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Ausstellungsreigen: Namenlose Schönheit – freier Flug über Volgoda – religiöser Lubok

Von   /  24. August 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Das Russische Museum eröffnete gleich drei Ausstellungen gleichzeitig im Korpus Benois, im Marmorpalast und im Ingenieursschloss. Sie sind Werken unbekannter Künstler, dem Künstler Vladimir Korbakov und religiöser Malerei gewidmet.

Normalerweise sind Ausstellungen namhaften Künstlern gewidmet, um möglichst viele Besucher anzuziehen. Dieser Logik widerspricht eine neue Ausstellung im Korpus Benoît des Russischen Museums, die gerade dem “Unbekannten Künstler“ gewidmet ist. Sie zeigt Malerei und Skulptur des 17.-19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Russischen Museums.

In allen großen Museen der Welt ist ein Teil der Sammlung namenlos – im Russischen Museum sind es etwa 800 Kunstwerke von 15.000. Das sind Werke, die vom Künstler nicht signiert wurden, und bei denen trotz Anstrengungen aus unterschiedlichsten Gründen die Attribution bisher fehlgeschlagen ist. In der Ausstellung werden davon ca. zweihundert ausgestellt. “Dass sie keinen Namen haben, macht sie weder der Aufmerksamkeit des Betrachters noch des Ausstellens unwerter.”, sagt Grigorij Goldovsky, Leiter der Abteilung für russische Kunst der ersten Hälfte des 18.-19. Jahrhunderts.

Schwerpunkt Porträt

Dass die Ausstellung genau das 17.-19. Jahrhundert umfasst hat seine Gründe. Die Sammlung des Russischen Museums, das vor allem aus infolge der Oktoberrevolution konfiszierten Kunstwerken genährt wurde, ist allgemein fokussiert auf diesen Zeitraum. Vor allem aber waren die älteren Kunstwerke häufiger anonym als die die modernen.

“Diese Kunst ist farbig, detailliert und interessant”, sagt Grigorij Goldovsky. Das Herz der Ausstellung liege im Porträt. Darunter russische Porträts des späten 17. Jahrhunderts, sogenannte ‚Parsuns‘, Zarenporträts, Kinderporträts, Kaufmanns-, Geistlichen- und Militärporträts sowie Künstlerporträts.

Das Mosaik der Kunst

“Diese Werke gehören zum Mosaik der russischen Kunst, ohne das auch Brüllow, Aiwasow oder Kandinsky sich nicht auszeichnen würden”, sagt Grigorij Goldovsky. Tatsächlich bekommt man in dieser Ausstellung einen breiten Überblick über die Stile der Epoche. Neben Porträts enthält die Ausstellung auch Allegorien, Genremalerei, historische Malerei und Skulpturen.

Dabei haben einige der ausgestellten Werke vielleicht eher dokumentarischen als hohen künstlerischen Wert. Die Stile der Porträts scheinen nicht immer so ausgeprägt, wie die etwa eines Andrei Matveev oder Ivan Vischnjakov in den Porträt-Räumen der ständigen Sammlung des Museums. Die Katharinas, Annas und Elisabeths sehen wie gewohnt aus, die Militärs stellen ihre Orden zur Schau, die anderen Berufe und Künstler ihre jeweiligen Insignien, und die Kinder sind als kleine Erwachsene mit kokettem Blick und Geige, Buch, Speer oder Hündchen abgebildet.
Entdeckungen im Unbekannten

Aber man macht auch unerwartete Funde unter den Unbekannten. Das älteste Exponat der Sammlung etwa ist das “Gruppenporträt der Teilnehmer der Delegation nach England 1662”, ein perfekt angeordnetes Trio von Botschaftern. Ein Porträt des Prinzen Nikita Volkansky ist schlicht und edel. Auch unter den Kinderporträts, die als “Insitus”, also als primitive Arbeiten gelten, überraschen etwa ein “Junge mit Spiegel”, der sich vor dem Spiegel einen aufgemalten Schnurrbart ansieht, und das “Porträt des Jungen im roten Hemd mit einem Kartenhaus auf dem Tisch” mit Unkonventionalität und feiner Beobachtung. Unter den Künstlerporträts vermittelt zum Beispiel das “Porträt eines jungen Menschen im Bademantel” eine besondere Ausstrahlung.

Neben diesen erstaunlichen Funden zählen bei dieser Ausstellung all die Fragen, die sie aufwirft. Warum misst man den Namen unter Kunstwerken überhaupt so viel Bedeutung bei? Brauchen wir die Persönlichkeit eines Künstlers, um ein Kunstwerk wirklich schätzen zu können? Oder ist das ein Märchen des Kunstmarkts? Vielleicht ist sie auch eine Chance, einmal nur um des ästhetischen Genusses willen, ohne sich um Namen kümmern zu müssen, durch eine Ausstellung zu gehen.


Freier Flug über Volgoda

Viele Porträts enthält auch eine weitere Ausstellung des russischen Museums, die am 23. August eröffnet wurde. Sie ist dem Volgoder Künstler Vladimir Korbakov gewidmet, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Eines seiner Selbstporträts zeigt einen Mann, der getragen von bunten Luftballons über Volgoda fliegt. Das ist Korbakov. Seine rechte Hand wurde nach einer Kriegsverletzung im zweiten Weltkrieg gerade noch gerettet, und machte ihm zur farbigsten Figur des heutigen Kunst-Volgoda.

Griff in die Farbpalette

“Wissen Sie, ich mag sehr gern die wahre Malerei. Was ist wahre Malerei? Die wahre Malerei, das ist Farbe, das ist Plastik, das ist Leidenschaft, das ist absolute Freiheit, keine Ideologien sollen den Künstler stören”, sagt er. Seine Worte findet man in seinen Bildern. Sie zeichnen sich aus durch konstrastreichen Farben, Liebe zum Malerischen und zur Fantasie, eine hingebungsvoller Ernsthaftigkeit, dabei doch eine freie Spur von Humor.

Am Auffälligsten ist seine Liebe zur Farbe, wie sie in einem Selbstporträt auf den Punkt gebracht ist, auf dem ihm ein bunter Schmetterling auf der Handrücken sitzt. Besonders liebt Korbakov das Aufrollen des ganzen Farbbouquets, so etwa in einem Gemälde des Blumenmarkts von Amsterdam, auf einem Sebstporträt beim Eiermalen, oder in der Collage “Meine Sonne”, deren Strahlen aus Farbtuben bestehen.

Exzentrische Selbstporträts

Nicht alle der 45 ausgestellten Arbeiten sind Sebstporträts. Korbakov malt auch Fremdporträts, und besonders faszinieren ihn Stadtsilhouetten, von Volgoda bis zu orientalischen und italienischen Siedlungen. Aber die Selbstporträts, gibt Korbakov zu, der mit Anzug und charmantem Hut zur Presseeröffnung gekommen ist, sind seine Lieblingsserie. In jedem Fall sind sie die fantasievollsten, exzentrischsten seiner Bilder.

So malt er sich als falscher Sieger und als Klarsichtiger, im schwarzen Quadrat, verstrickt in Schläuche und als Hooligan. Auf vielen Autoporträts umschwirren ihn kleine Figuren und Objekte – seine Gedanken und Träume. Besonders evokativ sind Titel wie “Rätselhaftes Autoporträt”, “Selbstporträt ohne Maske” oder “Ich schaue hinaus auf diese rätselhafte und unverständliche Welt”. Besonders originell ist ein Porträt, das nur seine Arbeitskleidung zeigt, sowie ein “animalistisches Selbstporträt”, das einen angeleinten Hund abbildet.

“Ich male wie ich will”

“Sein Werk vereint die expressive Ausdrucksstärke des französischen Postimpressionismus mit der leuchtenden Dekorativität der russischen Folklore”, informiert das Press-Release der Ausstellung. Auch Einflüsse anderer Künstler,so verschieden wie Hieronymus Bosch, Picasso, Kandinsky und Malevich, lassen sich in seinem Werk finden.

Korbakov selbst reagiert auf diese Vergleiche nicht sehr begeistert. Von der Ideologie des Kommunismus abgeschreckt, hat er sich zu den Franzosen, etwa Cézanne und Van Gogh hingezogen gefühlt. Aber in eine Kiste lässt er sich nicht stecken. “Ich bin ein absolut freier Mensch”, sagt er, mit bitterernstem Blick und nachdrücklicher Handbewegung, aber nicht ohne eine Spur Ironie. “Ich male wie ich will.”

Religiöser Lubok

Eine dritte Ausstellung, die seit 23. August im Michailovsky-Schloss zu sehen ist, ist den religiösen Druckgrafiken und Lithographien gewidmet, die unter dem Namen “Lubok” bekannt sind. Lubok ist Russisch für Baumrinde, in die ursprünglich die Grafiken eingraviert wurden. Die etwa hundert Werke sind enstanden zwischen dem späten18. Jahrhunderts und dem frühen 20. Jahrhunderts entstanden und werden in der Ausstellung vergleichend mit der Ikonographie und der angewandten Volkskunst konfrontiert.

Unbekannter Künstler. Skupturen und Malerei aus dem 17. bis 19. Jahrhundert aus der Sammlung des Russischen Museums. Bis 8. Oktober geöffnet. Korpus Benois.

Wladimir Korbakow. Bis 24. September geöffnet. Marmorpalast.

Religiöser Lubok. Bis 24. September geöffnet. Michailsschloss (Ingenieursschloss).

www.rusmuseum.ru

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