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Museumswächter auf Samtpfoten – Die Eremitage hält eine Hundertschaft Katzen in ihren Kellern

Von   /  11. Februar 2009  /  9 Kommentare

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Über hundert Katzen bevölkern das Kellerlabyrinth des Eremitage-Palasts. Ursprünglich waren sie zum Schutz des Gebäudes und der eingelagerten Kunstwerke vor Mäusen und Ratten angesiedelt worden. Obwohl sie ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, hat sich das Museum seine Vierbeiner erhalten, pflegt und füttert sie, so gut es geht – die Eremitage ist zu einem Katzenasyl geworden.

Von Eugen von Arb

Selbst wer die scharfen Blicke der Museumswächterinnen für einen Moment überlisten und einen Blick hinter die weissen Rüschenvorhänge in die verbotenen Hinterhöfe werfen könnte, würde sie kaum bemerken – die Katzen hinter der Kunst. Sie sind oft scheu, mager und krank und verbergen sich am liebsten in den verschlungenen Kellerschläuchen des Museums, wenn der eisige Wind durch die Höfe fegt. Dort unten, in einem der schummrig beleuchteten Gänge ganz zuhinterst riecht es ganz intensiv nach ihnen. Ein kleines, sauberes Räumchen ist ihr Zuhause.

Der Blick fällt auf ein muffiges Sofa, einen alten Katalogkasten mit handbeschrifteten Schubladen, in dem sich die Katzenkartei befindet, und eine offenstende Eisentür, die in einen weiteren Raum mit Pritschen führt: das Krankenrevier. Überall, wo sich eine Sitzgelegenheit ergibt, sitzen Katzen, Katzen, Katzen… Sämtliche Katzenkörbe sind belegt und sogar auf den Heizungsrohren unter der niedrigen Decke liegen die Tiere, lecken sich das Fell, pirschen sich an ihre Nachbarn an oder beobachten, wie Galina Lukunowa den Boden fegt. Sie war früher Museumsaufsicht, und wurde vor drei Jahren dank ihrer Tierliebe vom Museum für diesen Job angestellt.

Wachposten in der Kartonschachtel

„Kiska, Kiska, Kiska, idi suda moja sladkaja!“Mit Lockrufen versucht derweil Tatiana Pralowna, seit einem Jahr Lukunowas Assistentin, ihre Schützlinge zu den Futtertöpfen zu bewegen und schöpft dabei den gesamten Reichtum an zärtlichen Diminutiv-Formen für das russische Wort „Katze“aus. Lautlos oder mit einem leisen Piepsen kommen die Kellerbewohner zu den Aluminium- und Plastikgefässen, in die Pralowna das Gemisch aus Kascha und Fisch geschöpft hat. Beladen mit Töpfen und Schalen wandert sie weiter durch das unterirdische Labyrinth, tauscht die schmutzigen Teller aus und verteilt den Brei an weitere Katzengruppen.

„Das Futter besteht immer mit einem Gemisch aus Kascha und einer Zugabe – Fleisch oder Fisch,“beschreibt Pralowna den Speiseplan ihrer Kundschaft. „Wir versuchen die Katzen gesund zu ernähren, aber wir können sie nicht verwöhnen – Trockenfutter zum Beispiel können wir uns nicht leisten.“ Während die Betreuung der Katzen mittlerweile ein fester Budgetposten des Museums ist, muss das Futter über Spenden beschafft werden.

Vorbei an immer wieder neuen Katzenkolonien geht die Fütterungstour weiter durch dunkle Korridore hinaus in den Hof, wo in Fensternischen, Schachteln und einer ganzen Reihe improvisierter Hütten mit Stoffvorhängen die Katzen hausen. Den ehrwürdigsten Wohnsitz haben sich zwei Tiere in einem der gestreiften Wachhäuser der Palastwache eingerichtet, misstrauisch schauen sie aus ihrem Versteck hervor, nur der Futternapf verrät sie. Zwei schwarzweiss gefleckte Herumtreiber können trotz pünktlicher Fütterung der Versuchung eines übervollen Abfallcontainers nicht wiederstehen und machen sich hinter die Essensabfälle der Palastküche.

Während der Blockade ausgerottet

Die Katzen wurden ursprünglich im 18. Jahrhundert auf Geheiss von Katharina der Grossen in den Palast gebracht, um das Gebäude  und die Kunstdepots im Kellergeschoss von Mäusen und Ratten freizuhalten. Die Geschichte bereitete dem edlen Katzen-Geschlecht jedoch nach 200 Jahren ruhmreichen Kampfes gegen die Nager ein brutales Ende.

Der Zweite Weltkrieg und die dreijährige Blockade der Stadt durch die Wehrmacht liess die Tiere wie Hunderttausende Stadtbewohner verhungern. Böse Zungen behaupten gar, die Bevölkerung habe ein Teil von ihnen gegessen. Erst nach dem Krieg wurden wieder Katzen aus Zentralrussland in die Stadt gebracht. Man erzählt sich noch heute, dass Kinder der Kriegsgeneration, die nie andere Tiere als Ratten gesehen hatten, beim Anblick der ersten Katzen entsetzt „Krissa!“ (Russisch: Ratte) geschrien hätten, weil sie sie für riesige Ratten hielten.

„Jede der Katzen verdient sich ihr Futter“

Trotz ausreichendem Futter, sauberen Unterkünften und ehrenamtlicher medizinischer Behandlung durch Veterinäre, erreichen die Eremitage-Katzen in der Regel kein hohes Alter. Man bemüht sich zwar, sämtliche Tiere zu sterilisieren, aber trotzdem kriegen sie manchmal Junge, die dann aber meist rasch wegen ihrer Schwäche sterben. Fast täglich wächst die Zahl der Katzen, obdachlose Katzen von der Strasse oder ausgesetzte Tiere finden den Weg ins Museum.„Leider werden viele von ihnen im Hof oder auf den Strassen um das Museum überfahren“, erzählt Lukunowa. Manchmal werden die Katzen versehentlich irgendwo eingesperrt oder verirren sich im komplizierten Lüftungssystem des Palasts und sorgen für Aufruhr. „Einmal fiel eine Katze hinter einer grossen Ausstellungsvitrine hinunter und musste von der Feuerwehr wieder befreit werden“, schildert sie.

„Nicht alle im Museum mögen die Katzen, weil sie finden, dass die Katzen nur Probleme mit sich bringen“, meint Tatiana Danilowa, die Vorgesetzte der beiden Pflegerinnen. Die Vierbeiner haben ihre ursprüngliche Funktion als Jäger verloren, da die Kunstdepots bereits seit längerer Zeit aus den Kellern in die oberen Geschosse verlagert wurden. Ist die Eremitage von heute also ein einziges Katzenasyl? Das weist Danilowa vehement zurück. Sie ist nicht nur vom günstigen psychologischen Einfluss der Katzen auf das Personal, sondern auch von ihrer Schutzfunktion für die oberen Etagen überzeugt. „Jede der Katzen verdient sich hier tagtäglich ihr Futter – seit drei Jahren habe ich keine einzige Maus oder Ratte hier im Museum gesehen.“

Die Eremitage ist eines der bedeutendsten Kunstmuseum der Welt mit einer Sammlung von insgesamt 2,7 Millionen Exponaten. In 350 Räumen werden zirka 60.000 Kunstwerke ausgestellt, die jährlich von ungefähr vier Millionen Besuchern betrachtet werden. Der Museumstrakt gehörte urspünglich zum Winterpalast und wurde 1764 von Katharina der Grossen zu einer Kunstsammlung umfunktioniert. 1852 wurde die Eremitage offiziell zum Kunstmuseum, das aber erst nach der Revolution von 1917 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde. (Wikipedia)

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Hundeleben: Obdachlose Tiere sind in Russland oft brutalen Jägern und Geschäftemachern ausgeliefert

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

9 Kommentare

  1. Nimgh sagt:

    Ja, der Artikel ist wirklich schön geschrieben, danke dafür!
    Ich wohne nur ein paar Gehminuten von der Eremitage entfernt und bin öfter dort. Zu manchen Zeiten sind kaum Besucher da und es hat mich schon gewundert – doch ich habe weder in den Ausstellungsräumen, noch in den Verbindungsgängen auch nur eine einzige Katze gesehen.
    Im Hof und den Kellern, ja! Aber oben nicht. Ich finde es bemerkenswert, wie das Personal es schafft, die Kuschelkatzen aus den ausgestellten Samtmöbeln fernzuhalten und sie daran zu hindern, ihre Krallen an den Wandteppichen zu wetzen! :-)

    Weiter so!
    Nimgh

  2. eva sagt:

    Liebe Katzenfreunde

    Ich weiss nicht, ob es ein Spendenkonto für die Eremitage-Katzen gibt – ich hatte damals mit Frau Getmanskaja vom Pressedienst zu tun und fand sie sehr nett. Am besten schreiben Sie direkt an sie – sie weiss bestimmt, ob es eine Katzenkatze gibt oder nicht. Soviel ich mich erinnere, spricht sie auch Englisch.

    Hier ihre Adresse:

    getmansk „at“ hermitage.ru oder press „at“ hermitage.ru

    Viel Erfolg wünscht

    Eugen von Arb

  3. Sabine sagt:

    Hallo,

    ich habe die Doku über die Palastkatzen (mehrfach) gesehen und würde gerne einen höheren Betrag spenden. Bitte um Mitteilung, wie das zu bewerkstelligen ist.

  4. Marina sagt:

    Ich war selbst vor 2 Wochen dort und über eine Bekannte habe ich Frau Dinolva kennengelernt, die mich in den Keller mitgenommen hat. Ich wusste zuvor nichts über diesen Katzenkeller. Aber mir kam es irgendwie bekannt vor und dann konnte ich mich erinnern, dass ich voe ein paar Jahren eine Reportage darüber gesehen hatte.
    Ich fand das überwältigend, was diese Frau dort auf die Beine gestellt hat. Hut ab!

  5. gerd sagt:

    meine frau und ich haben eine doku im fernsehen gesehen, liegt schon etwas zurück, wo die liebe und führsorge für die samtpfoten gezeigt wurde. im gegensatz zu meiner frau bin ich leider ein kulturbanause. wir werden sie besuchen, allerdings nicht mehr in diesem jahr.
    da aber ein sehr harter winter dazwischen liegt, möchten wir etwas gutes tun.
    senden sie uns doch bitte ihre kontonummer !!!

    liebe grüße aus bremen

  6. Alexandra sagt:

    schade, dass es sowas nicht für hunde gibt

  7. Von Fueberg sagt:

    Ein sehr guter Beitrag, informativ und sehr gut formuliert … ich hoffe das auch in Zukunft solch gute Beitraege geschrieben werden, also weiter so machen!Gruss

  8. eva sagt:

    Ja, die Katzengemeinde der Eremitage ist schon eine kleine Wunderwelt. Ein bis zweimal im Jahr öffnet sie sich sogar für die Öffentlichkeit – vor kurzem war „Tag der März-Katze“ in der Eremitage.

    http://www.spherold.ru/2009/eremitage-feiert-den-tag-der-marz-katze/

    Für Liebhaber der Eremitage, die nicht so kälteempfindlich sind, ist der März übrigens eine gute Reisezeit – man hat das Museum praktisch für sich allein. Nur draussen bläst ein kalter Wind und die Stadt ist noch im Tiefkühlstadium.

  9. angelika sagt:

    Ich hab vor einigen Tagen wieder mal die Doku über die Ermitage gesehen.
    Schon beim erstenmal war ich so begeistert und gerührt so etwas mitzubekommen.
    Ein ganzer Palast mit Katzen.
    Wie gerne würde ich mir ihn selber mal ansehen ♥

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