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Ochraniki – Hüter der Un-Ordnung

Von   /  7. August 2008  /  Keine Kommentare

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eva.- Russland ist das Land der Vorschriften und Verbote – das hat Tradition, und das Volk ist es gewohnt, an der kurzen Leine gehalten zu werden. Wer Metro fährt, wird auf der Rolltreppe unablässig von einer Lautsprecherstimme über das richtige Verhalten belehrt, und selbst im Lift würde man eine Fahrt über dreißig Etagen benötigen, um das ausführliche Betriebsreglement zu studieren. Ja die Regeln sind oft so kompliziert, dass man in der Praxis kaum begreift, wie sie einzuhalten sind.

In einer solchen Un-Ordnung, braucht es neben der Polizei zusätzliche Wächter, so genannte „Ochraniki“ oder im anglo-russischen Slang auch „Sekjuriti“ genannt. Sie sind in erster Linie dort anzutreffen, wo man ein- und ausgeht oder, wo es etwas zu stehlen gibt. Da auf die richtig Polizei kein Verlass ist, steht an ihrer Stelle eben ein Amateur-Polizist. Sei es ein einfaches Geschäft, eine Bank oder ein Supermarkt – überall stehen oder sitzen Wächter im ausgebleichten Tarnanzug oder in düsterem Schwarz. Was man kann, darf oder muss, darüber entscheiden sie allein. Je nach Brisanz ihres Standorts besteht ihre Ausrüstung aus Schlagstock und Revolver oder Butterbrot und Kreuzworträtsel.

Neben Furcht einflössenden Muskelmännern mit Terminator-Blick versehen mancherorts auch sehr freundliche und hilfsbereite Wachleute ihren Dienst. Sie entpuppen sich bisweilen sogar als richtige Fach-Berater, die dem Käufer bei der Wahl eines Staubsaugers oder Fotoapparats die besseren Tipps geben können, als das gleichgültig herumsitzende Personal. Eine Mischung aus Sprechstundenhilfe, Wachhund und Auskunftsbüro bilden jene Damen und Herren, die an den Eingängen von Verwaltungsgebäuden, Firmen, Schulen und Studentenheimen sitzen. Verschanzt in kleinen Wachhäuschen mit Überwachungsmonitoren und Drehkreuz oder einfach hinter einem Schreibtisch mit Telefon und Schlüsselbrett, verfolgt ihr Blick die Ein- und Ausgehenden. Manchmal halten sie einfach ein Nickerchen – sie geben sich nicht einmal Mühe, es zu verbergen.

Wer seinen Passierschein oder einen Firmen-Badge zeigt, wird wortlos durchgelassen. Vorgeladene warten brav, bis sie am Empfang abgeholt werden. Aber wehe, man entschließt sich zu einem spontanen Besuch oder ist in Eile – dann werden Fantasien aus Kafkas Türhütergleichnis Wirklichkeit! „Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meinem Verbot hineinzugehen“, scheint der zeitungslesende Pförtner zu sagen. Hebt er jedoch den Blick, folgt sogleich die Drohung: „Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere.“

Oft siegt Frechheit, und man zieht rasch und selbstsicher am dämmernden Wachmann vorbei, ehe dieser sich aufgerappelt hat. Zögert man jedoch und lässt sich als Eindringling zurückhalten, hilft nur noch, demütig beim Türsteher um Einlass zu bitten, seinen Pass hervorzusuchen und den komplizierten Fragebogen auszufüllen: Name, Vorname, Geburtsdatum, Passnummer, Zweck und Dauer des Besuchs…

Mehr zum Thema finden Sie hier >>> Die „Männer in Schwarz“ geraten ins Zwielicht

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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