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Mendelsohns Trikotagenfabrik in Petersburg droht der Abriss

Von   /  8. Oktober 2014  /  Keine Kommentare

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eva.- Der konstruktivistische Prachtbau von Erich Mendelsohn (1926-1937) sollte zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst umgebaut werden. Da sich jedoch keine Geldgeber fanden, kam der grösste Teil des Areals unter den Hammer – die Zukunft des Kraftwerk-Trakts ist noch unbestimmt (siehe Fotogalerie).

Die Trikotagenfabrik „Krasnoe Snamja“ („Rotes Banner“) figuriert in vielen Architekturführern über St. Petersburg an Vorzeigebeispiel für Ära des Konstruktivismus. Andererseits fristet die Architektur der Zwanziger- und Dreissigerjahre in der schöngeistigen „Kulturhauptstadt“ ein ziemlich kümmerliches Dasein, und wer die Baugeschichte der Trikotagenfabrik näher betrachtet, versteht, warum sie bei all ihrer Pracht ein ungeliebtes Kind geblieben ist.

Was 1925 als mustergültiges Beispiel fortschrittlicher Industriearchitektur begann, endete bereits drei Jahre später in einem Zerwürfnis zwischen Erich Mendelsohn und seinen russischen Partnern, die sein Projekt nicht nach seinem Willen umsetzen konnten und wollten. Schliesslich entsagte sich der deutsche Architekt sogar als Autor von dem Bauvorhaben.

Architekturbüros aus Deutschland und England beigezogen

Plangetreu wurde in erster Linie der Kraftwerkstrakt an der  Pionierskaja 53 umgesetzt, der trotz des jahrzehntelangen Zerfalls noch heute eine unglaubliche Dynamik ausstrahlt. Diesen Teil versuchte der russische Unternehmer Igor Burdinsky ab 2006 zu einem Kulturzentrum ausbauen. Für dieses Projekt, das auch von Eremitage-Direktor Michail Piotrowski unterstützt wurde, zog er die beiden Architekturbüros Kramm & Strigl aus Deutschland und David Chipperfield Architects aus England hinzu. Letzteres hatte bereits am Wettbewerb für die Umgestaltung des Geländes von Neuholland teilgenommen.

Auf dem Rest des rund 38.000 Quadratmeter grossen Areals sollten ein Hotel für Gäste an der Fussball WM 2018, sowie Künstler- und Designerwerkstätten und Wohnungen errichtet werden. Die Kosten dafür wurden auf umgerechnet 200 Millionen Dollar geschätzt. 2009 versuchte Burdinsky, vom städtischen Denkmalschutzamt die Genehmigung für einen Umbau zu erhalten, um auf Investorensuche zu gehen. Das Projekt wurde zwar behandelt, doch fällte man keinen Entscheid, und bis heute steht die Fabrikruine unter Denkmalschutz.

Eines der letzten nicht überbauten Industrieobjekte auf Petrograder Seite

Ohne diese Grundvoraussetzung gelang es nicht, Geldgeber zu finden. Hinzu kamen Eigentumsstreitigkeiten um Teile des Grundstücks. 2010 folgte schliesslich der Bankrott, was den Eigentümer zum Verkauf des grössten Teils des Areals im Gesamtwert von rund drei Milliarden Rubel zwang. Im April dieses Jahres war das Konkursverfahren abgeschlossen, doch der prestigeträchtige Kraftwerkstrakt ist weiterhin in Budinskys Besitz.

Laut Fontanka.ru hoffte er weiterhin, ausländische Geldgeber für sein Vorhaben zu interessieren, aber die Krise in der Ukraine und die Wirtschaftssanktionen des Westens lassen wenig Hoffnung. Die Trikotagenfabrik ist eines der letzten Industrieobjekte auf der Petrograder Seite, das noch nicht überbaut worden ist. Ein weiterer Konstruktivismus-Bau, die Lewaschowski-Brotfabrik, wird vermutlich schon im kommenden Jahr einer Überbauung weichen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

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Schwerpunkt AVANTGARDE: Ungeliebtes Wunderwerk – Mendelsohns Trikotagenfabrik “Rotes Banner”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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