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Paul Ammann in Russland: „Ich finde es gut, dass sie an ihr eigenes Land glauben“

Von   /  14. Dezember 2018  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Dieses Jahr fand zum zweiten Mal ein gemeinsamer Workshop der Petersburger Wirtschaftsuniversität und der Berner Fachhochschule zum Thema „Internationalisierung“ statt, an dem sich auch der schweizer Technopark Mobahaus und das schweizer Generalkonsulat beteiligten (siehe Fotogalerie). Paul Ammann, Dozent an der Fachhochschule Bern, erzählt von seinen Erfahrungen mit den russischen Studierenden bei den Vorlesungen und der Lösung der Fallstudien (Case Studies, siehe Kasten) und erklärt, warum das Thema „Internationalisierung“ so aktuell ist.

SPB-Herold: Sie sind bereits zum zweiten Mal für diesen Workshop in Russland. Hat sich etwas verändert?

Paul Ammann: Nein, im Prinzip verlief die Veranstaltung sehr ähnlich wie im letzten Jahr. Die Studentinnen und Studenten sind sehr motiviert und erstaunlich gut. Gerade in den Case Studies sieht man das. Ich setze eine Fallstudie ein, die ich bereits in China, Russland und in der Schweiz eingesetzt habe – und hier wurden bisher die besten Antworten geliefert. Interessanterweise haben sich die Studenten hier schon vor dem eigentlichen Workshop intensiv mit der Fallstudie beschäftigt, im Gegensatz zu anderen Universitäten. Hier kamen sie bereits mit ihren Lösungen und haben im eigentlichen Workshop vor allem an der Verbesserung der Präsentationen gearbeitet.

SPB-Herold: Warum ist die Internationalisierung ein so wichtiges Thema?

Paul Ammann: Der Hauptgrund ist, dass die Welt während der vergangenen 20 Jahre immer mehr integriert wurde. Es gibt ähnliche Bedürfnisse in der ganzen Welt und immer mehr Möglichkeiten, international zu arbeiten – zum einen, weil die Zölle viel tiefer geworden sind, zum anderen, weil sich die Kommunikation dank der Verbreitung der IT-Technologie stark verbessert hat. Darum müssen das die Studierenden lernen.

SPB-Herold: Der politische Kurs Russlands ist momentan eher auf eine Isolation und „Sowjetisierung“ ausgerichtet. Wie steht es mit der Wirtschaft?

Paul Ammann: Ich höre dies oft in den Fragen der Studenten, aber ich denke, dass dies eher die politische Entwicklung betrifft als die wirtschaftliche. Ich kenne die russische Wirtschaft nicht im Detail, aber es scheint mir weniger darum zu gehen, die Wirtschaft einzuschränken, als nationalistisch-patriotische Ideen zu proklamieren. Es gibt gute Beispiele international erfolgreicher russischer Unternehmen. Wir behandlen z.B. das Softwareunternehmen Kaspersky im Workshop.

SPB-Herold: Warum kommen Sie ausgerechnet nach Russland?
Paul Ammann: Das entstand aus der Zusammenarbeit mit dem Russland-Experten Daniel Rehmann. Wir kamen früher mit unseren MBA-Studenten aus der Schweiz hierher, weil Russland bis 2008 enorme Wachstumsraten vorzeigen konnte. Doch seit der Finanzkrise ist Russland nicht mehr so interessant ist für Schweizer Firmen. Nun besuchen wir mit unseren Studenten nur noch China, die USA und Indien. Dafür komme ich jetzt allein an die Veranstaltung, die Daniel Rehmann organisiert.

SPB-Herold: Und das lohnt sich?
Paul Ammann: Für mich persönlich ist das super! Ich lerne die Stadt und die Wirtschaft kennen, Studenten und Professoren. Ich lerne hier extrem viel! Bisher kamen keine russischen Studenten in die Schweiz, aber eine solche Zusammenarbeit wird diskutiert, und auch eine Summer School in der Schweiz, in der die Studenten zusammen wären, ist im Gespräch.

SPB-Herold: Die meisten Studentengruppen stimmten in ihren Case-Studies für einen Einstieg in die russische Wirtschaft – ist dieser Optimismus gerechtfertigt?

Paul Ammann: Zuerst einmal finde ich es gut, dass sie an ihr eigenes Land glauben. Es wäre ja schlimm, wenn das Gegenteil der Fall wäre. Ob es gerechtfertigt ist, hängt vom Produkt ab, sowie von der Ausgangslage und der Entwicklung. Ich glaube schon, dass ein grosses Wachstumspotential vorhanden ist. Aber wie bei allen Case-Studies weiss man erst in zehn Jahren, ob der Entscheid richtig war. Auch McKinsey kann nicht eine hundert Prozent richtige Entscheidung liefern. Man muss versuchen, einen guten Entscheid zu fällen aufgrund verschiedener Analysen. Dahinter steckt immer auch viel qualitative Einschätzung. Am Schluss müssen Sie als Manager hinstehen und sagen: „Ich glaube daran.“ oder „Ich glaube nicht daran.“

SPB-Herold: Sind solche Case Studies nicht sehr theoretisch?

Paul Ammann: Doch, natürlich sind sie theoretisch. Im Prinzip sollte eine Case-Study der Übergang zwischen Theorie und Praxis sein. Es geht darum, zu üben, Dinge, die man gelernt hat anzuwenden und einfach mal zu entscheiden: Das ist der Verkaufspreis unseres Produktes in einem neuen Exportland.. Es ist nicht Praxis, aber auch nicht reine Theorie, sondern etwas dazwischen.

SPB-Herold: Spüren Sie keinen politischen Einfluss?
Paul Ammann:Nein, denn dieses Wissen ist globalisiert. Es spielt überhaupt keine Rolle, wer sich damit beschäftigt.

SPB-Herold: Wie ist das Verhältnis mit den russischen Hochschulen?
Paul Ammann: Ich spüre sehr viel Offenheit und Interesse, so wie auch in China. Hier wie dort sind die Hochschulen relativ frei, und man kann alles sagen und beliebige Themen diskutieren, wobei ich natürlich keine ganz „sensitiven“ Themen anspreche.

SPB-Herold: Wie gut kommen Sie in Kontakt mit RussInnen?
Paul Ammann: Erstaunlich gut. Ich war während meines Aufenthalts an einigen Konzerten und Theatervorstellungen, und jedes Mal, wenn mir etwas unklar war und ich mich erkundigte, erhielt ich bereitwillig und offen Auskunft – ausser in Einzelfällen, wenn die Person nicht Englisch sprach. Das Englisch-Niveau unter den Studierenden ist hier erstaunlich gut, wobei diese Hochschule sicherlich eine Eliteschule ist.

SPB-Herold: Wie sehen Sie die Rolle Russlands in der BRICS-Union, deren Wichtigkeit hier gerne von Politikern betont wird?

Paul Ammann: Ich denke, die Idee von BRICS, dass es eine Gruppe von Staaten gibt, die gleich wächst, funktionierte bis 2008. Heute ist die Entwicklung nicht mehr unbedingt dieselbe. Damals war das Wachstum ähnlich, weil die chinesische Wirtschaft boomte und z,B viel Stahl in Brasilien einkaufte. Dieses Wachstum war sehr einseitig, weil keine wirkliche Wertschöpfung in Brasilien stattfand. Das wurde später ersichtlich als die Zahlen in der Krise sofort einbrachen. BRICS ist heute keine sinnvolle Sicht mehr auf diese Länder.

„Case Studies“ – „Fallstudien“
eva.- In Fallstudien klären StudentInnen die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für ein Investitionsprojekt ab und wenden dabei ihr ganzes Wissen an. Gewisse Kriterien werden vorgegeben, andere wählen die Teilnehmer selbst. Im vorliegenden Beispiel wurde ein möglicher Einstieg eines Schweizer Exportunternehmens in den russischen Markt abgeklärt. Am Ende wird entschieden, ob und in welchem Rahmen investiert wird, welches Produkt zu welchem Preis produziert oder/und verkauft wird. Ihren Entscheid müssen die Studierenden mit Argumenten untermauern. Quelle: Paul Ammann: merz+benteli – Markteintritt Russland, in: Pepels (Hrsg.) Fallstudien zum Marketing, Herne 2015, S. 331 – 367.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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