankophonen Ländern unterzubringen. Von mehreren Orten erhielt er bereits Anfragen, unter anderem aus Südafrika.

Sein Hauptanliegen ist es, die Hintergründe für die propagandistischen Filme über Afrika aufzudecken und sie den Tatsachen gegenüber zu stellen. „Eigentlich kämpfe ich gegen einen Kult“, erklärt er. Eine ähnliche Linie verfolgt er auch in seinen anderen Projekten, die noch im Entstehen sind – zum Beispiel die „Diktatur des Lichts“. Darin geht es um die Verwendung des Lichts als Mittel der Machtdemonstration und der ideologischen Manipulation in totalitären Systemen, wie dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Auch hier wurden mit Hilfe der Filmkamera ganze Kult-Gebilde zu einer künstlichen Wirklichkeit aufgebaut, die Markow entmystifizieren will.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.cinemarkov.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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