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„Mit gutem Willen und drei Gläschen Wodka“ – Fritz Pleitgen besucht Russland

Von   /  25. Oktober 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Fritz Pleitgen mag Russland und die Russen – das konnte man während der Begegnung im deutschen Generalkonsulat  einmal mehr spüren. Der bekannte Fernsehjournalist, Buch- und Film-Autor erzählte aus seinem Leben als Russland- und DDR-Korrespondent und erklärte seinem Publikum, warum Medienfreiheit wichtig ist. Mindestens ebenso interessant waren die Antworten auf die vielen Fragen, die ihm am Schluss gestellt wurden.


Der Fernsehmann Fritz Pleitgen, seine ruhige und etwas rauhe Stimme, sein Pokerface sowie sein politisches Feingespür, gepaart mit einem trockenen Humor sind für viele der Inbegriff für die deutsche Ostberichterstattung der Siebziger und Achtzigerjahre. Er steht für jene Zeit als der Eiserne Vorhang dank Willy Brandt und Helmut Schmidts Annäherungspolitik schon angerostet war, jedoch die Ostblockstaaten für Journalisten immer noch extrem schwieriges Gelände waren.

Auch Fritz Pleitgen, der 1970 für sieben Jahre in die Sowjetunion kam, stiess anfangs überall auf verschlossene Türen. Ohne eigenes Kamerateam musste man für alles und jedes musste um Erlaubnis bitten – immer schriftlich in einen Brief ans Aussenministerium und an die staatliche Presseagentur.

Ausbruch aus dem Moskauer „Bannkreis“

Nicht nur thematisch war er bei seiner Arbeit extrem eingeschränkt, sondern auch geografisch. Ausländische Korrespondenten durften sich ohne Genehmigung nicht über den Bannkreis der Moskauer Stadtgrenze hinausbewegen – und wenn ihnen das erlaubt war, nur auf den vorgeschriebenen Routen.

Dann gelang es Pleitgen, im Land der Verbote im richtigen Moment etwas Unerlaubtes zu tun, um ans Ziel zu kommen. Während des Staatsbesuchs des französischen Präsidenten Georges Pompidou in Moskau überstieg er einfach eine Absperrung und kam damit zum langersehnten Interview mit Leonid Breschnew. Dabei wurde er gefilmt und fotografiert und galt seither als „wichtiger“ Korrespondent. „Mein Team trug dieses Foto immer bei sich, und wenn es Schwierigkeiten gab, wurde es vorgezeigt und bewirkte Wunder“, schilderte Pleitgen die Situation.

Vertrauensverhältnis zu Regierung und Dissidenten

Als ein weiterer „Türöffner“ erwies sich die russische Literatur. Zu dieser Zeit habe man im Westen gedacht, sowjetische Literatur sei nur Propaganda – was aber nicht stimmte, erklärte Pleitgen. Mit Kamera und Mikrophon entdeckte er viele damals noch unbekannte Schriftsteller, wie Valentin Rasputin, Vasili Below, Vasili Schukschin und erhielt auf diesem Weg die Dreherlaubnis für die russische Provinz und Sibirien.

Auch höchst heikle politische Vorgänge – zum Beispiel die Ausweisung Solschnizyns 1974 – fielen in seine Zeit als Russland-Korrespondent. Aber trotz allem gelang es ihm, sowohl mit der Regierung wie auch mit der Dissidentenszene ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Mit gutem Willen und drei Gläschen Wodka“, wie er schmunzelnd bemerkte.

„Gegenbild“ im Westfernsehen

Diese Erfahrungen waren wohl entscheidend, um sich auch auf seinem nächsten fünfjährigen Korrespondentenposten in der DDR zurecht zu finden. Als westdeutscher Fernsehjournalist stand man unter besonderer Aufsicht von Staat und Staatssicherheit, denn Westfernsehen wurde auch im Osten gekuckt – und trug als „Gegenbild“ zum Zerfall der DDR bei. Eine zensurierte Presse sei zwar bequem für die Regierung, aber schlecht für die Gesellschaft – hingegen gefalle eine unzensurierte Presse der Regierung nicht, stabilisiere jedoch die Gesellschaft, gab Pleitgen zu bedenken.

Damit war das Thema Pressefreiheit, insbesondere in Russland angesprochen. Pleitgen zeigte sich besorgt nach einem Besuch bei Radio „Echo Moskvy“, wo ihm über die zunehmende Behinderung der russischen Journalisten durch die Regierung berichtet worden sei. Andererseits relativierte er: Zwischen der Medienlandschaft der Sowjetunion und heute lägen Lichtjahre.

Russland braucht Zeit

Russland brauche Zeit, mahnte er, und gab zu verstehen, dass man von deutscher Seite her keinen Grund habe, mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Auch Deutschland habe seine freie Presse und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erst nach dem Zweiten Weltkrieg von den Aliierten Siegermächten „geschenkt“ bekommen.

Und auch damit sei die Pressefreiheit noch nicht völlig gewährleistet gewesen – es sei sehr schwierig gewesen, den Deutschen beizubringen, dass die oberste Bürgerpflicht nicht mehr „Gehorsam“, sondern „Kritik“ heisse. Pleitgen plädierte für eine Skepsis der Journalisten sowohl gegenüber dem Staat wie auch gegenüber den Kritikern. Er sei kein Anhänger der Idee von der Presse als „vierte Macht“ im Staat – die Freiheit der Presse erfordere im Gegenzug auch Verantwortungsbewusstsein und Professionalität der Journalisten.

Offenheit gegenüber dem „Nemezki Fritz“

Im Anschluss an sein Referat wurde Pleitgen auf die Angst der Russen vor Spionen angesprochen. Diese liege den Russen wohl in den Genen, entgegnete er lachend, denn es habe sie bereits im 19. Jahrhundert gegeben. Andererseits betonte er, dass die Russinnen und Russen ihm gegenüber als Deutschen – dem „Nemezki Fritz“ – immer sehr offen und freundlich begegnet seien. Das habe er während seiner Filmreportagen auch in den entlegensten Gegenden immer wieder erlebt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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