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Neues Mariinski II-Projekt: In Kanada bejubelt, in Russland verschmäht

Von   /  7. August 2009  /  Keine Kommentare

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Während man in Kanada den Sieg des Architekturbüros Diamond and Schmitt im Wettbewerb um den Mariinski-II-Bau beklatscht, zerpflücken Petersburger Experten das Modell aus Toronto. Der Tenor lautet: „Es kann nicht über Architektur diskutiert werden, wo keine vorhanden ist.“ Schon trägt der kubische Bau mit dem Wellendach den Übernamen „Einkaufs- und Vergnügungszentrum Mariinski-II“.

Von Eugen von Arb

In Toronto ist man stolz darüber, dass der Bau des ersten Opernhauses Russlands seit der Zarenzeit einem Einheimischen Architektenteam anvertraut worden ist. Jack Diamond wertet die Wahl als grosse Anerkennung für die kanadische Architektur. Er sei stolz, sein Projekt in der Nachbarschaft jenes Theaters zu realisieren, an dem Grössen wie Tschaikowski, Rachmaninow und Pawlowa gewirkt hätten.
Hohe Mentalitäts- und Sprachhürden

Allerdings, so räumte er ein, könne das neue Theater nicht ohne das Mitwirken eines grossen russischen Spezialistenteams realisiert werden. Die Sprachen und Mentalitätshürden seien dafür zu gross. Womit er bei jenem Punkt angelangt ist, wo die Probleme seines französischen Kollegen Dominique Perraults begannen, dessen ehrgeiziges „Goldkuppel“-Projekt vor wenigen Monaten als „unrealisierbar“ endgültig begraben wurde.

„Geschmackloser Fremdkörper“

An der russischen Mentalität, mit der das neue kanadische Projekt im Schnellzugstempo auserkoren wurde, stören sich nun Petersburger Architektenkreise. Sie kritisieren, der Sieger habe – als „Liebling“ von Valeri Gergiew – bereits im voraus festgestanden. Ausserdem habe man nach dem Perrault-Debakel ohnehin nur noch eines im Sinn – die neue Bühne so schnell und billig wie möglich zu bauen. Während man dem Kanadier in dieser Hinsicht Zugeständnisse macht, erntet Diamonds Gebäude bezüglich Aussehen vernichtende Kritik. Der Bau sei ein geschmackloser Fremdkörper, ein Supermarkt, der mit einer romantisierenden Schleife auf dem Dach verziert worden sei. Gergiev erhalte damit genau das, was er nie gewollt habe – eine Missgeburt.

Gouverneurin hält sich zurück

Pikanterweise hatte sich Gouverneurin Valentina Matwijenko, die sich normalerweise mit Kommentaren nicht zurück hält, diesmal aus der Diskussion herausgehalten – sie wolle sich nicht in die Diskussion der Spezialisten einmischen, liess sie laut fontanka.ru knapp verlauten. Allen ist klar, dass sich der sumpfige Bauplatz neben dem Mariinski-Platz mittlerweile in ein politisches Minenfeld verwandelt hat. Ein klares Zeichen dafür war, dass Premier Putin sich vor einigen Monaten persönlich in den Prozess einschaltete.

Zur „Chefsache“ erklärt

Nun fragt sich, ob die Beförderung des Theaterbaus zur „Chefsache“ die Arbeit des kanadischen Architekten eher fördert oder behindert. Einerseits werden die Kanadier sicher alle nur möglichen Vollmachten erhalten – nur um das neue Theater endlich aus dem Boden zu stampfen. Andererseits können nicht einkalkulierte Fehler oder Verzögerungen leicht den Zeitplan durcheinander bringen. In diesem Fall müssten die neuen Bauherren diesmal selbst für die entstehenden Kosten aufkommen, und das kann leicht teuer werden.

Glasverkleidung der Kanadier für Petersburger Klima geeignet?

Mit keinem Wort wurde bisher die aufwändige Glasverkleidung an Jack Diamonds Gebäude erwähnt . Genau sie wurde damals offiziell als Hauptgrund für Perraults Scheitern genannt, weil sie das launische Petersburger Klima nicht verkrafte. Ebenso unbeachtet blieb auch die Meinung der Bevölkerung. Das ist zwar für russische Verhältnisse relativ normal, doch haben sich die Verhältnisse seit der heissen Debatte um den Gasprom-Turm verändert, und manche, die früher einfach geschwiegen haben, sind heute bereit, ihre Meinung auf der Strasse kund zu tun.

Bilder: Handout

www.fontanka.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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