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Nordic ID – auf der Suche nach dem Architekturstil des Nordens

Von   /  3. Juli 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Mit einer Podiumsdiskussion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Baustile Nordeuropas feierte die Petersburger Architekturzeitschrift „Project Baltia“ ihr fünfjähriges Bestehen. Eine Ausstellung in der Peter- und Paulsfestung stellt die zeitgenössischen Baustile der skandinavischen Länder und Russlands einander gegenüber (Fotogalerie).


Die Architekturstile Nordeuropas unter einen Hut zu bringen, ist kaum möglich – soviel wurde im Lauf der Vorträge von Architekten und Architekturkritikern aus den verschiedenen Ländern bald klar. Gemeinsam ist ihnen höchsten der Trend zu Reduktion, zu vereinfachten, kubischen Formen – doch diese Tendenz ist in ganz Europa erkennbar.

Wie stark Architektur von Politik, Gesellschaft und Prioriäten im jeweiligen Land abhängt, wurde während des Forums, das von „Project Baltia“-Chefredaktor Wladimir Frolow moderiert wurde, eindrücklich demonstriert. „Gesellschaftliche Wohlfahrt“ – unter diesem Titel trat Daniel Golling, Chefredaktor der Zeitschrift Form auf. Damit war gleichzeitig die Baupolitik seines Landes definiert, die das Denken und Planen und letztlich die Form von Gebäuden beeinflusst.

Schweden – sozial engagierte Architektur

Als Beispiele wurden in erster Linie soziale Bauten gezeigt – ein Kindergarten, ein Altersheim, Sozialewohnungen. Die Gleichberechtigung, sowohl unter den Geschlechtern wie auch unter den sozialen Schichten, ist ein zentrales Element der schwedischen Gesellschaft. Gute Architektur im sozialen Wohnbau führe dazu, dass auch schlechter gestellte Menschen schön wohnen könnten und das Heim als Statussymbol seine Bedeutung verliere, meinte Golling.

Sogar in der Wirtschaft kommt dieses Denken zum Ausdruck. Beim Verwaltungsgebäude der Firma Skelleftea Kraft in Nordschweden sind sämtliche Etagen im straffen Einheitsstil gestaltet. Niemand könne erkennen, wo sich die Direktion befände und wo die einfachen Angestellten, erklärte er – und fügte lächelnd hinzu, dass ein finnischer Fabrikdirektor sein Office ohne weiteres durch eine protzige Sauna kennzeichnen würde.

Vorstoss in die wilde Bergwelt Norwegens

Ganz andere Perspektiven verfolgt man in Norwegen, das dank seiner Erdölvorkommen während der vergangenen Jahrzehnte einen aussergewöhnlich starken Anstieg des Wohlstands verzeichnet. Damit verbunden ist eine Bewegung in die Natur, die bisher als unwirtlich galt und nun dank guter Infrastruktur und neuer Technologien besiedelt werden kann.

Unter dem Titel „Luxuriöse Bescheidenheit“ präsentierte der Architektur-Journalist Anders Melson alte Fischerei- oder Bauernhäuser, die unter Wahrung der alten Substanz zu Wochenendhäusern umgebaut wurden. Auch der wachsende Tourismus zeigt sich im Bauen – in gebirgiger Einöde entstehen das Juvet-Landscape Hotel oder der Norwegian Wild Reindeer Pavilion. Kubische und naturgeformte Bauten mit riesigen Glasfronten dienen einzig dem unmittelbaren Naturerlebnis.

Altes und Neues verbinden in Dänemark

Da es in Dänemark keine spektakulären Naturlandschaften gebe, sei die Architektur selber effektvoller, erklärte der Chefredaktor von Arkitekten, Martin Martin Keiding. Vielmehr gehe es in Dänemark viel mehr darum, das Vergangene mit neuen Ideen zu verbinden – von daher der Titel „Traditionalismus versus Debatte“. Keiding stellte eine Reihe von Umbauten alter Gebäude in der Region Kopenhagen sowie auch einige Neubauten vor, darunter eine Schule ohne abgetrennte Klassenzimmer und ein Pfadfinderheim.

Und wo steht Nordrussland in diesem Netz der nordischen Länder, zu denen in der Ausstellung auch Finnland und Estland gezählt wurden? Die Petersburger Architektur befände sich zwischen einem Klassizismus der Vergangenheit und einem Regionalismus der Gegenwart – obschon hier Malewitsch gewirkt habe, sei die Architektur figurativ und nicht abstrakt, argumentierte der Architekt Michail Mamoschin. Dem DLT-Kaufhaus aus der Zeit vor der Revolution stellte er das neue Businesszentrum „Class A“ gegenüber. Trotzdem fand er, bezüglich Architektur gehöre die Stadt eher zu „Skandoslawien“ als zu Eurasien.

Petersburg braucht komfortablen und günstigen Wohnraum

Unter den Podiumsteilnehmern war auch Michail Vosijanow, der Petersburger Generaldirektor der finnischen Baufirma Yuit, die in der Stadt bereits zahlreiche Überbauungen errichtet hat und als eine der ersten Firmen komplett bezugsbereite Wohnung auf hohem Qualitätsniveau angeboten hat.

Der Architekt Ewgeni Bogdanow (RUMPU) nahm indirekt Bezug auf diese Firma, indem er von komfortablem Wohnraum zu günstigen Preisen sprach, der in russischen Grossstädten dringend gebraucht werde. Noch gäbe es leider Behörden und Gesetze, die vieles verhinderten, was anderswo möglich sei, meinte er, doch gab er sich optimistisch und zufrieden über den zunehmenden Einfluss durch ausländische Firmen und Architekten.

Die Ausstellung „Nordic ID“ ist im Ausstellungssaal der „Ionnavski Ravelin“ (nach dem zweiten Tor links) in der Peter- und Paulsfestung untergebracht und noch bis am 27. Juli zu sehen.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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